Die Natur ist meine größte und erfahrenste Lehrerin – nicht nur die Natur um mich herum, sondern auch die Weisheit, die in mir, die in jedem Lebewesen, Gestein und Element steckt. Im Spiegel der Natur kann ich mich selbst entdecken. Zugang zur Natur finde ich auch über die wildnispädagogischen Kernroutinen und die Praxis von Naturachtsamkeit.
Wenn ich das Trommeln des Spechts höre, halte ich inne und höre zu. Der Specht erinnert mich daran, meinem eigenen Rhythmus zu folgen.
Summary
Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Wir beobachten ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend.
Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir können näher in Kontakt kommen mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen.
Mir ging es so mit dem Specht. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln – gerade jetzt im Frühling. Manchmal sehe ich ihn, seine signalrote Färbung. Oft finde ich nur Spuren.
Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt er und mit wem? Wie fühlt er?
Die Verbindung zu anderen Lebewesen stärkt meine Beziehung zu mir selbst. Eine der spannendsten Fragen ist: Was kann ich von diesem Lebewesen und seiner Lebensweise über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste, meine Träume, meine Schwierigkeiten und Stärken?
Manchmal drängt sich eine Antwort auf, wird unausweichlich. So ging es mir mit dem Specht: Er erinnert mich an die Bedeutung von innerer Führung, an den eigenen Lebensrhythmus, an das, was in mir lebendig ist.
Mir ist die Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Diese künstliche Trennung „Mensch-Tier“ ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen.
Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Aus diesem Gefühl von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.
Der Specht ist ein faszinierendes Wesen: ein Trommler, Wegbereiter und Problemlöser. Er kann den Zustand des Inneren eines Baumes lesen. Er ist ein Frühlingsbote. Symbolisch ist er ein Grenzgänger zwischen Außen und Innen, Bewussten und Unbewussten. Seine Weisheit ermöglicht Wandlungsprozesse. Als Rhythmusgeber steht er für die Verbindung zu anderen Menschen und zu dem, was in uns lebendig ist.
Sein Trommeln lehrt mich Achtsamkeit – innehalten und dem Rhythmus meines Lebens zuhören: Was ist jetzt lebendig in mir?
Wie wir in Beziehung mit dieser Welt und ihren Lebewesen gehen können
Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Die Welt, in der wir leben. Unsere Wahrnehmung schärft sich. Unsere Sinne werden aktiviert. Wir fühlen uns lebendiger. Wir nehmen mehr wahr. Wir kommen ins Beobachten, ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend und heilsam. Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir haben die Chance, näher in Kontakt zu kommen, mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen.
Mir ging es so mit dem Specht, der mir draußen an den unterschiedlichsten Orten immer wieder begegnete. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln. Manchmal sehe ich ihn, erkenne ihn an der signalroten Färbung. Oft finde ich auch nur Spuren. Die Spuren des Spechts sind unglaublich vielfältig: Federn, Hackspuren, Höhlen und unterschiedlichste Fraßspuren. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das eine oder andere als Spur des Spechts erkannt habe. Ich lerne immer noch.
Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer wieder dasselbe Tier, derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt der Specht? Mit wem? Wie fühlt er?
Die Fragen bringen mich dann dazu, immer wieder etwas über das Tier, den Specht, in Erfahrung zu bringen, in Büchern, im Internet, in Gesprächen.
Eine der spannendsten Fragen, wenn ich mich mit anderen Lebensformen und Lebewesen beschäftige, ist die Frage: Was kann ich von diesem Lebewesen lernen? Was kann ich von der Lebensweise und Eigenart des Spechts über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste und meine Träume, meine Schwierigkeiten und meine Stärken?
Diese Frage taucht bei mir meist automatisch irgendwann auf. Und manchmal drängt sich auch eine Antwort so offensichtlich auf, dass sie nicht zu übersehen ist. So ging es mir mit dem Specht, der mich an die Bedeutung von innerer Führung und dem eigenen Lebensrhythmus erinnert. Ich erlebe es so, dass die Verbindung zu und Beschäftigung mit anderen Lebewesen und meiner natürlichen Umgebung automatisch auch meine Beziehung zu mir selbst stärken.
Meine Verbindung zu Tieren: Wir sind Tiere
Mir ist die innere Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Ich liebe Tiere! Besonders die wilden, nicht domestizierten. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Ich erinnere mich noch, dass mich das sehr irritiert hat. Ich habe es nie verstanden. Auch heute werden Tiere in unserer Gesellschaft nicht gleichwürdig mit uns Menschen angesehen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Es ist eine künstliche Einordnung in Schubladen, die in die Trennung führt. Wie tief dieses anthropozentrische Verständnis von uns Menschen als Mittelpunkt der Welt in unserer westlichen Kultur verankert ist, wird an unserer Sprache deutlich. Wir sprechen häufig von „Menschen und Tieren“. Vom Begriff des „Tieres“ fühlen wir uns wohl nicht mitumfasst oder müssen uns jedenfalls abgrenzen. Ich denke, dass es genau diese Trennung ist, die es uns ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen. Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Das ist besonders dann der Fall, wenn meine Sinneswahrnehmung hoch aktiviert ist, wie beim Schleichen im Wald mit verbundenen Augen oder nachts allein im Wald.
Aus diesem Gefühl und Verständnis von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.
„Wir Menschen und Tiere teilen uns unseren Planeten Erde mit Millionen von Lebewesen, eines faszinierender als das andere. Alle Lebewesen bestehen aus Atomen und Molekülen. Zusammen bilden wir ein geordnetes Gefüge und stehen in steter Verbindung mit unserer Umgebung. Wir alle atmen und leben unter gleichen Bedingungen, weil wir alle von unseren natürlichen Ressourcen abhängig sind. Jedes (Lebewesen) verdient Bewunderung. Mutter Natur hat jedes Lebewesen mit einer Seele ausgestattet. Unsere Seele macht uns einzigartig. Sie überwindet die Grenzen und Unterschiede zwischen den Arten. Wer der Seele lauscht, wird von Verständnis, Mitgefühl und Respekt erfüllt.“
Pablo Salvaje Vom Leben der Tiere, Wie sie handeln, was sie fühlen.
Tiere als Lehrer
Wir können viel von anderen Tieren über uns selbst und das Leben lernen, wenn wir sie beobachten, etwas über ihre Lebensweise erfahren, uns in sie hineinversetzen, wie sie denken, wie sie fühlen.
Schon von alters her haben Menschen sich in Tiergestalten verwandelt – in vielen alten Geschichten und Sagen oder mittels Masken und Tierverkleidungen. In der Mythologie stehen Tiere oft als Symbol für verschiedene Aspekte des Menschen. Tiere können Lehrer für uns sein, die uns in unserer individuellen Entwicklung helfen können. Sie können uns auf bestimmte Qualitäten, Verhaltens- oder Lebensweisen aufmerksam machen, die gerade gut für uns wären oder uns nicht guttun. Sie können uns Wahrheiten über uns selbst und unser Leben spiegeln. Wir können von ihnen etwas über Beziehung lernen, zu anderen Lebewesen, zu Orten und zu nicht belebten Lebensformen.
In vielen alten Geschichten und Mythen haben Tiere diese Rolle als Lehrer oder Helfer. Die Germanen und nordamerikanischen Indianer haben besondere Tiere, Kraft- oder Medizintiere, die Menschen oder auch Familienclans beistehen. Die keltischen Druiden und Helden konnten oftmals in Tiergestalten die Grenze zur nicht sichtbaren Anderswelt überschreiten. Bei den Griechen und Römern verwandelten die Götter sich immer wieder in Tiere, meist zur Tarnung, um das tun zu können, was ihnen ansonsten nicht möglich gewesen wäre.
Nach C.G. Jung erscheinen in Märchen häufig bestimmte Archetypen in Gestalt von Tieren, denen bestimmte Charaktereigenschaften oder Kräfte zugesprochen werden. Nach Jung drückt sich die Seele, die tiefste Ebene des Bewusstseins, häufig durch solche Bilder und Symbole aus. Das Symbol weist nach Jung über sich selbst hinaus auf einen noch nicht bewussten, noch nicht in Worte zu fassenden, geahnten Sinn. Symbole können eine wichtige Bedeutung für unsere Entwicklung haben, weil sie uns helfen können, unsere inneren Erlebnisvorgänge besser zu verstehen.
Für mich ist der Specht ein besonderes Wesen, das mich seit einigen Jahren intensiv begleitet. Sein Körperbau, seine Fähigkeiten, seine Lebensweise, seine Intelligenz und seine Symbolkraft faszinieren mich.
