Der Buntspecht: Im Rhythmus meines Lebens

Wenn ich das Trommeln des Spechts höre, halte ich inne und höre zu.
Der Specht erinnert mich daran,
meinem eigenen Rhythmus zu folgen.

Summary

Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Wir beobachten ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend. 

Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir können näher in Kontakt kommen mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen. 

Mir ging es so mit dem Specht. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln – gerade jetzt im Frühling. Manchmal sehe ich ihn, seine signalrote Färbung. Oft finde ich nur Spuren. 

Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt er und mit wem? Wie fühlt er?

Die Verbindung zu anderen Lebewesen stärkt meine Beziehung zu mir selbst. Eine der spannendsten Fragen ist: Was kann ich von diesem Lebewesen und seiner Lebensweise über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste, meine Träume, meine Schwierigkeiten und Stärken?

Manchmal drängt sich eine Antwort auf, wird unausweichlich. So ging es mir mit dem Specht: Er erinnert mich an die Bedeutung von innerer Führung, an den eigenen Lebensrhythmus, an das, was in mir lebendig ist. 

Mir ist die Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Diese künstliche Trennung „Mensch-Tier“ ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen. 

Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Aus diesem Gefühl von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.

Der Specht ist ein faszinierendes Wesen: ein Trommler, Wegbereiter und Problemlöser. Er kann den Zustand des Inneren eines Baumes lesen. Er ist ein Frühlingsbote. Symbolisch ist er ein Grenzgänger zwischen Außen und Innen, Bewussten und Unbewussten. Seine Weisheit ermöglicht Wandlungsprozesse. Als Rhythmusgeber steht er für die Verbindung zu anderen Menschen und zu dem, was in uns lebendig ist. 

Sein Trommeln lehrt mich Achtsamkeit – innehalten und dem Rhythmus meines Lebens zuhören: Was ist jetzt lebendig in mir? 

Wie wir in Beziehung mit dieser Welt und ihren Lebewesen gehen können

Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Die Welt, in der wir leben. Unsere Wahrnehmung schärft sich. Unsere Sinne werden aktiviert. Wir fühlen uns lebendiger. Wir nehmen mehr wahr. Wir kommen ins Beobachten, ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend und heilsam. Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir haben die Chance, näher in Kontakt zu kommen, mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen.

Mir ging es so mit dem Specht, der mir draußen an den unterschiedlichsten Orten immer wieder begegnete. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln. Manchmal sehe ich ihn, erkenne ihn an der signalroten Färbung. Oft finde ich auch nur Spuren. Die Spuren des Spechts sind unglaublich vielfältig: Federn, Hackspuren, Höhlen und unterschiedlichste Fraßspuren. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das eine oder andere als Spur des Spechts erkannt habe. Ich lerne immer noch.

Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer wieder dasselbe Tier, derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt der Specht? Mit wem? Wie fühlt er?

Die Fragen bringen mich dann dazu, immer wieder etwas über das Tier, den Specht, in Erfahrung zu bringen, in Büchern, im Internet, in Gesprächen.

Eine der spannendsten Fragen, wenn ich mich mit anderen Lebensformen und Lebewesen beschäftige, ist die Frage: Was kann ich von diesem Lebewesen lernen? Was kann ich von der Lebensweise und Eigenart des Spechts über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste und meine Träume, meine Schwierigkeiten und meine Stärken?

Diese Frage taucht bei mir meist automatisch irgendwann auf. Und manchmal drängt sich auch eine Antwort so offensichtlich auf, dass sie nicht zu übersehen ist. So ging es mir mit dem Specht, der mich an die Bedeutung von innerer Führung und dem eigenen Lebensrhythmus erinnert. Ich erlebe es so, dass die Verbindung zu und Beschäftigung mit anderen Lebewesen und meiner natürlichen Umgebung automatisch auch meine Beziehung zu mir selbst stärken.

