Summary

Meine Beziehung zum Karneval ist ambivalent – I love it and I hate it at the same time.
Mich fasziniert seine archaische Kraft: die Möglichkeit zur Verwandlung, das Eintauchen in eine andere Wirklichkeit, das Spiel mit Identitäten und die Erfahrung von Gemeinschaft. Karneval hat uralte Wurzeln. Alte Fastnachtsbräuche beschränken sich nicht nur darauf, mit wildem Treiben und Umzügen den Winter auszutreiben und das neue Leben zu erwecken. Es ging auch darum, für kurze Zeit die gewohnte gesellschaftliche Ordnung aufzuheben und Kontakt zu einer inneren, wilden Seite des Menschseins, unserer Tierseele, aufzunehmen. Tiermasken und Verkleidungen spielten dabei seit altersher eine große Rolle dabei.
Gleichzeitig sehe ich die Schattenseiten des heutigen Karnevals sehr deutlich: Sexismus, Rassismus, postkoloniale und patriarchale Strukturen, Kommerzialisierung, enthemmten Konsum sowie Aggression und Grenzüberschreitungen. Vieles, was als „Tradition“ gilt, reproduziert Machtverhältnisse und verletzt die Würde marginalisierter Gruppen.
Zugleich wird Karneval zunehmend zu einem Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel. Aktivist*innen und öffentliche Debatten machen Diskriminierung sichtbar und stellen die Frage, welche Formen von Humor, Kostümierung und Brauchtum heute noch verantwortbar sind.
Für mich persönlich ist Karneval ein Übungsraum: für Selbstreflexion, für den bewussten Umgang mit eigenen Privilegien und für die Bereitschaft, dazuzulernen. Karneval ist auch ein Feld, auf dem ich übe, wie ich mit für mich schwer erträglichen Meinungen umgehen kann. Angesichts der Spaltung in unserer Gesellschaft interessiert mich, wie ich klare Grenzen ziehe und vermeide, mich in einem „Recht haben wollen“ zu verhärten. Spaltung können wir nur überwinden, wenn wir es schaffen, mit dem Menschen jenseits der Position in Kontakt zu bleiben.
Vorchristliche Wurzeln

Feste, an denen die gewohnte Ordnung einer Gesellschaft außer Kraft gesetzt wird und bestehende Verhältnisse umgekehrt werden, sind sehr alt und finden sich überall auf der Welt. Mächtige werden ohnmächtig – Unterdrückte übernehmen die Herrschaft, Frauen werden Männer – Männer werden Frauen, Starke werden schwach – Schwache stark. Hässliche werden schön – Schöne hässlich. Die bestehenden Regeln werden für kurze Zeit „verrückt“ und außer Kraft gesetzt. Die Ordnung der Welt spielt verrückt.
Bereits vor rund 5000 Jahren wurden in Mesopotamien Feste gefeiert, in denen für eine kurze Zeit die Bauern mit den Herrschern auf einer Stufe standen. Ob das Wort Fastnacht auf das vorchristliche Fest zur Wiedererweckung der Fruchtbarkeit, die Faselnacht, zurückgeht oder auf die am Aschermittwoch beginnende christliche Fasten-Zeit (Abend vor dem Fasten – mittelhochdeutsch Vastnaht), lässt sich nicht eindeutig klären. „Karneval“ könnte als carne vale – Abschied vom Fleisch ebenfalls einen Bezug zur christlichen Fastenzeit oder sogar bereits dem römischen Reinigungsfest Februa haben. Fest steht, dass sich an Karneval viele heidnische und christliche Bräuche vermischen.
Zugang zu anderen Welten

Das Gewohnte, der Norm entsprechende, verliert seine Gültigkeit. Die Welt außerhalb der Grenzen des Wahrnehmbaren wird sichtbar, spürbar und erlebbar. Eine verrückte Welt der Geister und alten Mächte. Die Perspektive auf das Gewohnte und Alltägliche verändert sich. Wer die Grenzen des Gewohnten überschreitet, nimmt Kontakt auf zu einer anderen Ebene des Bewusstseins, zur Anderswelt. Wir können in Verbindung kommen mit Mächten und Kräften, die es im alltäglichen Bewusstsein nicht gibt. Für eine kurze Zeit scheint alles denkbar, alles möglich.