Lebensweise und Biologie des Spechts: Trommler, Wegbereiter und Problemlöser
Weltweite Verbreitung – Artenvielfalt der Spechte
Spechte (lat. Familienname: Picidae) sind mit mehr als 250 Arten eine sehr artenreiche Vogelfamilie. Sie sind fast weltweit zu finden – mit Ausnahme von Australien, Neuseeland und Polynesien.
In Europa gehört der Buntspecht zur häufigsten Spechtart. Er gehört nicht zu den gefährdeten Arten, seine Bestände wachsen leicht. Deswegen können wir ihm häufig begegnen. Der Buntspecht ist etwa 23 cm groß. Man erkennt ihn am schwarz-weiß gemusterten Gefieder, den zwei großen weißen Flügelflecken und der roten Unterschwanzdecke. Männchen haben am Hinterkopf einen roten Fleck, Jungtiere einen roten Scheitel.
Trommler des Waldes
Der wissenschaftliche Name des Buntspechts „Dendrocopos major“ kann mit „großer Baum-Hämmerer“ übersetzt werden. Der Körperbau des Spechts ist ideal an das Klettern am Baumstamm, Trommeln auf Holz und Hacken von Bruthöhlen in Bäume angepasst. Das schützt den Specht beim Hacken und Trommeln vor einer Gehirnerschütterung. Das ist nötig, denn beim Trommeln und Hacken wirken enorme Kräfte von bis zu 25 km/h. Der starke, meißelförmige Schnabel federt die Kraft des Schlages ab. Eine verstärkte Knochenstruktur und abfedernde Muskeln zwischen Schnabel und Schädel wirken wie Stoßdämpfer.
Der Specht hat zwei nach vorne und zwei nach hinten aufgespreizte Füße mit kräftigen Krallen, die ihm das Klettern und Trommeln am Baum erleichtern. Mit seiner steifen Schwanzspitze kann er sich beim Klettern wie mit einer Art „drittes Bein“ abstützen.
Spechte lesen den inneren Zustand des Baums
Spechte können den inneren Zustand des Holzes außerordentlich gut mit einer Kombination von zwei Sinnen erfassen. Zum einen hören sie, wie der Schlag klingt. Zudem erspüren sie mit Sensoren im Schnabel den Druck und die Vibration des Schlags auf das. Sie fühlen, wie der Schlag federt. Auf diese Weise erkennen sie, ob das Innere des Holzes gesund oder morsch ist, ob es Hohlräume und Insektenbefall gibt und, ob die Struktur dichter oder lockerer ist. Das hilft ihnen, den Energieaufwand bei Nahrungssuche, Höhlenbau und Trommeln gering zu halten.
Trommeln ist die Sprache der Spechte
Spechte trommeln nicht nur, um Nahrung zu finden oder Höhlen zu bauen. Trommeln ist die Sprache der Spechte. Jede Spechtart und sogar jeder einzelne Specht hat seine ganz eigene Signatur in Rhythmus, Länge, Schlagzahl und Schlagfrequenz. Weibchen trommeln in der Regel etwas kürzer als Männchen. Trommeln dient unter anderem der Partnerwerbung, Paarbindung und Revierabgrenzung. Besonders oft trommeln Spechte daher zur Paarungszeit im Vorfrühling von Februar bis März.
Das Trommeln ist aufgrund der Lautstärke und Reichweite eine auch auf weite Entfernungen deutlich wahrnehmbare Form der Kommunikation. Zum Trommeln sucht sich der Specht gezielt laut klingende Resonanzkörper, wie hohle Äste, aber auch Laternenpfähle und Dachrinnen.
Wegbereiter für andere – Lebensraum und ökologische Bedeutung
Spechte können sich gut an verschiedenste Lebensräume anpassen. Was sie brauchen, sind alte Bäume und Totholz. Sie kommen daher nicht nur in Wäldern, sondern auch in naturnahen Parks und Gärten vor. In meinem Garten besucht mich regelmäßig sowohl der Bunt-, als auch der Grünspecht.
Der Specht ist ein Wegbereiter für viele andere Tierarten. Spechte bauen viel mehr Höhlen, als sie brauchen. Meist nutzen Spechte eine Höhle nur ein einziges Jahr. Verlassene Spechthöhlen werden als Wohnräume von verschiedensten Tierarten genutzt – so von anderen Vögeln wie Kleiber, Meise, Taube und Kauz, aber auch von Fledermäusen, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Bienen oder anderen Insekten. Damit sorgt der Specht für Lebendigkeit und mehr Artenvielfalt im Wald.
Lebensweise im Rhythmus der Jahreszeiten
Spechte brüten im Frühjahr (April bis Juni). Meist bilden Weibchen und Männchen für eine Brutsaison ein Paar und leben danach als Einzelgänger. Die Bruthöhle liegt 20-50 cm tief in weichem Holz. Das Gelege von von 3-7 weißen Eiern wird von beiden Eltern ungefähr zwei Wochen lang abwechselnd bebrütet. Die Jungen kommen nackt als Nesthocker oder Nestlinge zur Welt. Nach dem Schlüpfen müssen sie von den Eltern noch 3-4 Wochen lang rund um die Uhr versorgt werden. Ende Mai bis Juni werden die Jungspechte dann flügge.
Werkzeugbauer und Problemlöser
Buntspechte ernähren sich überwiegend von Insekten, Samen oder Früchten. Dabei nutzen sie ihre lange Zunge mit Widerhaken, um Insekten und Larven aus Spalten oder Löchern im Holz zu holen. Der Specht ist außerordentlich kreativ und erfinderisch bei der Nahrungsbeschaffung.
Im Frühjahr zapft der Specht die im Frühling aufsteigenden nahrhaften Baumsäfte junger Bäume an, indem er ringsum den Stamm Löcher hackt (sog. Ringeln). Daher kommt der Name Schluckspecht. Auch andere Tiere nutzen diese Zapfstellen, um im Vorfrühling an Nahrung zu kommen.
Im Winter reagiert der Specht intelligent auf das reduzierte Nahrungsangebot. Er baut sich Werkzeuge, um an große Mengen von fetthaltigen Samen aus Tannen- und Kiefernzapfen zu kommen. Dazu klemmt er einen Zapfen in einen Spalt im Holz oder zwischen Äste. In diesen sogenannten Spechtschmieden kann er die Samen schnell und effektiv herauslösen. Manchmal zimmert sich der Specht mit seinem Meißelschnabel sogar selber eine Schmiede. Die Schmieden erkennt man oft an der Vielzahl an Zapfenschuppen am Boden.
Der Specht als Spiegel der Seele – Symbolik und alte Mythen
Da der Specht fast überall auf der Welt vorkommt und sowohl optisch, als auch akustisch ein auffälliger Vogel ist, gibt es überall auf der Welt zahlreiche unterschiedliche alte Geschichten, in denen der Specht vorkommt. Angesichts der Fülle an Geschichten beschränkt sich mein Beitrag auf die Bereiche der Wandlungsprozesse, den Specht als Rhythmusgeber und Hüter von verborgenem Wissen.
Wandlungsprozesse
Der Specht ist ein Symbol der Verwandlung, der als Hinweis auf Wachstums- und Veränderungsprozesse gedeutet werden kann.
Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen es um eine äußerliche Verwandlung von Menschen in Spechte geht. Im Vordergrund für die Gestaltwandlung steht häufig das Motiv der Rache bzw. Strafe. In der römischen Mythologie wird der König und Seher Picus (übersetzt: Specht) von der Zauberin Circe in einen Specht verwandelt. Circe rächt sich damit an Picus, weil er ihren Annäherungsversuchen aus Treue zu seiner Frau Canens, der Nymphe, widersteht. Das Motiv der Gestaltwandlung als Strafe gibt es auch in einer norwegischen Geschichte. Die Frau Gertrude wird als Mahnung für ihren Geiz in einen Specht verwandelt. Nur ihre rote Haube bleibt ihr als Erkennungszeichen.
Der rote Fleck am Hinterkopf der Männchen kann als sichtbares Anzeichen für das Überschreiten einer Schwelle oder Grenze gedeutet werden. In der europäischen Symbolgeschichte, wie etwa in dem Märchen Rotkäppchen, steht die Farbe Rot für ein solches sichtbares Grenzzeichen. Das Rot zeigt an, dass die Grenze der bekannten und sicheren Welt verlassen wird und nun der Weg in den Bereich des Unbewussten oder Unbekannten – im Märchen der Wald – ansteht. Inneres und äußeres Wachstum finden außerhalb der bekannten Komfortzone – im dunklen Wald – statt. Man begibt sich auf unbekanntes, unsicheres und deswegen vielleicht auch ein wenig gefährliches Terrain. Rot zeigt symbolisch solche Wachstumsprozesse, eine Prüfung und Initiation in ein neues Ich an. Rotkäppchen ist eine Geschichte über die Pubertät und das Erwachsenwerden. Sie verlässt die Mutter, um im dunklen und gefährlichen Wald erwachsen zu werden. Ihr altes kindliches Ich wird vom Wolf verschlungen, um neu zurück in die Welt zu kommen. Beim Specht hat die rote Haube auch evolutionsbiologisch eine echte Signalwirkung. Sie zeigt an, dass das Männchen in einem guten Fitnesszustand und ein guter Fortpflanzungspartner ist.