Meine Verbindung zu Tieren: Wir sind Tiere

Mir ist die innere Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Ich liebe Tiere! Besonders die wilden, nicht domestizierten. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Ich erinnere mich noch, dass mich das sehr irritiert hat. Ich habe es nie verstanden. Auch heute werden Tiere in unserer Gesellschaft nicht gleichwürdig mit uns Menschen angesehen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Es ist eine künstliche Einordnung in Schubladen, die in die Trennung führt. Wie tief dieses anthropozentrische Verständnis von uns Menschen als Mittelpunkt der Welt in unserer westlichen Kultur verankert ist, wird an unserer Sprache deutlich. Wir sprechen häufig von „Menschen und Tieren“. Vom Begriff des „Tieres“ fühlen wir uns wohl nicht mitumfasst oder müssen uns jedenfalls abgrenzen. Ich denke, dass es genau diese Trennung ist, die es uns ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen. Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Das ist besonders dann der Fall, wenn meine Sinneswahrnehmung hoch aktiviert ist, wie beim Schleichen im Wald mit verbundenen Augen oder nachts allein im Wald.

Aus diesem Gefühl und Verständnis von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.

„Wir Menschen und Tiere teilen uns unseren Planeten Erde mit Millionen von Lebewesen, eines faszinierender als das andere. Alle Lebewesen bestehen aus Atomen und Molekülen. Zusammen bilden wir ein geordnetes Gefüge und stehen in steter Verbindung mit unserer Umgebung. Wir alle atmen und leben unter gleichen Bedingungen, weil wir alle von unseren natürlichen Ressourcen abhängig sind. Jedes (Lebewesen) verdient Bewunderung. Mutter Natur hat jedes Lebewesen mit einer Seele ausgestattet. Unsere Seele macht uns einzigartig. Sie überwindet die Grenzen und Unterschiede zwischen den Arten. Wer der Seele lauscht, wird von Verständnis, Mitgefühl und Respekt erfüllt.“

Pablo Salvaje
Vom Leben der Tiere, Wie sie handeln, was sie fühlen.

Tiere als Lehrer

Wir können viel von anderen Tieren über uns selbst und das Leben lernen, wenn wir sie beobachten, etwas über ihre Lebensweise erfahren, uns in sie hineinversetzen, wie sie denken, wie sie fühlen.

Schon von alters her haben Menschen sich in Tiergestalten verwandelt – in vielen alten Geschichten und Sagen oder mittels Masken und Tierverkleidungen. In der Mythologie stehen Tiere oft als Symbol für verschiedene Aspekte des Menschen. Tiere können Lehrer für uns sein, die uns in unserer individuellen Entwicklung helfen können. Sie können uns auf bestimmte Qualitäten, Verhaltens- oder Lebensweisen aufmerksam machen, die gerade gut für uns wären oder uns nicht guttun. Sie können uns Wahrheiten über uns selbst und unser Leben spiegeln. Wir können von ihnen etwas über Beziehung lernen, zu anderen Lebewesen, zu Orten und zu nicht belebten Lebensformen.

In vielen alten Geschichten und Mythen haben Tiere diese Rolle als Lehrer oder Helfer. Die Germanen und nordamerikanischen Indianer haben besondere Tiere, Kraft- oder Medizintiere, die Menschen oder auch Familienclans beistehen. Die keltischen Druiden und Helden konnten oftmals in Tiergestalten die Grenze zur nicht sichtbaren Anderswelt überschreiten. Bei den Griechen und Römern verwandelten die Götter sich immer wieder in Tiere, meist zur Tarnung, um das tun zu können, was ihnen ansonsten nicht möglich gewesen wäre.

Nach C.G. Jung erscheinen in Märchen häufig bestimmte Archetypen in Gestalt von Tieren, denen bestimmte Charaktereigenschaften oder Kräfte zugesprochen werden. Nach Jung drückt sich die Seele, die tiefste Ebene des Bewusstseins, häufig durch solche Bilder und Symbole aus. Das Symbol weist nach Jung über sich selbst hinaus auf einen noch nicht bewussten, noch nicht in Worte zu fassenden, geahnten Sinn. Symbole können eine wichtige Bedeutung für unsere Entwicklung haben, weil sie uns helfen können, unsere inneren Erlebnisvorgänge besser zu verstehen.

Für mich ist der Specht ein besonderes Wesen, das mich seit einigen Jahren intensiv begleitet. Sein Körperbau, seine Fähigkeiten, seine Lebensweise, seine Intelligenz und seine Symbolkraft faszinieren mich.

Lebensweise und Biologie des Spechts: Trommler, Wegbereiter und Problemlöser

Weltweite Verbreitung – Artenvielfalt der Spechte

Spechte (lat. Familienname: Picidae) sind mit mehr als 250 Arten eine sehr artenreiche Vogelfamilie. Sie sind fast weltweit zu finden – mit Ausnahme von Australien, Neuseeland und Polynesien.