Perspektiv-Wechsel

Masken und Verkleidungen spielen zur Fastnachts-Zeit eine zentrale Rolle. Jeder kann in eine andere Identität und Rolle schlüpfen und die Welt aus dieser Perspektive betrachten. Die Verkleidung kann dabei helfen. Mit einer Maske sind ganz neue und andere Erfahrungen möglich.
Wir können auf spielerische Art und Weise erfahren, dass es nicht die eine Identität gibt. So geht auch die buddhistische Lehre davon aus, dass es nicht die eine feststehende Identität, das eine feste Selbst gibt (Prinzip des Anatta – „Nicht-Selbst“). Nach dieser Vorstellung kann man das Selbst als Prozess verstehen, der wie alle anderen Lebewesen, Dinge und Phänomene ständiger Veränderung unterworfen ist (Prinzip des Anicca – Veränderlichkeit). Wir können das im Alltagsleben gut beobachten. Wir haben unterschiedliche Identitäten oder Rollen bei der Arbeit, als Tochter bzw. Sohn, als Eltern, als Partnerin oder Partner, in Freundschaften, im Supermarkt, beim Arzt. Das kann man beliebig weiter denken. Wenn wir zu stark mit bestimmten Rollen identifiziert sind, kann uns das einengen, lähmen und schmerzhaft sein. Wenn wir beispielsweise Glaubenssätzen anhängen, wie: „Ich bin immer die, die…“ oder „ich bin nicht gut genug“ oder „ich muss, so sein oder dass machen“. In diesen Momenten kann uns das Konzept von Anatta helfen, uns aus einengenden Identitäten zu befreien. Wir dürfen uns klar machen, dass das nur Geschichten sind, die wir uns über uns selbst erzählen. Wir sind immer auch mehr und etwas anderes. Ich bin nicht nur die, die Angst hat. Ich bin auch die, die mutig ist. An Karneval haben wir spielerisch und voller Leichtigkeit die Möglichkeit, nach außen sichtbar beengende Identitäten abzulegen und in die Rolle zu schlüpfen, die wir gerne wären.
Und unabhängig von begrenzenden Identitäten ist jeder Perspektiv-Wechsel auch mit Öffnung für andere Sichtweisen und Lernen verbunden. Wenn wir in eine andere Rolle schlüpfen, haben wir die Gelegenheit die Welt mit anderen Augen zu sehen. Es ist immer eine Bereicherung, sich vorzustellen, wie die Welt für einen anderen ist. Wie ist ein Frau zu sein, wie ist es ein Mann zu sein? Wie fühlt es sich an, ein Tier zu sein? Wie denkt ein Wolf?
Tiermasken – Verbindung zur Tierwelt

In vielen alten Kulturen spielen Tiermasken eine wichtige Rolle. Um in die Perspektive des Tieres zu schlüpfen, an der Kraft des Tieres teil zu haben und mit dessen spiritueller Ebene Kontakt aufzunehmen. Die Verbindung von Menschen und Tieren ist in allen naturspirituellen Vorstellungen eng. Die aufwändigen und sehr naturgetreuen Malereien der Steinzeitmenschen (siehe oben Höhle von Lascaux in Frankreich) zeigen fast ausschließlich Tiere. Die Germanen gingen davon aus, dass sich ein Teil der menschlichen Seele in einem Tiergeist verkörperte. Tiergeister und Totemtiere, die Menschen und ganze Clans beschützten und ihnen bestimmte Eigenschaften verliehen, gehörten zur Vorstellungswelt der amerikanischen Kulturen. Ähnliche Vorstellungen gab es auch in Europa. Tiere wurden als Lehrer:Innen angesehen, die bestimmte Kräfte oder eine bestimmte Weisheit (Tier-Medizin oder Tierkraft) vermittelten.