Rhythmusgeber
Das deutlich wahrnehmbare Trommeln des Spechts ist ein Symbol für Rhythmus. Rhythmus hat verschiedene kulturelle, psychologische und biologische Bedeutungen, Funktionen und Wirkungen.
Lebensrhythmus und Strukturierung von Zeit
Das gleichmäßige, rhythmische Trommeln des Spechts legt Assoziationen zum Herzschlag und damit zum Lebensrhythmus nahe. Rhythmus gibt die notwenigen Impulse, Sicherheit und Struktur vor, um leben und tanzen zu können. Die Erde und der Mond drehen sich in ihrem eigenen Rhythmus. Die Jahreszeiten und jedes Lebewesen hat seinen eigenen beständigen Rhythmus. Er gibt alles vor. Das Leben bewegt sich im eigenen Rhythmus von Entstehen und Vergehen, Ruhe und Aktivität.
Rhythmus strukturiert Zeit. Es gibt Belege in Europa aus dem Mittelalter, die den Specht in solchen Zusammenhängen zeigen. In Europa war der Specht in älteren Zeiten ein Zeitmarker für den phänomenologischen Frühlingsbeginn. Der phänomenologische Frühlingsbeginn orientiert sich anders als der kalendarische (Orientierung an einem festen Datum: 21. März) oder astrologische Frühlingsbeginn (Orientierung an astronomischen Ereignissen: Frühjahrs-Tagundnachtgleiche) an den Vorgängen in der Natur, dem Rhythmus der Pflanzen und Tiere, die sich stärker am Wetter und den Temperaturen orientieren. Das Trommeln des Spechts ist verstärkt nach dem Winter zur Balzzeit im Februar und März zu hören. Es markiert den phänomenologischen Vorfrühling. Für die Menschen früher strukturierte der Specht damit den Jahreszeitenzyklus und war gerade in landwirtschaftlich geprägten Gegenden ein wichtiger Anzeiger für die natürlichen Kreisläufe in der Natur. Der Specht kennzeichnet auch hier einen Wandlungsprozess, nämlich den natürlichen Übergang vom Winter zum Frühling.
Gemeinschaftsbildung, Spiritualität und Therapie
Rhythmus ist in der Kulturgeschichte der Menschen seit jeher verankert. Die ältesten Funde von Instrumenten sind Rhythmusinstrumente, wie Klanghölzer, Rasseln und Trommeln. Rhythmus hat bei Tieren und Menschen eine soziale Funktion als nonverbale Kommunikation, aber auch eine körperliche und neurologische Wirkung auf Körper, Gehirn, Nervensystem und Psyche. Rhythmus kann die Funktion der Kommunikation, der sozialen Bindung und Gemeinschaftsbildung, aber auch der Abschreckung oder Einschüchterung haben. In der Kulturgeschichte der Menschen stärkt Rhythmus das Gruppenerleben und den sozialen Zusammenhalt durch emotionale Synchronisation oder gemeinschaftliche Ekstase. Die Gefühle von Menschen, die im selben Rhythmus musizieren, nähern sich aneinander an. Ein Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit entsteht. Rhythmus hat eine große Bedeutung als künstlerisch-musikalischer Ausdruck und im religiösen Kontext (Ritualgestaltung, Trance, Schamanentum). Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die gemeinsam im Rhythmus trommeln, schneller Vertrauen aufbauen und besser kooperieren.
Die Bedeutung von Rhythmus in der menschlichen Kulturgeschichte ist nicht verwunderlich, wenn man darauf schaut, welche neurologischen und psychologischen Effekte Rhythmus bei der Regulation von Emotionen und der Beruhigung des Nervensystems hat. Dabei kann man sowohl eine Angleichung der Atmung, Herzfrequenz und Gehirnwellen von mehreren Menschen beobachten, die im selben Rhythmus musizieren. Rhythmische Aktivitäten haben aber auch regelmäßig eine beruhigende und stabilisierende Wirkung auf das Individuum. Rhythmus synchronisiert die Gehirnwellen, Atmung und die Herzfrequenz und wird therapeutisch zur Beruhigung eingesetzt. Babys reagieren bereits im Mutterleib stark auf den mütterlichen Rhythmus von Herz, Atem und Schritten.
Hüter von verborgenem Wissen
Ein wiederkehrendes Motiv in den Mythen verschiedener Kulturen ist der Specht als Öffner von verborgenen Räumen und Hüter von Wissen.
Im mitteleuropäischen Kulturraum gibt es nach Jacob Grimm viele ähnliche Überlieferungen, in denen Menschen ein Spechtloch versperren, damit der Specht ihnen das magische Springwurz bringt. Mithilfe des Springkrautes können Hindernisse geöffnet oder gesprengt werden, etwa eine Höhle im Berg oder ein Zugang zu einem verborgenen Schatz. Der Specht verfügt in diesen Überlieferungen über geheimes Schlüssel- und Schwellenwissen. Er ist es, der die geheime Pflanze kennt, mit deren Hilfe man an den verborgenen Schatz im Inneren kommt. Der Mensch braucht den Specht als Schlüsselwesen, der zwischen der äußeren Welt und dem inneren Schatz, vermittelt. Die Rolle des Spechts als Hüter des verborgenen Wissens und Vermittler zwischen Außen und Innen korrespondiert mit seiner biologischen Fähigkeit als Höhlenbauer, der das Innere des Holzes mit Schnabelsensor und Gehör genau kennt.
Außerhalb Europas finden sich Mythen mit einer ähnlichen Symbolik. Bei den nordpazifischen Native Americans kennt der Specht das Geheimnis des Feuers, dass er den Menschen gegen den Widerstand der Götter bringt. Als Strafe dafür, wird er mit dem roten Kopf gekennzeichnet. Die Geschichten sind zwar unterschiedlich, das Motiv des Spechts als Hüter des geheimen Schatzwissens ist aber ähnlich. Der Specht als Grenzgänger zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt verhilft den Menschen zum Schatz, dem Feuer.
Im übertragenen Sinn ist der Specht in diesen Geschichten ein Vermittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen der inneren und der äußeren Sphäre, der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Das passt zur Symbolik von Vögeln im sibirischen Schamanentum. Vögel sind danach Hilfswesen, die dem Schamanen den magischen Flug in den Himmel ermöglichen. Sie werden als passenderweise als Grenzgänger zwischen der wahrnehmbaren Wirklichkeit und der unsichtbaren Geisterwelt angesehen. Die Kostüme der sibirischen Schamanen ahmen häufig Vögel nach. Der Schamane verwandelt sich so in einen Vogel und wird selbst zum Grenzgänger. Hier liegt die Assoziation nahe, dass der Specht mit dem Trommeln einem Schamanen gleich Kontakt zur verborgenen Geisterwelt aufnimmt. Diese Geisterwelt existiert in gewisser Weise in Form des Unbewussten und Unbekannten in jedem von uns.
Passend zu dieser Symbolik war der Specht (lateinisch Picus) für die Römer der heilige Vogel des Kriegs- und Landwirtschaftsgottes Mars. Der Specht spielte als Orakelvogel eine besondere Rolle bei der Weissagung in Form des Vogelflugs (Augury). Die Augury war im römischen Reich eine offizielle religiöse Praxis, bei der aus der Natur in Form des Vogelverhaltens der göttliche Wille rituell gelesen wurde. Auch hier öffnet der Specht den Zugang zum Unsichtbaren, zur unbekannten Zukunft, zum göttlichen Willen und Schicksal.
Was der Specht mir bedeutet…
Wie der Specht in mein Leben kam
Der Specht begleitet mich schon viele Jahre intensiv. In meinem Garten habe ich immer wieder schwarze Federn mit weißen Punkten gefunden. Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Federn, dem auffälligen Muster. Lange habe ich nicht gewusst, dass diese Federn vom Specht stammen.
Auf einem Naturgang vor einigen Jahren hatte ich dann in der Morgendämmerung eine sehr besondere Begegnung mit einem Specht. Ich lief ziellos durch den Wald, bis ich auf eine Spechthöhle in einem Baum aufmerksam wurde. Diese Höhle zog meine Aufmerksamkeit stark an. Ich setzte mich dann gegenüber der Höhle mit dem Rücken gegen einen anderen Baum gelehnt. Plötzlich spürte und hörte ich in meinem Körper, wie ein Specht an meinen Baum hämmerte.