In Europa gehört der Buntspecht zur häufigsten Spechtart. Er gehört nicht zu den gefährdeten Arten, seine Bestände wachsen leicht. Deswegen können wir ihm häufig begegnen. Der Buntspecht ist etwa 23 cm groß. Man erkennt ihn am schwarz-weiß gemusterten Gefieder, den zwei großen weißen Flügelflecken und der roten Unterschwanzdecke. Männchen haben am Hinterkopf einen roten Fleck, Jungtiere einen roten Scheitel.

Trommler des Waldes

Der wissenschaftliche Name des Buntspechts „Dendrocopos major“ kann mit „großer Baum-Hämmerer“ übersetzt werden. Der Körperbau des Spechts ist ideal an das Klettern am Baumstamm, Trommeln auf Holz und Hacken von Bruthöhlen in Bäume angepasst. Das schützt den Specht beim Hacken und Trommeln vor einer Gehirnerschütterung. Das ist nötig, denn beim Trommeln und Hacken wirken enorme Kräfte von bis zu 25 km/h. Der starke, meißelförmige Schnabel federt die Kraft des Schlages ab. Eine verstärkte Knochenstruktur und abfedernde Muskeln zwischen Schnabel und Schädel wirken wie Stoßdämpfer.

Der Specht hat zwei nach vorne und zwei nach hinten aufgespreizte Füße mit kräftigen Krallen, die ihm das Klettern und Trommeln am Baum erleichtern. Mit seiner steifen Schwanzspitze kann er sich beim Klettern wie mit einer Art „drittes Bein“ abstützen.

Spechte lesen den inneren Zustand des Baums

Spechte können den inneren Zustand des Holzes außerordentlich gut mit einer Kombination von zwei Sinnen erfassen. Zum einen hören sie, wie der Schlag klingt. Zudem erspüren sie mit Sensoren im Schnabel den Druck und die Vibration des Schlags auf das. Sie fühlen, wie der Schlag federt. Auf diese Weise erkennen sie, ob das Innere des Holzes gesund oder morsch ist, ob es Hohlräume und Insektenbefall gibt und, ob die Struktur dichter oder lockerer ist. Das hilft ihnen, den Energieaufwand bei Nahrungssuche, Höhlenbau und Trommeln gering zu halten.

Trommeln ist die Sprache der Spechte

Spechte trommeln nicht nur, um Nahrung zu finden oder Höhlen zu bauen. Trommeln ist die Sprache der Spechte. Jede Spechtart und sogar jeder einzelne Specht hat seine ganz eigene Signatur in Rhythmus, Länge, Schlagzahl und Schlagfrequenz. Weibchen trommeln in der Regel etwas kürzer als Männchen. Trommeln dient unter anderem der Partnerwerbung, Paarbindung und Revierabgrenzung. Besonders oft trommeln Spechte daher zur Paarungszeit im Vorfrühling von Februar bis März.

Das Trommeln ist aufgrund der Lautstärke und Reichweite eine auch auf weite Entfernungen deutlich wahrnehmbare Form der Kommunikation. Zum Trommeln sucht sich der Specht gezielt laut klingende Resonanzkörper, wie hohle Äste, aber auch Laternenpfähle und Dachrinnen.

Wegbereiter für andere – Lebensraum und ökologische Bedeutung

Spechte können sich gut an verschiedenste Lebensräume anpassen. Was sie brauchen, sind alte Bäume und Totholz. Sie kommen daher nicht nur in Wäldern, sondern auch in naturnahen Parks und Gärten vor. In meinem Garten besucht mich regelmäßig sowohl der Bunt-, als auch der Grünspecht.

Der Specht ist ein Wegbereiter für viele andere Tierarten. Spechte bauen viel mehr Höhlen, als sie brauchen. Meist nutzen Spechte eine Höhle nur ein einziges Jahr. Verlassene Spechthöhlen werden als Wohnräume von verschiedensten Tierarten genutzt – so von anderen Vögeln wie Kleiber, Meise, Taube und Kauz, aber auch von Fledermäusen, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Bienen oder anderen Insekten. Damit sorgt der Specht für Lebendigkeit und mehr Artenvielfalt im Wald.