Verwandlungen von Menschen in Tiere sind unter anderem in der germanischen, der keltischen, der römischen, griechischen und ägyptischen Mythologie häufig zu finden. Und umgekehrt nahmen die Götter oft Tiergestalt an. Bei den Kelten ist der Mythos des Gestaltwandlers ein zentrales Element. Cernunnos der Gott der Erneuerung und Wiedergeburt trat beispielsweise häufig als Hirsch in Erscheinung. Das Abwerfen des Geweihs steht für die fortwährende Wiedergeburt. Kriegsgöttinnen konnten die Gestalt von Raben oder Krähen annehmen, um die Seelen der Toten fortzutragen. Auch in der mitteleuropäischen Märchenwelt, die vorchristliche Wurzeln hat, sind solche Verwandlungen häufig zu finden. Im Märchen von den sechs Schwänen werden die Königssöhne von der bösen Stiefmutter in sechs Schwäne verwandelt. In Schneeweißchen und Rosenrot ist der Königssohn in einen wilden Bären verwandelt. Der Bär steht für Kraft und Fruchtbarkeit. Er ist ein Sonnentier, ein Beschützer. Tiergestalten spielen in den Märchen häufig eine besondere Rolle, wie in dem Froschkönig, dem gestiefelten Kater oder der Wolf in Rotkäppchen. Wölfe stehen in vielen Kulturen für die Wachstums- und Lebenskraft. Die Begegnung von Rotkäppchen mit dem Wolf kann auch als Initiation in das Erwachsenen-Dasein gesehen werden. Sie kann für die Begegnung mit der wilden Lebenskraft und Befreiung aus engen Familienverhältnissen stehen.
Diese Geschichten zeigen die Verbundenheit und Neugier, die der Mensch immer schon gegenüber anderen Lebewesen hatte. Es kommt hier auch der Wunsch zum Ausdruck, die besonderen Kräfte anderer Spezies zu teilen. Seit altersher stellten Tier- und Dämonenmasken das Mittel dar, mit dem die jeweilige Tier-Energie gerufen und verkörpert wurden. Tier- und besonders Vogelmasken waren für Schamanen ein Mittel, um mit der Unterstützung und Kraft des Tieres in die Geisterwelt zu reisen. An Karneval können wir uns an diese uralte Verbindung des Menschen mit den Tieren erinnern.
Raum für die wilde, ungezähmte Seite in uns

Fastnachts-Bräuche beschränken sich nicht nur darauf, mit wildem Treiben und Umzügen den Winter auszutreiben und das neue Leben zu erwecken. Im Rasen, Toben und Verrückt-Sein der Fastnacht fällt kurze Zeit die Grenze zwischen der Sicherheit unserer Zivilisation mit ihren gesellschaftlichen Normen und Rollen und unserer inneren, ungezähmten Wildnis. Wir werden wieder Teil jener großen Gemeinschaft von Lebewesen, zu der wir gehören. Das hat auch reinigende Aspekte für Seele und Gemeinschaft. Wir können uns daran erinnern, dass auch wir Tiere sind und in Kontakt kommen mit unserer wilden Tier-Seele, die durch und durch verbunden ist mit dieser Welt.
Karneval heute: Schattenseiten und Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel

Meine Gefühle für Karneval lassen sich gut beschreiben mit „Oh I love it and I hate it at the same time“. Ich hatte immer schon gespaltene Gefühle für den Karneval.
Ich liebe es, in meine Phantasie einzutauchen, Kostüme selber zu machen, aus alten Kleidungsstücken und Dingen etwas Neues entstehen zu lassen, mich in neue Perspektiven und Identitäten hineinzuversetzen. Und ich liebe es, im Straßenkarneval in eine Phantasiewelt voller wunderbarer kreativer Kostüme einzutauchen, in der alles möglich erscheint. Eine Welt, in der Einhörner im Supermarkt das normalste auf der Welt sind und jeder für kurze Zeit (fast) alles sein kann, was er möchte. Ich liebe auch die gemeinschaftsbildende Wirkung, wenn man mit verschiedensten Menschen ins Gespräch kommt und gemeinsam feiert.