Der Specht hat mir an diesem Morgen die Botschaft gebracht, dass ich auf den Rhythmus meines Lebens hören soll. Er erinnert mich seitdem daran, im Rhythmus meines Lebens zu leben. Er hat mir Vertrauen gegeben, dass ich den Rhythmus meines Lebens hören und spüren kann, wenn ich lausche. Der Specht ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.
The Journey One day you finally knew what you had to do, and began, though the voices around you kept shouting their bad advice – though the whole house began to tremble and you felt the old tug at your ankles. „Mend my life!“ each voice cried. But you didn’t stop. You knew what you had to do though the wind pried with its stiff fingers at the very foundations, though their melancholy was terrible. It was already late enough, and a wild night, and the road full of fallen branches and stones. But little by little as you left their voices behind, the stars began to burn through the sheets of clouds, and there was a new voice which you slowly recognized as your own, that kept you company as you strode deeper and deeper into the world, determined to do the only thing you could do – determined to save the only life you could save.“
Mary Oliver, A Thousands Mornings: Poems
Seit diesem Morgen habe ich eine ganz besondere Beziehung zum Specht. Ein paar Wochen später konnte ich an derselben Stelle aus nächster Nähe eine Kleiberfamilie beobachten, die in der Höhle ihre Jungen aufzog. Das war eine sehr berührende Erfahrung. Ich begegne auch dem Specht immer wieder. Mal kreuzt er direkt meine Strecke beim Laufen im Wald. Ich höre ihn immer wieder trommeln. Manchmal folge ich dem Trommeln. Ich finde Spechtfedern und Hackspuren. Seine Botschaft wirkt machtvoll in mir!
Was der Specht mich lehrt
Der Specht lehrt mich wichtige Qualitäten und Fähigkeiten, um mich kraft- und vertrauensvoll, lebendig und authentisch durch mein Leben zu begleiten. Er ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.
Achtsamkeit: Innehalten und Präsenz
Der Specht erinnert mich mit seinem Trommeln, innezuhalten und präsenter bei mir und in der Welt anzukommen. Oft habe ich plötzlich das Klopfen des Spechtes gehört und erstmal gestoppt. Das Innehalten ermöglicht es mir besser zuzuhören.
Meiner inneren Stimme zuhören
Der Specht erinnert mich daran, ins Innere zu spüren.
Was ist jetzt in diesem Moment gerade lebendig in mir?
Was fühle ich? Welche Gedanken, Wünsche und Träume sind da?
Welchen Lebewesen, Qualitäten und Aufgaben will ich in meinem Leben Raum geben?
Was möchte ich jetzt in meinem Leben leben, entwickeln und erschaffen?
Es braucht Achtsamkeit und Mut, hinzuspüren und mich meinen inneren Hindernissen, Ängsten und Zweifeln zu stellen. Und es gehört Authentizität, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit dazu. Der Specht ist für mich ein Öffner zu meinen versteckten inneren Räumen. Er erinnert und ermutigt mich, meiner inneren Stimme zuzuhören. Der Specht mit seiner Fähigkeit als Problemlöser, Erfinder und Werkzeugbauer erinnert mich daran, mich dabei von Erwartungen, Konzepten und Vorstellungen zu lösen und mich unbefangen und mit spielerischer Neugier zu öffnen für die Möglichkeiten im Leben, die sich mir immer wieder anbieten – auch wenn ich mir ursprünglich etwas Anderes vorgestellt habe (out of the box-Denken).
„Wenn wir in unseren Meinungen etwas weniger festgefahren sind, können wir den Rhythmus des Lebens hören.“
Unbekannt
Im Rhythmus meines Lebens leben
Das kraftvolle, rhythmische Trommeln des Spechts erinnert mich daran, mich und meine Bedürfnisse, meine Träume, Visionen und Wünsche ernst zu nehmen. Es ist wichtig, dass ich im Rhythmus meines Lebens lebe. Der Specht erinnert mich an meine Willenskraft und Durchsetzungskraft, an meine Bereitschaft, meine Komfortzone zu verlassen.
Gleichzeitig lehrt mich der Specht Geduld. Ich darf meinen Lebensweg in meinem eigenen Tempo und Rhythmus gehen. Alles braucht die Zeit, die es braucht. Entwicklungsschritte können nicht einfach übersprungen werden. Manchmal wird eine Baumhöhle erst im nächsten Jahr oder nie fertig.
Ich brauche die rhythmische Wiederholung, die wiederholte Erinnerung des Spechts, um immer wieder auf meinen eigenen Weg und in Verbindung zu mir zu kommen. Der Specht stärkt mein Vertrauen in mein inneres Wissen.
„We need to come home to the temple of our senses. Our bodies know they belong to life, to spirit. It‘s our minds that make our life’s so homeless. Guided by longing, belonging is the wisdom of rhythm. When we are in rhythm with our own nature, things flow and balance naturally.“
Ich stehe in der Mitte meines Lebens – einer Zeit voller Veränderungen im Innen und im Außen. In dieser Zeit des inneren und äußeren Wandels habe ich ein Sabbatjahr – Zeit zum Aussteigen aus der gewohnten Arbeitsroutine, aus dem Hamsterrad zwischen Familie und Job. Eine Zeit zur Reflexion darüber, wo ich jetzt – in der Mitte meines Lebens – stehe, was gehen darf oder gehen wird und was ich noch Leben möchte, in diesem so kostbaren Leben. Zum Anfang dieses Jahres hat es mich zurück zu meinen Wurzeln in die Ronscht gezogen. Das ist ein verwilderter, tief gelegener Hohlweg in Rheinhessen, den man durch einen Durchgang in der Hecke vom Grundstück meiner Vorfahren – Großeltern und nun Vater – aus erreicht. Es ist das Tor in eine verzauberte eigene wilde Welt inmitten der menschlich kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens. Ein Ort, der einiges über Wildnis erzählen kann, wenn man sich Zeit zum Zuhören nimmt. Für mich ist es seit meiner Kindheit ein ganz besonderer Ort- ein Ort, mit dem mich eine besondere Liebesbeziehung verbindet. Heute vertiefe ich die Beziehung zu diesem Ort mit der Praxis der Naturachtsamkeit, mit Kernroutinen der Wildnispädagogik und der naturverbundenen Prozessbegleitung. So tauche ich in einen eigenen Dialog mit diesem Ort ein, indem ich mir selbst im Spiegel der Natur begegne, einen Ort zur Begegnung mit meinen Ahnen schaffe, alleine in meiner Laubhütte übernachte, ziellos herumstromere und die Fährten der Tiere lese.
Innehalten in der Mitte meines Lebens: Was will ich leben?
Mein Sabbatjahr fällt in eine Wandlungsphase in der Mitte meines Lebens. Ich habe bereits einiges an Erfahrungen in meinem Leben gesammelt und bin durch einige Wachstumsprozesse gegangen. Meine Kinder werden größer und die Intensität der Mutterrolle wird weniger. Ich spüre wieder mehr Raum für mich. Vieles verändert sich – in mir und in meinem Leben. In diesem Jahr kann ich dieser Wandlungsphase bewusst Raum geben. Ich habe die Gelegenheit in der Mitte meines Lebens Inne zu halten, um zu Schauen, was jetzt da ist, was nicht mehr ist und was wachsen möchte. Was für ein kostbares Geschenk in dieser schnelllebigen Zeit. In der äußeren Welt geht es für mich vor allem darum, meine Leidenschaft für Naturverbindung, Naturspiritualität, authentisches Menschsein, für authentische menschliche Verbindungen und Gemeinschaft zu leben und zu teilen. Im Inneren geht es um Selbstvertrauen, Sichtbarkeit, darum alte Selbstzweifel zu entkräften. Es ist wertvoll, wenn wir uns in unserem Leben bewusst kleinere oder größere Räume des Stillstands schaffen, um uns mit den wiederkehrenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Denn wir haben nur dieses eine wilde Leben. Vielleicht wird es immer wieder andere Antworten geben oder auch keine, oder solche, die wir uns nicht wünschen. Oft ist es wichtiger zu fragen und in die Fragen hineinzuleben (Rilke, Über die Geduld), als sofort klare und eindeutige Antworten zu finden.
Was will ich leben und lieben in diesem so unglaublich kostbaren Leben?
Was sind die nächsten Schritte auf meiner Lebensreise?
„Tell me, what is it you plan to do, with your one wild and precious life?“
Um diesen Fragen Raum zu geben, bin ich zurück an den Anfang meines Lebens gegangen. Dorthin, wo ich herkomme. Zum Ort meiner Großeltern, meiner Kindheit. Es ist Anfang Dezember. Nach dem keltischen Jahreskreis fängt in dieser Zeit der tiefsten Dunkelheit im Verborgenen ein neuer Lebenszyklus an. Der Anfang liegt im Unbekannten. Im Nicht-Wissen. Ich komme, um zu spüren, was noch nicht sichtbar ist, was noch nicht in Worte und Bilder zu fassen ist. Begleitet werde ich heute und in diesem Jahr von Alina, die meine innere Reise bezeugt.