Lebensweise im Rhythmus der Jahreszeiten

Spechte brüten im Frühjahr (April bis Juni). Meist bilden Weibchen und Männchen für eine Brutsaison ein Paar und leben danach als Einzelgänger.  Die Bruthöhle liegt 20-50 cm tief in weichem Holz. Das Gelege von von 3-7 weißen Eiern wird von beiden Eltern ungefähr zwei Wochen lang abwechselnd bebrütet. Die Jungen kommen nackt als Nesthocker oder Nestlinge zur Welt. Nach dem Schlüpfen müssen sie von den Eltern noch 3-4 Wochen lang rund um die Uhr versorgt werden. Ende Mai bis Juni werden die Jungspechte dann flügge.

Werkzeugbauer und Problemlöser 

Buntspechte ernähren sich überwiegend von Insekten, Samen oder Früchten. Dabei nutzen sie ihre lange Zunge mit Widerhaken, um Insekten und Larven aus Spalten oder Löchern im Holz zu holen. Der Specht ist außerordentlich kreativ und erfinderisch bei der Nahrungsbeschaffung. 

Im Frühjahr zapft der Specht die im Frühling aufsteigenden nahrhaften Baumsäfte junger Bäume an, indem er ringsum den Stamm Löcher hackt (sog. Ringeln). Daher kommt der Name Schluckspecht. Auch andere Tiere nutzen diese Zapfstellen, um im Vorfrühling an Nahrung zu kommen.

Im Winter reagiert der Specht intelligent auf das reduzierte Nahrungsangebot. Er baut sich Werkzeuge, um an große Mengen von fetthaltigen Samen aus Tannen- und Kiefernzapfen zu kommen. Dazu klemmt er einen Zapfen in einen Spalt im Holz oder zwischen Äste. In diesen sogenannten Spechtschmieden kann er die Samen schnell und effektiv herauslösen. Manchmal zimmert sich der Specht mit seinem Meißelschnabel sogar selber eine Schmiede. Die Schmieden  erkennt man oft an der Vielzahl an Zapfenschuppen am Boden.

Der Specht als Spiegel der Seele – Symbolik und alte Mythen

Da der Specht fast überall auf der Welt vorkommt und sowohl optisch, als auch akustisch ein auffälliger Vogel ist, gibt es überall auf der Welt zahlreiche unterschiedliche alte Geschichten, in denen der Specht vorkommt. Angesichts der Fülle an Geschichten beschränkt sich mein Beitrag auf die Bereiche der Wandlungsprozesse, den Specht als Rhythmusgeber und Hüter von verborgenem Wissen.

Wandlungsprozesse

Der Specht ist ein Symbol der Verwandlung, der als Hinweis auf Wachstums- und Veränderungsprozesse gedeutet werden kann.

Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen es um eine äußerliche Verwandlung von Menschen in Spechte geht. Im Vordergrund für die Gestaltwandlung steht häufig das Motiv der Rache bzw. Strafe. In der römischen Mythologie wird der König und Seher Picus (übersetzt: Specht) von der Zauberin Circe in einen Specht verwandelt. Circe rächt sich damit an Picus, weil er ihren Annäherungsversuchen aus Treue zu seiner Frau Canens, der Nymphe, widersteht. Das Motiv der Gestaltwandlung als Strafe gibt es auch in einer norwegischen Geschichte. Die Frau Gertrude wird als Mahnung für ihren Geiz in einen Specht verwandelt. Nur ihre rote Haube bleibt ihr als Erkennungszeichen.

Der rote Fleck am Hinterkopf der Männchen kann als sichtbares Anzeichen für das Überschreiten einer Schwelle oder Grenze gedeutet werden. In der europäischen Symbolgeschichte, wie etwa in dem Märchen Rotkäppchen, steht die Farbe Rot für ein solches sichtbares Grenzzeichen. Das Rot zeigt an, dass die Grenze der bekannten und sicheren Welt verlassen wird und nun der Weg in den Bereich des Unbewussten oder Unbekannten – im Märchen der Wald – ansteht. Inneres und äußeres Wachstum finden außerhalb der bekannten Komfortzone – im dunklen Wald – statt. Man begibt sich auf unbekanntes, unsicheres und deswegen vielleicht auch ein wenig gefährliches Terrain. Rot zeigt symbolisch solche Wachstumsprozesse, eine Prüfung und Initiation in ein neues Ich an. Rotkäppchen ist eine Geschichte über die Pubertät und das Erwachsenwerden. Sie verlässt die Mutter, um im dunklen und gefährlichen Wald erwachsen zu werden. Ihr altes kindliches Ich wird vom Wolf verschlungen, um neu zurück in die Welt zu kommen. Beim Specht hat die rote Haube auch evolutionsbiologisch eine echte Signalwirkung. Sie zeigt an, dass das Männchen in einem guten Fitnesszustand und ein guter Fortpflanzungspartner ist.