Gleichzeitig sehe ich die Schattenseiten des (heutigen) Karnevals: Sexismus, Patriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Postkolonialismus, Kommerzialisierung und enthemmter Konsum, Rausch und Aggression, die Stabilisierung von Hierarchien und elitären lokalen Strukturen. Diese problematischen Seiten betreffen in besonderem Maß den stark ritualisierten und reglementierten organisierten Karneval.
In seine ursprünglichen Formen war Karneval geprägt von gemeinschaftsbildenden, spirituellen und subversiven Elementen. Seit dem 19. Jahrhundert wird der Karneval in Deutschland zunehmend durch Vereine reglementiert und organisiert. Dadurch ist einiges von der ursprünglich herrschaftskritischen und subversiven Kraft des Karnevals verloren gegangen. Karneval hat heute eher eine systemstabilisierende Wirkung im Sinne der römischen Strategie von „Brot und Spiele“. Für eine kurze Zeit scheint im Karneval alles erlaubt. Rollentausch, kanalisierter öffentlicher Spott über die Mächtigen und kollektive Zugehörigkeits- und Rauscherfahrung können für eine Entlastung von Ohnmachtsgefühlen und Frust aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Probleme führen. Statt einer ernst gemeinten Systemkritik wird in Büttenreden und auf Karnevalswagen meist personalisierte Kritik an Politikern und Wirtschaftsbossen geäußert. Eine wirkliche politische Einflussnahme existiert nicht. Häufig ist der Karneval zudem von einem enthemmten Konsum (Kamelle, Feiern, Eventcharakter, Fast Fashion- und Wegwerf-Kostüme) geprägt, der kein Interesse an kritischer Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen und ökologischen Problemen dieser Welt hat.
Auf der anderen Seite entfaltet Karneval immer mehr ein Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel. Kritische Gruppen und Aktivisten können die große Reichweite sozialer Medien (shitstorms) für sich nutzen und die Themen und Probleme marginalisierter und diskriminierter Gruppen sichtbar machen. Sexuelle Übergriffe, rassistische oder sexistische Witze, Verkleidungen und Motive auf Umzugswagen werden so mehr und mehr öffentlich skandalisiert und bekommen eine öffentliche Bühne. Marginalisierte Gruppen und kritische Positionen haben zwar oft keinen direkten Zugang zur Karnevalsöffentlichkeit in den Karnevalssendungen im Fernsehen, den Karnevalssitzungen und den Karnevalsumzügen. Denn hier entscheiden meist die männlichen, weißen Eliten, wer Zugang hat. Durch die sozialen Medien entsteht mittlerweile aber ein wirkungsvoller indirekter Zugang zur Öffentlichkeit, der den gesellschaftlichen Wandel mit vorantreiben kann. Kontroverse Diskussionen, darüber, was als „Tradition“ angemessen ist und was aus postkolonialistischer, genderkritischer oder feministischer Sicht aus Sensibilität für marginalisierte und diskriminierte Gruppen nicht tragbar ist, haben so Teil an der Öffentlichkeitswirksamkeit des Karnevals. Die öffentliche Skandalisierung und der Konflikt zwischen Aktivisten, Vereinen und der Wirtschaft haben auch Auswirkungen auf den organisierten und institutionalisierten Karneval. Durch den entstehenden öffentlichen Druck greifen vermehrt Karnevalsvereine, Wirtschaft und öffentliche Institutionen Themen wie Sexismus und Rassismus auf. Die Kampagne der Kölner Polizei zum Thema Consent „A dress is not a yes“ ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn etablierte Institutionen den Wertewandel mittragen, verändern sich soziale Normen und Werte in einem immer größer werdenden Teil der Gesellschaft.