„Change will always happen, we cannot escape from change. But how can we move forward with change without detaching ourselves from our roots? How can we not forget where we came from?“
Maria Mutiara
Diese Frage beschäftigt mich. Wie kann ich Veränderung leben und gleichzeitig verwurzelt bleiben? Wie kann ich die Geschenke meiner Ahnen und meines Lebensweg nutzen in meiner Zukunft? Um in Kontakt mit dieser Frage zu kommen, gibt es keinen besseren Ort, als Wahlheim und die Wildnis in der Ronscht. Es ist eine Reise zurück zum Anfang meines Lebens und dem, was mich hier geprägt hat. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem soviel von mir ist, von dem ich so berührt werde und der mich so bekräftigt in meiner Liebe zum wilden Leben. Ich liebe diesen Ort innig, seit ich ein Kind bin. Ich fühle mich mit diesem Ort so verbunden – auch wenn wir beide uns über die vielen Jahre, immer wieder verändert haben. Es ist ein Ort voller Zauber und Kraft, voller alter Geschichten, voller Träume und neuer Möglichkeiten. Hier habe ich schon als Kind erfahren, dass ich Teil der Natur bin, alles um mich herum belebt ist und eine eigene Intelligenz und Seele hat. Es ist der Ort, an dem ich mit der Natur spreche und die Natur mit mir. Als Kind war es ein großes Abenteuer für mich, diese eigene kleine Wildnis-Welt zu erkunden. Es fühlte sich an wie eine Expedition in eine andere wilde Welt. Oft war es auch unheimlich in dieser Wildnis – etwas düster, undurchdringlich und man hörte immer wieder Geräusche von Tieren, ein Knacken, ein Knurren, ein Bellen der Rehe und Füchse.
Hohlweg – Archiv der Natur und der Generationen
Wie passend und bedeutungsvoll, dass dieser Ort ein alter Hohlweg ist. Hohlwege sind uralte Wege, die von Menschen jahrhundertelange genutzt wurden und sich tief in die Landschaft eingegraben haben. Viele Hohlwege sind Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt. Im Laufe der Zeit haben Menschen und Tiere den Boden immer weiter abgetragen. Bei Regen und Gewittern wurden sie zu natürlichen Wasserabflüssen, die Erde und Gestein wegspülten. Manche Hohlwege sind zu richtigen Schluchten geworden (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege). So liegt auch der tiefste Punkt der Ronschteinige Meter unterhalb der sie umgebenden Weinberge und Felder.
Wenn dieser Hohlweg ein Spiegel meiner inneren Seelenlandschaft ist, was erzählt dieser Ort über mich?
Hohlwege respektieren anders als heutige Straßen die natürliche Topografie der Landschaft. Sie erkennen an, was da ist. Sie folgen dem Verlauf eines Tals oder dem Anstieg eines Hügels. Sie entstanden durch das Zusammenspiel von Mensch und Natur im Rahmen einer natürlichen und langsamen Entwicklung, durch ständige Wiederholung. Jeder Schritt trägt zur Entstehung bei – auch wenn das erst viel später sichtbar wird. Der Weg verbindet sich mit der Landschaft. Ganz im Gegensatz dazu werden heutige Wege und Straßen gewaltsam, meist dem direktesten Weg folgend, in die Landschaft gegraben oder gesprengt (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege).
Diese Art von Entwicklung und Wachstum fühlt sich auch für mich gut und natürlich an. Ich bin überwiegend im Frieden mit dem, was war und dem, was ist. Natürlich waren auch schmerzhafte Erfahrungen dabei und aus meiner Perspektive heute würde ich vielleicht das eine oder andere anders machen. Ich kann aber zutiefst anerkennen, dass dies zu meiner Entwicklung und meinem Lebensweg dazugehört. Ich bin ein Wesen wie jedes andere, dass in Beziehungen zu Menschen und anderen Lebewesen, in einer bestimmten Zeit und bestimmten Gesellschaft in die Welt gekommen ist. Das hat Spuren in mir hinterlassen – wie in einem Hohlweg. Und genauso hinterlasse ich Schritt für Schritt in meiner Lebensumwelt meine Spuren – zusammen mit vielen anderen Menschen, Lebewesen, Erden, Gestein, Wind, Wasser und Sonne.
„Jedes Lebewesen erfährt im Laufe seines Lebens vorübergehende oder bleibende Veränderungen als Folge von Weiterentwicklung, Schutz oder Erneuerung. (…) Die Natur zeigt uns, dass wir heute weder so sind, wie wir gestern waren, noch wie wir morgen sein werden. Im Zauber des Wandels liegt die Kraft, das Wesentliche zu erhalten und die Identität zu waren.“
Manchmal fühle ich mich wie dieser Hohlweg. Es ist eine eigene wilde Welt hier unten in der Ronscht – manchmal undurchdringlich, voller Tierspuren. Mitten in der „gezähmten“ und von Menschen bis ins letzte kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens mit seinen Weinbergen und Feldern, hat sich in den Hohlwegen eine fast vergessene eigenwillige Wildnis entwickelt. Hohlwege sind mit ihrer schluchtartigen Topologie für die moderne Leistungs- und Konsumgesellschaft und die industrialisierte Landwirtschaft nutzlose Zwischenräume. Wir müssen nicht in ferne Länder reisen, um Wildnis zu begegnen. Wildnis gibt es auch in den Zwischenräumen der noch so gezähmtesten Kulturlandschaft, entlang der Autobahnen und sogar in Städten. Lange hat es mich in die Ferne gezogen, wo ich unberührte Natur, Abenteuer und neue Eindrücke gesucht habe. Heute weiß ich, dass die Wildnis auch in meiner Nähe, an bekannten Orten und in mir selbst und in anderen ist. Wildnis ist überall zu finden. Manchmal können wir sie nicht sehen, weil wir etwas anderes erwarten, ein anderes Bild von Wildnis haben. Wildnis findet immer einen Raum, in dem sie sich entfalten kann. Unter den scheinbar unmöglichsten Bedingungen findet Wildnis ihren ganz eigenen Weg. Unstoppable. Die Ronscht lädt mich ein, die versteckten wilden Zwischen-Räume in bekannten Landschaften und meine eigenen inneren Wildnisgebiet zu entdecken. Sie lädt mich dazu ein, inmitten all des gesellschaftlichen Konformitätsdruck meine eigene innere Wildnis zu bewahren und zu kultivieren. Wild sein heißt für mich authentisch sein und das leben, was ausgedrückt werden möchte. Ohne Angst vor eigenen und fremden Bewertungen.
Alina hat mich dazu angeregt einen Ahnenaltar zu bauen. Ein solcher Platz zur Begegnung mit den Ahnen, mit etwas, dass über mein „Ich“ hinausgeht, bedeutet mir viel. Mein alter Ahnen-Platz, der riesige alte Walnussbaum mit seinen vielen Stämmen, zerfällt immer mehr. Von den Stämmen des Baumes, die mich an mächtige Köpfe erinnern, sind nicht mehr viele übrig. Doch bevor ein neuer Ahnen-Altar gebaut werden kann, muss der alte heilige Baum gewürdigt und verabschiedet werden. Ich bin traurig über sein Sterben, seinen Zerfall und sein Verschwinden. Und gleichzeitig fühle ich tröstlich, dass das Teil des natürlichen Zyklus von Entstehen und Vergehen und Vergehen und Entstehen ist. Nur wenn etwas Altes geht, kann etwas Neues entstehen. Ich klettere von oben vorsichtig in dieses alte, gleichzeitig mächtige und gebrechliche Wesen, in den Haupt-Stamm.
Ahnen „Unsere Vorfahren sind unser Stamm. Sie haben den Weg bereitet für unsere Ankunft und unser Leben.Ist die Verbindung zu ihnen ungetrübt, fühlen wir uns geborgen, genährt und bestärkt darin,wir selbst zu sein und unsere Talente und Fähigkeiten zu leben. Sie sind wie eine warme Decke, die uns umgibt und die uns das Vertrauen schenkt, das Abenteuer Leben zu leben.„
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Der Stamm des heiligen Walnussbaums steht für meine Ahnen. Er ist so groß und mächtig und nimmt mich ganz in sich auf – in sein Inneres. Für einen Moment werde ich ein Teil von ihm. Ich bin sein Herz. Gleichzeitig finde ich Schutz und werde von ihm gehalten. Unter der dicken weißen Walnussrinde, die ich so sehr liebe, weil sie wie aus einer anderen Welt wirkt, hat sich ganz viel schwarze Erde gebildet. Ich spüre mit meinen Fingern in die Erde. Sie ist ganz fein. Was ist das für ein Wunder! Mein heiliger Ahnenbaum wird Nährboden für neues Leben und Wachstum. Ich nehme etwas von dieser Erde, um damit auf der Karte meiner inneren Wildnis diesen Ort meiner Ahnen einzuzeichnen. Hier in der Ronscht liegt der Ursprung für meine Naturspiritualität. Hier habe ich das Gefühl in etwas aufzugehen, das größer ist als ich. Diese Ahnenlinie darf ich fortführen.