Rhythmusgeber

Das deutlich wahrnehmbare Trommeln des Spechts ist ein Symbol für Rhythmus. Rhythmus hat verschiedene kulturelle, psychologische und biologische Bedeutungen, Funktionen und Wirkungen.

Lebensrhythmus und Strukturierung von Zeit

Das gleichmäßige, rhythmische Trommeln des Spechts legt Assoziationen zum Herzschlag und damit zum Lebensrhythmus nahe. Rhythmus gibt die notwenigen Impulse, Sicherheit und Struktur vor, um leben und tanzen zu können. Die Erde und der Mond drehen sich in ihrem eigenen Rhythmus. Die Jahreszeiten und jedes Lebewesen hat seinen eigenen beständigen Rhythmus. Er gibt alles vor. Das Leben bewegt sich im eigenen Rhythmus von Entstehen und Vergehen, Ruhe und Aktivität.

Rhythmus strukturiert Zeit. Es gibt Belege in Europa aus dem Mittelalter, die den Specht in solchen Zusammenhängen zeigen. In Europa war der Specht in älteren Zeiten ein Zeitmarker für den phänomenologischen Frühlingsbeginn. Der phänomenologische Frühlingsbeginn orientiert sich anders als der kalendarische (Orientierung an einem festen Datum: 21. März) oder astrologische Frühlingsbeginn (Orientierung an astronomischen Ereignissen: Frühjahrs-Tagundnachtgleiche) an den Vorgängen in der Natur, dem Rhythmus der Pflanzen und Tiere, die sich stärker am Wetter und den Temperaturen orientieren. Das Trommeln des Spechts ist verstärkt nach dem Winter zur Balzzeit im Februar und März zu hören. Es markiert den phänomenologischen Vorfrühling. Für die Menschen früher strukturierte der Specht damit den Jahreszeitenzyklus und war gerade in landwirtschaftlich geprägten Gegenden ein wichtiger Anzeiger für die natürlichen Kreisläufe in der Natur. Der Specht kennzeichnet auch hier einen Wandlungsprozess, nämlich den natürlichen Übergang vom Winter zum Frühling.

Gemeinschaftsbildung, Spiritualität und Therapie

Rhythmus ist in der Kulturgeschichte der Menschen seit jeher verankert. Die ältesten Funde von Instrumenten sind Rhythmusinstrumente, wie Klanghölzer, Rasseln und Trommeln. Rhythmus hat bei Tieren und Menschen eine soziale Funktion als nonverbale Kommunikation, aber auch eine körperliche und neurologische Wirkung auf Körper, Gehirn, Nervensystem und Psyche. Rhythmus kann die Funktion der Kommunikation, der sozialen Bindung und Gemeinschaftsbildung, aber auch der Abschreckung oder Einschüchterung haben. In der Kulturgeschichte der Menschen stärkt Rhythmus das Gruppenerleben und den sozialen Zusammenhalt durch emotionale Synchronisation oder gemeinschaftliche Ekstase. Die Gefühle von Menschen, die im selben Rhythmus musizieren, nähern sich aneinander an. Ein Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit entsteht. Rhythmus hat eine große Bedeutung als künstlerisch-musikalischer Ausdruck und im religiösen Kontext (Ritualgestaltung, Trance, Schamanentum). Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die gemeinsam im Rhythmus trommeln, schneller Vertrauen aufbauen und besser kooperieren.