Problematische Aspekte des Karnevals bestehen zum einen aus feministischer und patriarchatskritischer Sicht. Der organisierte Karneval ist stark hierarchisch aufgebaut und wird von „mächtigen“ bzw. gesellschaftlich und/oder wirtschaftlich einflussreichen weißen heterosexuellen Männern dominiert (Elferrat, Büttenredner, Dreigestirn). Der organisierte Karneval ist auch ein wirtschaftlich bedeutsames Netzwerk. Überwiegend männliche, weiße und heterosexuelle Eliten knüpfen und pflegen politisch und wirtschaftlich wichtige Kontakte. Frauen und werden mit Hinweis auf Traditionen und Regeln (Kölner Dreigestirn) oft ausdrücklich von der Teilhabe ausgeschlossen. Sexualisierte Kostüme und Witze waren und sind (noch) weit verbreitet. Ebenfalls ein Problem sind sexuelle Übergriffe, die durch enthemmten Alkoholkonsum, räumliche Enge und eine Verharmlosung (Bützen und Grapschen als „Spaß“) begünstigt werden. Temporäre ritualisierte Rollenumkehr, wie an Weiberfastnacht, macht zwar patriarchale Strukturen ein Stück sichtbar, führen aber nicht zu einem nachhaltigen Abbau der strukturellen Benachteiligung von Frauen oder anderen marginalisierten Gruppen.
Ein weiteres Feld für kritische Beobachtung ist das Thema Rassismus, Antisemitismus und Postkolonialismus. Auch ich, als weiße cis Frau, musste und muss lernen, dass bestimmte Kostüme, wie „Indianer“, „Sultan“ oder „Hula Hula-Mädchen“ aus postkolonialer Perspektive problematisch sind (siehe hierzu die Kampagne „Ich bin kein Kostüm“ des Forums gegen Rassismus und Diskriminierung). Es geht nicht um eine cancel culture, sondern um Sensibilität für die Folgen von historischer Ungleichmachung bestimmter unterdrückter Gruppen und Kulturen. Solche Kostüme unterstützen sogenanntes „Othering“ (Fremd- oder Andersmachung). Das bedeutet, dass bestimmte Gruppen durch die Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ und „anders“ definiert und meist als „unzivilisiert“ und „minderwertig“ abgewertet werden. Damit wird ein Überlegenheitsgefühl der Mehrheitsgesellschaft gefördert. Im Kolonialismus rechtfertigten diese Erklärungsmuster die massenhafte Enteignung, Ausbeutung, Unterdrückung und ethnische Säuberungen vieler als Kulturen auf der ganzen Welt durch uns Europäer. Ich habe solche Kostüme früher selbst getragen. Nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit, sondern mit den besten Absichten. Andere Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Doch wie heißt es so schön: „Gut gemeint ist nicht immer gut.“ Lange habe ich nicht verstanden, was das Problem ist, wenn ich aus Verehrung und Liebe solche Kostüme trage. Heute denke ich (aus meiner eingeschränkten Perspektive als weiße cis Frau) mehr zu verstehen, dass es eine Frage des Respekts und der Sensibilität für das Leid marginalisierter Gruppen ist. Als Frau kann ich das zumindest ein Stück weit verstehen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich als weiße heterosexuelle Frau ziemlich privilegiert bin. Gerade die von uns Europäern dominierten Kulturen haben in besonderem Maße das Recht, selbst zu bestimmen, wie sie sich darstellen. Wenn wir weißen Europäer:Innen solche Kostüme tragen, nehmen wir weiter für uns die Deutungshoheit über diese Kulturen und darüber, was „Spaß“ ist, in Anspruch. Oft besteht zudem die Gefahr, dass wir – vielleicht auch unbewusst, so wie in meinem Fall – alte problematische und rassistische Stereotypen etwa das romantisierte Bild des „edlen Wilden“ oder das eindeutig abwertende Bild des „unzivilisierten Wilden“ aufgreifen. Zudem kann das Problem der kulturellen Aneignung von heiligen Symbolen marginalisierter Kulturen als Karnevalskostüm durch die dominante europäische bzw. westliche Kultur bestehen (siehe hierzu die Kampagne „Ich bin kein Kostüm“ des Forums gegen Rassismus und Diskriminierung).