Zum Abschluss schenkt mir der heilige Ahnenbaum riesige weiße Rindenstücke für den neuen Ahnenaltar. Was für ein großes Geschenk. Der alte Ahnenbaum entblättert sich, zeigt sein Inneres, macht sich nackt. Dieses Bild vom entblätterten Baum regt mich an, dass ich mir in der Mitte meines Lebens nochmal bewusst machen und erforschen möchte, was mein Stamm und meine Wurzeln sind. Was ist das Erbe meiner Ahnen und was sind übernommene und für mich nicht mehr dienliche Gedanken- und Verhaltensmuster.
„Als Kind orientieren wir uns an dem, was (unsere Ahnen) denken, wie sie fühlen und handeln.Sie sind fast wie eine göttliche Instanz für uns. Wir lauschen ihrem Klang und denken irgendwann, dass es unser eigener ist.Wir verinnerlichen das, was sie uns widerspiegeln.Dabei haben sie oft mit ihren übernommenen Mustern und Prägungen auf uns geschaut und nicht erkannt, wie und wer wir wirklich sind. Ebenso wie es ihnen als Kind ergangen ist. Deshalb konntensie uns vielleicht nicht immer das schenken, was wir so dringend gebraucht hätten. (…) Ohne dass wir es bemerken, leben damit wir „ihr“ Erbe weiter. Ihre Geschichte ist immer auch Teil unserer Geschichte, ob wir es wollen oder nicht. (…)Wie unter den vielen Kerben und Unregelmäßigkeiten (des Wacholderstammes) eine wunderschöneMaserung und ein fester Kern liegen, erkennen auch wir, wie und wer wir wirklich sind.“
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Ich spüre, dass auch ich geprägt bin von den Spuren, Ängsten und Erwartungen meiner Ahnen – wie die Hohlwege von den Füßen von Generationen geformt wurden. Manchmal ist mir nicht klar, was an Überzeugungen und Vorstellungen von mir und was von meinen Ahnen ist.
Welche Spuren, Ängste und Erwartungen sind von meinen Ahnen und wovon möchte ich mich frei machen?
Die Rinde des heiligen Walnussbaums steht für Schutz. Wir alle legen uns meist im Laufe unseres Lebens eine Schutzrinde zu. Das ist sehr gesund und eine intelligente Überlebensstrategie. Die Rinde deckt aber auch ab, was darunter ist, welcher Kern, welches Gold. Es gibt eine bekannte Geschichte von einem goldenen Buddha in Bangkok. Der war jahrhundertelang mit einer Lehmschicht überzogen. Vermutlich sollte diese Schutzschicht den goldenen Buddha vor Dieben schützen. Irgendwann bekam die Lehmschicht Risse und das Gold darunter blitzte vor. Die Geschichte kann uns dazu ermutigen, unserem inneren Gold – dem zutiefst Guten und Schönen in uns – zu vertrauen und uns mit unserer menschlichen Verletzlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig darf ich anerkennen, dass wir Schutz und Begrenzungen vor schädlichen Einflüssen in unserer Welt manchmal einfach brauchen. Der von Buddha gelehrte mittlere Weg kann bedeuten, dem Gold zu vertrauen und mich dem Schutz der Rinde anvertrauen, da wo ich es brauche.
Schon vor längerer Zeit habe ich gewusst, dass es einen neuen Platz zur Begegnung und Würdigung meiner Ahnen braucht. Es war erst nicht leicht, den richtigen Ort zu finden. Es sollte die Fläche zwischen dem alten Ahnenbaum und meiner Laubhütte sein. Das habe ich deutlich gespürt. Ich habe dort zunächst nach einer Stelle gesucht, die meinen Erwartungen von einem heiligen Ort gerecht wird – ein großer Baum oder ein Steinaltar, irgendetwas Deutliches, Kraftvolles. Gefunden habe ich einen jungen dünnen Ahornbaum. Das war nicht das, was ich mir zuerst vorgestellt habe. Es hat sich aber richtig angefühlt und ich bin ins Tun und kreative Schaffen gekommen. Aus Sandsteinen und den mächtigen Walnussrindenteilen des alten Ahnenbaumes habe ich einen wunderschönen Altar gebaut.
Das Alte darf geehrt, neu gestaltet werden und einen neuen Platz haben – auch in meinem Leben. Das kräftige Rot der Gebetsfahne steht für die Liebe zum Leben und den Mohn, der mit diesem Ort und meinem Leben so eng verwoben ist. Das Blattgold steht für das Gute, Schöne und Heilige im Leben, an das ich fest glaube. Mir wird mir immer klarer, dass der neue Ahnenaltar ein richtig gutes Bild für meinen Wandlungsprozess in meiner Lebensmitte ist. Dieser Ort ist noch leer. Er steckt voller Möglichkeiten und Nicht-Wissen. Es ist klar, dass hier noch Entwicklung und Wachstum passieren darf. ICH bin es, die diesen Ort mit Bedeutung füllen, gestalten und verändern darf – immer wieder und bis zu meinem Lebensende. Der neue Ahnenalter steht für mein inneres Wachstum über all die Jahre, das ich nun auch im Außen sichtbar machen und wirken lassen möchte. Es soll ein Bild und Ort sein, an dem ich Licht und Schatten meiner Ahnen würdigen und als Teile von mir integrieren kann. An dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Weiter-Wachsen zu finden. Ich darf mich daran erinnern, dass meine Ahnen in mir ihre Spuren und Gaben hinterlassen haben und auch dass ich mich frei von ihren Geschichten machen kann.
Der Wacholder – Ahnenkraft und Neuanfang „Wie ein Adler schwingen wir uns in die Lüfte und sehen unser eigenes Land vielleicht das ersteMal. Darin haben auch unsere Ahnen ihren festen Platz. Auch sie warten darauf, frei zu sein und uns aus den alten Seelenverträgen zu entlassen, damit wirbereit für die wahren Geschenke unserer Herkunft sind: All das Wissen, die Talente und schönen Erinnerungen, die sie uns mitgegeben haben. Daraus zuschöpfen ist unser Auftrag. So kehrt Wärme und Frieden ein und wir können uns wieder bewusstmit unseren Wurzeln und Traditionen verbinden.Dann werden unsere Ahnen wie eine starke Kraft in unserem Rücken sein,die uns im Leben Halt schenkt und den Mut, jetzt mit unserem Licht die Ahnenlinie anzuführen.“
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Ich habe meine Ahnen am neuen wunderschönen Altar geehrt und sie um Unterstützung gebeten. Ich habe mit Wacholder geräuchert, die Ahnenkraft gewürdigt UND die Kraft des Neubeginns und den Glauben an meinen eigenen Lebensweg aufsteigen lassen. In diesem Moment spüre ich die Gegenwart meiner Ahnen, fühle mich geliebt und gehalten. Ich bin dankbar für ihr Geschenk – die Liebe in mir zum wilden Leben und zu allen Wesenheiten, Lebewesen, Elementen, Steinen und Erden, für die Lebensfreude und den Lebensmut, der mich durch schwierige Situationen und Gefühlslagen bringt. Ich habe immer wieder Zweifel und Ängste. Ich spüre, dass sind nicht alles meine eigenen. Und trotz Ängsten und Zweifeln bin ich bereit, mich zu zeigen – mit all dem, was da ist!
Das dritte Jahr in Folge schlafe ich in den Rauhnächten schlafe nun in meiner Laubhütte, hier draußen auf diesem kleinen Wildnisgelände in der Ronscht. Immer tiefer spüre ich, wie besonders dieser Ort für mich ist. Ein Ort, an dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Wachsen zu finden.
Innere Widerstände und warum ich es trotzdem mache
Es ist kalt – um die Null Grad. Wie jedes Mal vor meiner Solo-Nacht bemerke ich innere Widerstände. Eine Stimme in mir erzählt mir, dass es doch viel bequemer und gemütlicher wäre, im Warmen, Drinnen mit meiner Familie zu sitzen. Warum mache ich das eigentlich immer wieder? Was ist mein Warum?