Die Bedeutung von Rhythmus in der menschlichen Kulturgeschichte ist nicht verwunderlich, wenn man darauf schaut, welche neurologischen und psychologischen Effekte Rhythmus bei der Regulation von Emotionen und der Beruhigung des Nervensystems hat. Dabei kann man sowohl eine Angleichung der Atmung, Herzfrequenz und Gehirnwellen von mehreren Menschen beobachten, die im selben Rhythmus musizieren. Rhythmische Aktivitäten haben aber auch regelmäßig eine beruhigende und stabilisierende Wirkung auf das Individuum. Rhythmus synchronisiert die Gehirnwellen, Atmung und die Herzfrequenz und wird therapeutisch zur Beruhigung eingesetzt. Babys reagieren bereits im Mutterleib stark auf den mütterlichen Rhythmus von Herz, Atem und Schritten. 

Hüter von verborgenem Wissen

Ein wiederkehrendes Motiv in den Mythen verschiedener Kulturen ist der Specht als Öffner von verborgenen Räumen und Hüter von Wissen.

Im mitteleuropäischen Kulturraum gibt es nach Jacob Grimm viele ähnliche Überlieferungen, in denen Menschen ein Spechtloch versperren, damit der Specht ihnen das magische Springwurz bringt. Mithilfe des Springkrautes können Hindernisse geöffnet oder gesprengt werden, etwa eine Höhle im Berg oder ein Zugang zu einem verborgenen Schatz. Der Specht verfügt in diesen Überlieferungen über geheimes Schlüssel- und Schwellenwissen. Er ist es, der die geheime Pflanze kennt, mit deren Hilfe man an den verborgenen Schatz im Inneren kommt. Der Mensch braucht den Specht als Schlüsselwesen, der zwischen der äußeren Welt und dem inneren Schatz, vermittelt. Die Rolle des Spechts als Hüter des verborgenen Wissens und Vermittler zwischen Außen und Innen korrespondiert mit seiner biologischen Fähigkeit als Höhlenbauer, der das Innere des Holzes mit Schnabelsensor und Gehör genau kennt. 

Außerhalb Europas finden sich Mythen mit einer ähnlichen Symbolik. Bei den nordpazifischen Native Americans kennt der Specht das Geheimnis des Feuers, dass er den Menschen gegen den Widerstand der Götter bringt. Als Strafe dafür, wird er mit dem roten Kopf gekennzeichnet. Die Geschichten sind zwar unterschiedlich, das Motiv des Spechts als Hüter des geheimen Schatzwissens ist aber ähnlich. Der Specht als Grenzgänger zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt verhilft den Menschen zum Schatz, dem Feuer.

Im übertragenen Sinn ist der Specht in diesen Geschichten ein Vermittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen der inneren und der äußeren Sphäre, der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Das passt zur Symbolik von Vögeln im sibirischen Schamanentum. Vögel sind danach Hilfswesen, die dem Schamanen den magischen Flug in den Himmel ermöglichen. Sie werden als passenderweise als Grenzgänger zwischen der wahrnehmbaren Wirklichkeit und der unsichtbaren Geisterwelt angesehen. Die Kostüme der sibirischen Schamanen ahmen häufig Vögel nach. Der Schamane verwandelt sich so in einen Vogel und wird selbst zum Grenzgänger. Hier liegt die Assoziation nahe, dass der Specht mit dem Trommeln einem Schamanen gleich Kontakt zur verborgenen Geisterwelt aufnimmt. Diese Geisterwelt existiert in gewisser Weise in Form des Unbewussten und Unbekannten in jedem von uns.

Passend zu dieser Symbolik war der Specht (lateinisch Picus) für die Römer der heilige Vogel des Kriegs- und Landwirtschaftsgottes Mars. Der Specht spielte als Orakelvogel eine besondere Rolle bei der Weissagung in Form des Vogelflugs (Augury). Die Augury war im römischen Reich eine offizielle religiöse Praxis, bei der aus der Natur in Form des Vogelverhaltens der göttliche Wille rituell gelesen wurde. Auch hier öffnet der Specht den Zugang zum Unsichtbaren, zur unbekannten Zukunft, zum göttlichen Willen und Schicksal. 

Was der Specht mir bedeutet…

Wie der Specht in mein Leben kam

Der Specht begleitet mich schon viele Jahre intensiv. In meinem Garten habe ich immer wieder schwarze Federn mit weißen Punkten gefunden. Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Federn, dem auffälligen Muster. Lange habe ich nicht gewusst, dass diese Federn vom Specht stammen.