Abschließend lässt sich sagen, das Karneval heute ein Spiegel der bestehenden hierarchischen, patriarchalen, eurozentrischen und konsumeristischen Strukturen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im Westen ist. Gleichzeitig entfaltet Karneval heute wieder mehr seine ursprünglich subversive Kraft. Karneval bietet eine öffentliche Bühne, auf der strukturelle Diskriminierung sichtbar gemacht und gesellschaftlicher Wandel vorangetrieben werden kann. Klar, dass ist nicht die große Revolution! Aber ich nehme wahr, dass einiges in Bewegung geraten ist. Jedenfalls bei mir selbst. Aus meiner Sicht ist und bleibt Karneval ein ambivalentes, spannendes Feld mit positiven Wirkungen und der Möglichkeit der Rückverbindung mit alten Traditionen.
Karneval ist für mich persönlich auch ein Forschungsfeld, wie ich mit anderen, manchmal für mich sehr unerträglichen Meinungen und Verhalten umgehen kann und möchte – Sexismus, Rassismus, enthemmter Konsum, Rücksichtslosigkeit und Aggression. Das ist für mich angesichts der immer größer werdenden Spaltung unserer Gesellschaft, in der sich Positionen immer mehr in „Recht haben“ verhärten, von großer Bedeutung.
Ich bin neugierig und möchte dieses Jahr an Karneval erforschen:
- Wie können wir mit so viel Unterschiedlichkeit und Gespaltenheit in der Gesellschaft umgehen?
- Wie kann ich Menschen mit für mich unerträglichen Positionen und gedankenlosem Verhalten begegnen und klare Grenzen zum Schutz marginalisierter Gruppen setzen ohne in die Trennung zu gehen?
- Wie kann ich gegenüber Menschen mit für mich unerträglichen Positionen und gedankenlosem Verhalten meine Haltung klarmachen und offen bleiben, um die Person noch als Mensch zu sehen und nicht nur als Position?
- Wie kann ich wirkungsvoll Teil eines gesellschaftlichen Wandels sein, der die Würde marginalisierter Gruppen wahrt, ohne Brücken abzureißen und die Spaltung in unserer Gesellschaft weiter zu fördern?
Vielleicht hilft es getreu dem karnevalistischen Gedanken, sich selbst und das Leben nicht zu ernst zu nehmen und Humor einzuladen. Natürlich nicht auf Kosten von anderen!
„By brining a sense of playfulness to tough situation we don‘t negate their severity. We make it possible to navigate them with clarity.“
Andi Puddicomb, Headspace
In diesem Sinn kann Karneval angesichts einer Welt voller Krisen und Probleme auch etwas Leichtigkeit und Freude in die graue Welt bringen. Wir können uns Verkleiden, Tanzen, mit Identitäten spielen, die Perspektive wechseln und in Kontakt mit der mehr als sichtbaren Welt kommen. Wir können die Karnevalstage spielerisch nutzen, um wieder mehr Zugehörigkeit, Rücksichtnahme, Sensibilität und Gemeinschaft zu lernen. Wir können gesellschaftlichen Wandel unterstützen und uns darin üben, uns trotz unterschiedlicher und vielleicht auch unerträglicher Positionen mit Respekt und als Menschen zu begegnen.
Quellen
Kaiser, Martina, Der Jahreskreis; Storl, Wolf Dieter, Schamanentum, Die Wurzeln unserer Spiritualität; Anaconda, Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden; Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik; Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V., Pressemitteilung "Ich bin kein Kostüm", Forum gegen Rassismus und Diskriminierung initiiert Plakatkampagne, 2017, abrufbar unter: https://www.oegg.de/wp-content/uploads/2018/04/2017_03_17_PM-Plakate.pdf (letzter Abruf am 11.02.2026); Ha, Not K. im Interview mit Vu, Vanessa, Zeit online: "Kostüme sind nicht unschuldig", abrufbar unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/noa-k-ha-karneval-kolonialismus-interview (letzter Abruf am 11.02.2026).
















































































































