„Jede Berührung hinterlässt eine Spur.“
Edmond Locard
Jedes Mal, wenn ich hier draußen bin, werde ich in meinem tiefsten Inneren berührt. Von diesem Ort, vom Leben. Jede Nacht alleine draußen – nur mit mir in der Dunkelheit der Winternacht – bringt mich näher zu mir. Wurzeln wachsen im Schutz der Dunkelheit – nicht im Licht. Jede Nacht hier draußen lässt mehr Liebe in mir wachsen – zu mir, zu diesem Ort und all seinen Lebewesen. Es ist eine Liebe, die alles durchdringt und alles ausfüllt. Mit der Liebe für diesen Ort wächst gleichzeitig die Liebe zu allem anderen – zu dieser wilden Welt und diesem wilden Leben. Mit allem, was dazu gehört – dem Licht und der Dunkelheit. Dem Mut und der Angst. Mit jedem Mal, dem ich mich der Angst stelle, kann ich einen Schritt weiter gehen. Die Grenze meiner Komfort-Zone verschiebt sich Schritt für Schritt. Vertrauen entsteht. Wurzeln wachsen und geben Kraft, um den nächsten Schritt zu wagen. Ja, darum mache ich das immer wieder!
Ich bereite mich auf die Nacht vor und bessere meine Laubhütte aus. Es ist ein wunderschöner klarer und kalter Wintertag mit strahlendem Sonnenschein. Ich entferne störende Äste aus dem Trapperbett und polstere das Innere der Hütte mit Laub aus. Dieses Jahr ist es schwer Laub zu finden. Immer wieder bin ich fasziniert von den Survival-Fähigkeiten, die in uns „modernen“ Menschen immer noch stecken. Survivalfähigkeiten zu üben ist eine der Kernroutinen der Widlnispädagogik. Survival heute zu praktizieren ist eine gute Art, um sich mit einem Ort vertraut zu machen – in und von der Natur leben. Nach und nach weiß ich, wo sich das Laub gesammelt hat und an welchen Stellen im Gelände ich suchen muss, um meine Laubhütte für die kalte Winternacht gut auszupolstern. Fast unbemerkt wächst dadurch meine Verbindung zu diesem Ort, den ich bis ins Kleinste immer besser kenne. Tiefe Liebe und Verbindung entsteht durch Vertrautheit. Mach dich vertraut mit allen Dingen!
„Be intimate with all things“
Zen-Weisheit, zitiert nach Tara Brach
Je mehr Laub in der Hütte ist, umso wärmer wird es in der Nacht. Das ist der Schlafsack-Effekt einer Laubhütte. Prioritäten zu setzen ist enorm wichtig für das Leben draußen. Die Stunden bis Sonnenuntergang sind begrenzt. Die Nacht soll kalt, aber trocken werden. Deswegen bessere ich meine Hütte zuerst Innen und dann erst außen aus. Mein alter Vater mit seinen über 70 Jahren hilft mir mit seiner Machete. Er löst Baumrinde von toten Bäumen als Abdeckung für meine Hütte. Es berührt mich – sein auch im Alter nicht schwächer werdender Lebenswille. Er hat sich nie davon abhalten lassen seine Lebensfreude auszudrücken und Sachen gemacht, die andere schräg und komisch finden. Auf diesem kleinen Stück Wildnis haben wir eine ganz besondere Verbindung – über das Land, auf dem wir beide aufgewachsen sind, dem wir uns so verbunden fühlen und das wir beide so sehr lieben.
Als die Hütte ausgebessert ist, stromere ich durch das Wildnisstück. Heute sehe ich überall Zeichen – Bögen, Tore, Wurzeln. Die Natur und ihre Lebewesen können ein Spiegel für unsere inneren Prozesse sein. Wir sehen die Welt durch die Brille unserer subjektiven Wahrnehmung. Wir können nicht alle der Millionen von Reizen in unserer Umgebung bewusst aufnehmen. Unser Gehirn filtert daher unbewusst das heraus, was für uns relevant ist. Daher können wir davon ausgehen, dass wir die Welt nicht so sehen wie sie ist, sondern so, wie wir sind (alte Weisheit, Herkunft unklar). Sich selbst im Spiegel der Natur zu begegnen ist ein sehr tiefgreifendes Instrument der naturverbunden Prozessbegleitung, um sich mit den eigenen Lebensfragen und Prozessen auseinanderzusetzen.
Herumstromern und sich mit dem Ort vertraut machen
Das Herumstromern ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik für mehr Naturverbindung und eine Praxis der Achtsamkeit. Es bedeutet sich ohne Ziel und Absicht durch die Natur zu bewegen und sich intuitiv dahinziehen zu lassen, was die Aufmerksamkeit gerade erregt. Dies entspricht der buddhistischen Praxis des offenen Gewahrsein – das wahrnehmen, was sich jetzt gerade zeigt. Herumzustromern ist für mich eine Form, um einen Ort zu begrüßen und mich mit ihm vertraut zu machen. Ich führe eine Art Unterhaltung mit dem Ort und seinen Lebewesen. Die belebte und unbelebte Welt kommuniziert ununterbrochen auf ihre eigene kreative Art miteinander. Vieles davon ist für uns Menschen erstmal nicht sichtbar und verständlich. Was unsere Vorfahren vermutlich gespürt haben, lernen wir durch die Wissenschaften heute mehr und mehr. Das bedeutet auch, dass wir unser kulturelles Verständnis von Bäumen, Pflanzen und anderen Lebewesen ändern müssen. Heute weiß man beispielsweise, dass Bäume auf verschiedenste Art miteinander kommunizieren – über Duftstoffe in der Luft, Wurzeln oder Pilznetzwerke. Selbst Steine, Wasser und Erde kommunizieren auf ihre eigene intelligente Weise mit ihrer Umwelt. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache. Aber es lohnt sich zuzuhören, welche Geschichten ein Ort und seine Bewohner uns erzählen können. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass wir die Welt aus unserer subjektiven menschlichen Perspektive wahrnehmen. Ebenso können wir davon ausgehen, dass ein Ort und seine Bewohner uns und unsere Handlungen auf ihre jeweils eigene Weise wahrnehmen. So können wir Freundschaften schließen, im Vertrauen darauf, dass der Ort und seine Bewohner auch uns zuhört und auf eine eigene Art versteht. Was dann entsteht ist das Gefühl des Eingebundenseins in etwas Größeres, in das Netz des Lebens mit all seinen belebten und unbelebten Wesenheiten.
Spurenlesen – einem Ort zuhören
„Mit wachsendem Bewusstsein dessen, was in der Natur wirklich geschieht, beginnen wir, unzählige Dinge zu erfassen und zu begreifen, die wir bisher nicht einmal wahrgenommen haben.“
Hugh Falkus
Ich stoße auf ganz viele Tierspuren – vor allem Trittsiegel und Reviermarken von Rehen, Rupfspuren und einen Eichhörnchenschädel. Ich liebe das Spurenlesen. Es ist eine wunderschöne Art, um Ort und Lebewesen besser kennenzulernen. Es ist als ob man dem Ort zuhört und versucht seine Sprache zu verstehen, seinen Geschichten zu lauschen. Wenn man genau hinschaut, tauchen immer mehr Fragen. Wer lebt hier? Wo schläft das Lebewesen? Mit wem lebt es zusammen? Was hat es hier gemacht? Wie hat es sich gefühlt? Was ist passiert? Wann war das? Wem ist das Lebewesen begegnet? Wo ist es jetzt?
Auffällig sind diesmal jede Menge Rupfspuren. Sie sind über das ganze Gelände verstreut. Da sind einmal grau-weiße und bräunliche Federn von einem kleinen Singvogel, vielleicht einem Fink. Direkt am heiligen Baum. Teilweise hat die Rupfung auf einem Felsen stattgefunden. Raubvögel wie Falke, Sperber oder Habicht rupfen ihre Beute häufig erhöht auf Felsen oder Baumstümpfen, um nicht überrascht zu werden.
Eine weitere Rupfung zieht sich über eine weite Strecke von über 50 Metern über das ganze Gelände. Die weichen weißen oder braunen Haare könnten von einem Kaninchen stammen, dass von einem Fuchs gefressen wurde. Füchse verschleppen ihre Beute häufig über weitere Strecken, essen immer wieder und verstecken die Reste.
Kaninchen werden in vielen Kulturen mit dem Mond in Verbindung gebracht. Sie symbolisieren den zyklischen Charakter des Lebens, den immer wiederkehrenden Kreislauf von Leben und Sterben, Licht und Dunkelheit. Wie der Mond jeden Monat Beute der Dunkelheit wird, um danach wieder in vollem Glanz zu strahlen, werden Kaninchen die Beute von Greifvögeln und Füchsen, was ihre fruchtbare Vermehrung nicht zum Stillstand bringt. Der Fuchs hat in vielen alten Geschichten die Rolle des Tricksters, der uns durch Veränderungsprozesse zu mehr Ganzheit führen kann, als Vermittler zwischen dem wilden Wald und Kulturräumen, zwischen unkonventioneller und intuitiver Intelligenz und kollektiven Normen. Er kann uns über Pfade führen, die zunächst nicht sichtbar sind (Das Buch der Symbole, Kaninchen und Fuchs).