Auf einem Naturgang vor einigen Jahren hatte ich dann in der Morgendämmerung eine sehr besondere Begegnung mit einem Specht. Ich lief ziellos durch den Wald, bis ich auf eine Spechthöhle in einem Baum aufmerksam wurde. Diese Höhle zog meine Aufmerksamkeit stark an. Ich setzte mich dann gegenüber der Höhle mit dem Rücken gegen einen anderen Baum gelehnt. Plötzlich spürte und hörte ich in meinem Körper, wie ein Specht an meinen Baum hämmerte.

Der Specht hat mir an diesem Morgen die Botschaft gebracht, dass ich auf den Rhythmus meines Lebens hören soll. Er erinnert mich seitdem daran, im Rhythmus meines Lebens zu leben. Er hat mir Vertrauen gegeben, dass ich den Rhythmus meines Lebens hören und spüren kann, wenn ich lausche. Der Specht ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.

The Journey
One day you finally knew
what you had to do, and began,
though the voices around you
kept shouting their bad advice –
though the whole house
began to tremble
and you felt the old tug at your ankles.
„Mend my life!“
each voice cried.
But you didn’t stop.
You knew what you had to do
though the wind pried
with its stiff fingers
at the very foundations,
though their melancholy was terrible.
It was already late enough,
and a wild night, and
the road full of fallen branches and stones.
But little by little
as you left their voices behind,
the stars began to burn
through the sheets of clouds,
and there was a new voice
which you slowly recognized as your own,
that kept you company
as you strode deeper and deeper
into the world,
determined to do
the only thing you could do –
determined to save
the only life you could save.“ 

Mary Oliver, A Thousands Mornings: Poems

Seit diesem Morgen habe ich eine ganz besondere Beziehung zum Specht. Ein paar Wochen später konnte ich an derselben Stelle aus nächster Nähe eine Kleiberfamilie beobachten, die in der Höhle ihre Jungen aufzog. Das war eine sehr berührende Erfahrung. Ich begegne auch dem Specht immer wieder. Mal kreuzt er direkt meine Strecke beim Laufen im Wald. Ich höre ihn immer wieder trommeln. Manchmal folge ich dem Trommeln. Ich finde Spechtfedern und Hackspuren. Seine Botschaft wirkt machtvoll in mir!

Was der Specht mich lehrt

Der Specht lehrt mich wichtige Qualitäten und Fähigkeiten, um mich kraft- und vertrauensvoll, lebendig und authentisch durch mein Leben zu begleiten. Er ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.

Achtsamkeit: Innehalten und Präsenz

Der Specht erinnert mich mit seinem Trommeln, innezuhalten und präsenter bei mir und in der Welt anzukommen. Oft habe ich plötzlich das Klopfen des Spechtes gehört und erstmal gestoppt. Das Innehalten ermöglicht es mir besser zuzuhören.

Meiner inneren Stimme zuhören

Der Specht erinnert mich daran, ins Innere zu spüren.  

  • Was ist jetzt in diesem Moment gerade lebendig in mir?
  • Was fühle ich? Welche Gedanken, Wünsche und Träume sind da?
  • Welchen Lebewesen, Qualitäten und Aufgaben will ich in meinem Leben Raum geben?
  • Was möchte ich jetzt in meinem Leben leben, entwickeln und erschaffen? 

Es braucht Achtsamkeit und Mut, hinzuspüren und mich meinen inneren Hindernissen, Ängsten und Zweifeln zu stellen. Und es gehört Authentizität, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit dazu. Der Specht ist für mich ein Öffner zu meinen versteckten inneren Räumen. Er erinnert und ermutigt mich, meiner inneren Stimme zuzuhören. Der Specht mit seiner Fähigkeit als Problemlöser, Erfinder und Werkzeugbauer erinnert mich daran, mich dabei von Erwartungen, Konzepten und Vorstellungen zu lösen und mich unbefangen und mit spielerischer Neugier zu öffnen für die Möglichkeiten im Leben, die sich mir immer wieder anbieten – auch wenn ich mir ursprünglich etwas Anderes vorgestellt habe (out of the box-Denken).

„Wenn wir in unseren Meinungen etwas weniger festgefahren sind,
können wir den Rhythmus des Lebens hören.“

Unbekannt

Im Rhythmus meines Lebens leben

Das kraftvolle, rhythmische Trommeln des Spechts erinnert mich daran, mich und meine Bedürfnisse, meine Träume, Visionen und Wünsche ernst zu nehmen. Es ist wichtig, dass ich im Rhythmus meines Lebens lebe. Der Specht erinnert mich an meine Willenskraft und Durchsetzungskraft, an meine Bereitschaft, meine Komfortzone zu verlassen. 

Gleichzeitig lehrt mich der Specht Geduld. Ich darf meinen Lebensweg in meinem eigenen Tempo und Rhythmus gehen. Alles braucht die Zeit, die es braucht. Entwicklungsschritte können nicht einfach übersprungen werden. Manchmal wird eine Baumhöhle erst im nächsten Jahr oder nie fertig.

Ich brauche die rhythmische Wiederholung, die wiederholte Erinnerung des Spechts, um immer wieder auf meinen eigenen Weg und in Verbindung zu mir zu kommen. Der Specht stärkt mein Vertrauen in mein inneres Wissen.

„We need to come home to the temple of our senses.
Our bodies know they belong to life, to spirit.
It‘s our minds that make our life’s so homeless.
Guided by longing, belonging is the wisdom of rhythm.
When we are in rhythm with our own nature, things flow and balance naturally.“

John O’Donohue, Aus: Eternal Echo

Quellen: 
Salvaje, Pablo: Vom Leben der Tiere, Wie sie handeln, wie sie fühlen; Kämper, Angela: Tierboten, S. 24ff.; Storl, Wolf-Dieter: Erkenne dich selbst in der Natur, S. 81ff.; Grolms, Joscha: Tierspuren Europas; NABU, Trommler, Schmied und Zimmermann, Der Buntspecht im Porträt, abrufbar unter: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/1997-buntspecht/01990.html
 (zuletzt abgerufen im März 2026); NABU: Liebeswerbung mit dem Presslufthammer, abrufbar unter: https://niedersachsen.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/vogelarten/spechte/31200.html
 (zuletzt abgerufen im März 2026); Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Zürich 1957
; Wikipedia: Picus, Mythologie: abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Picus_(Mythologie)
, (zuletzt abgerufen im März 2026); Encyclopaedia Britannica: Picus, abrufbar unter: https://www.britannica.com/topic/Picus-Roman-mythology, (zuletzt abgerufen im März 2026)
; Ovid, Metamorphosen, Buch XIV (Picus–Circe–Canens), abrufbar unter: https://www.textlog.de/ovid-metamorphosen.html (Buch XIV, Abschnitt zu Picus)
, (zuletzt abgerufen im März 2026); Wikipedia: Schwarzspecht (Mars, Vogelflug), abrufbar: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzspecht
, unter "Kulturgeschichtliches", (zuletzt abgerufen im März 2026); Wikipedia: Der Gertrudsvogel, abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gertrudsvogel
 (zuletzt abgerufen im März 2026); Andrews, Ted: Woodpecker in European folklore, abrufbar unter: https://www.onewhitehorsestanding.com/workshops/woodpecker.php, (zuletzt abgerufen im März 2026); Peters-Reimann, Antje: Der Specht und und die Springwurzel – 
das Salomonssiegel, abrufbar unter: https://www.gaissmayer.de/web/welt/gartenmagazin/der-specht-und-die-springwurzel-das-salomonssiegel/
, (zuletzt abgerufen im März 2026); Woodpecker and the Theft of Fire, abrufbar unter: https://www.indigenouspeople.net/woodpeck.htm
, (zuletzt abgerufen im März 2026); von Hopffgarten, Anne: Wie ich atme, so fühle ich, Atmung und Gehirn, in Spektrum, Die Woche, Nr. 14, 2004
; Profi, Iris / Fink, Fiori: Warum Musik uns bewegt, in: Spektrum, Gehirn & Geist, Nr. 4/2026; Profi, Iris: Gehirne im Takt, in: Spektrum, Gehirn & Geist, Nr. 4/2026; Albat, Daniela: Dem Rhythmus auf der Spur, veröffentlicht am 27.12.2026, abrufbar unter: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/dem-rhythmus-auf-der-spur/
, (zuletzt abgerufen im März 2026); Doku, Roberto: Rhythmus, der verbindet, abrufbar unter: https://lebenmit.de/rhythmus-der-verbindet-trommeln4rare/, (zuletzt abgerufen im März 2026)

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