Dem Fuchs begegne ich hier in der Ronscht immer wieder – ich sehe ihn und höre sein Bellen. Dieses Mal finde ich seine Fraßspuren – überall. Ich folge ihnen und lasse mich führen – im Vertrauen darauf, dass Veränderung immer stattfindet und nach dem Sterben, etwas Neues entsteht. Auch wenn ich den genauen Weg jetzt noch nicht sehen kann, darf ich darauf vertrauen, dass ich geführt werde.
„As you start to walk on the way, the way appears. Clarity doesn’t come before action. It comes from action.“
Rumi
Ahnenaltar – Vertrautheit und Vertrauen in der Dunkelheit
Nachdem meine Laubhütte fertig ist, baue ich weiter an dem Ahnenalter. Ich sammle von den alten Lösssteinen, die auf sich aus dem Hang gelöst haben – wälze und ziehe sie zum Ahnenaltar. Vor meinem inneren Augen wird es konkreter. Ich möchte einen Steinalter bauen. Er soll aus dem Material sein, was ich hier an diesem Ort finde. Ich möchte dem Ort und dem woraus er besteht zuhören. Die Steine, die Rinde und die Erde, sie alle können mir etwas über diesen Ort erzählen. So entsteht ein Dialog mit diesem Ort. Der Prozess wird Zeit brauchen und ich Geduld. Das fällt mir nicht immer leicht. Gleichzeitig genieße ich im kreativen Prozess das innere Kribbeln, wenn noch nicht ganz klar ist, was entstehen wird und in welcher Form sich mein Inneres ausdrücken wird.
In der Dunkelheit der Nacht ist die Wacholder-Ahnen-Kerze von Weitem sichtbar. Der Halbmond scheint hell in der sternklaren Winternacht und wirft lange Schatten durch die efeubewachsenen Baumgestalten. Ich entzünde ein Feuer mit Birkenrinde und Feuerstahl. Wieder spüre ich die alte Tierseele in mir. Diese uralten Instinkte verbinden mich mit unseren Ahnen, die als Affen und später Jäger- und Sammler in der Natur gelebt haben. In dieser Nacht habe ich nicht mehr soviel Angst wie in meinen ersten beiden Solo-Nächten, aber ich spüre eine starke Wachsamkeit in meinem Nervensystem. Meine Wahrnehmung ist extrem geschärft. Jedes Geräusch, jedes Knacken und Rascheln erregt meine Aufmerksamkeit. Ich verstehe, wie unsere Vorfahren in solchen Dunkelnächten Begegnungen mit Geistern und märchenhaften Wesen erlebten und weitererzählten. Alleine in der Dunkelheit einer kalten Winternacht verschwimmen tatsächlich die Grenzen zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Das Spüren und die Phantasie werden stärker. In der Dunkelheit wird deutlich, dass unsere rationale und wissenschaftsorientierte Wahrnehmung von der Welt blinde Flecken hat. Es wird erfahrbar, dass es mehr gibt, als das, was wir Menschen mit unserer begrenzten Wahrnehmung wissen und erfassen können. Die Erfahrung der Nacht als Schwellen- und Resonanzraum war bereits in der deutschen Romantik häufig thematisiert worden. Die Nacht ist ein Symbol für das Unbekannte, für das Nicht-Wissen und Nicht-Sichtbare. Draußen in der Nacht wird das spürbar.
In dieser Nacht kann ich wieder spüren, welche Sicherheit ein Feuer und ein Kerzen-Licht in der Dunkelheit gibt. Für unsere Vorfahren war es alleine – ohne die Gemeinschaft und draußen in der dunklen Winternacht sehr gefährlich. Ein Feuer konnte den Unterschied machen, Wärme und Schutz bieten. Diese alten Erfahrungen stecken tief in uns Menschen. Das fühle ich. Am Feuer beruhigt sich mein Nervensystem direkt. Immer wenn ich in der Nacht aufwache sehe ich den Schein der Kerze am Ahnenaltar. Das Licht beruhigt und berührt mich zutiefst. Ich fühle mich geborgen und sicher. Die Nacht verläuft ruhig und ohne Angst. Wie erstaunlich, wenn ich auf die letzten beiden Solo-Nächte zurückblicke, wo ich viel mit Angst konfrontiert war. Und doch ist es auch wieder nicht überraschend. Mit jedem Stromern auf dem Gelände, dem Bau des Ahnenaltars werde ich heimischer und heimischer an diesem Ort. Das gibt Sicherheit. Und es lohnt sich so sehr, Dinge, die einem schwer fallen, wieder und wieder zu machen. Vertrauen entsteht durch Erfahrung, dadurch, dass wir uns mit etwas vertraut machen.
Mit der Dämmerung und Morgenröte entsteht direkt eine ganz andere Stimmung. Die „Geister“ der Nacht sind nun verschwunden. Morgens stromere ich ausgiebig durchs Gelände. Diesmal zieht es mich auf die erhöhte Ebene, einen alten verwilderten und überwucherten Weg. Der Weg selbst ist nur schwer begehbar. Immer wieder muss man wie auf einer Expedition durch das Dickicht kriechen und sich seinen Weg bahnen. Von hier oben hat man eine wunderschöne Übersicht über den tiefer gelegenen verwilderten Weinberg mit meiner gut versteckten Laubütte, dem rauchenden Feuer, den Ahnenalter mit der leuchtend roten Girlande und den noch tiefer gelegenen Hohlweg dahinter. Ich habe das Gefühl einen Teil meiner inneren Landschaft von oben zu sehen. Ich bin voller Klarheit und Übersicht. In meinem inneren Land haben auch meine Ahnen ihren festen Platz.
Ich nehme Abschied von diesem wilden Ort mit seinen Baumgestalten, dem schlingenden und umarmenden Efeu, dem Frost auf dem Moos. Auf dem Rückweg finde ich drei Eulenfedern. Wie passend, dass die Eule mit ihrer außergewöhnlich guten Wahrnehmung bei Nacht und ihrem lautlosen Flug als nächtliche Jägerin in vielen Regionen der Welt als Bote des Todes und Zeichen für bevorstehende Veränderung gilt. Die Schamanen Sibiriens und der Inuit schmücken sich mit Eulenfedern, um von der Eule machtvolle Unterstützung und Orientierung auf ihrem gefährlichen Weg in die nicht sichtbare Geisterwelt zu erhalten. Das macht deutlich, um was es geht, nämlich uns auf unserem Lebensweg immer wieder für den fortlaufenden Wandel im Leben und in uns selbst zu öffnen und zu spüren was da ist. Die Buddhisten nennen diese beiden Grundprinzipien des Lebens anicca und anatta. Im Gründe besagen diese beiden grundlegenden Einsichten in das Leben nach meinem Verständnis, dass nichts gleich bleibt und alles sich permanent verändert (anicca), auch ich selbst (anatta).
„Der Jahreswechsel lädt uns ein, still zu werden. Nicht um uns neu zu erfinden, sondern um wahrzunehmen, was in uns aufbricht, was gehört werden möchte, was Form sucht. Übergänge erinnern uns daran, dass wir nicht alles wissen müssen. Das Orientierung nicht von außen kommt, sondern aus der Fähigkeit, uns selbst inmitten des Wandels zu spüren.“
Eschwege Institut
Quellen: Robert MacFarlane: Karte der Wildnis, Kapitel "Hohlwege"; Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Jon Young/Ellen Haas/Ewan McGown: Der Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Deborah Eden Tull: Luminous Darkness; The Archive for research in archetypal symbolism: Das Buch der Symbole, Betrachtungen zu archetypischen Bildern; Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.
Ich habe wieder draußen übernachtet. Diesmal nicht allein (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis), sondern zusammen mit Simone, einer anderen Wildnispädagogin, Bloggerin (OutZeit Blog) und Mitgründerin von Enter the Wild (Portal für Outdoor-Abenteuer & Naturerlebnisse). Ich habe mich zum ersten Mal getraut, eine Nacht in einem stärker frequentierten, stadtnahem Waldstück zu verbringen. Ich habe gespürt, wie die Kraft der Gemeinschaft motiviert, stark und mutig macht. Wir Menschen sind Rudeltiere. Ohne Gemeinschaft und Kooperation hätte sich der Mensch nicht so erfolgreich auf der Erde ausbreiten und überleben können. Das konnte ich wieder einmal unmittelbar erfahren. Und wenn man sich Zeit nimmt, herumstromert und eine Nacht unter freiem Himmel schläft, öffnet sich ein Raum für neue Lern-Erfahrungen, inneres Wachstum und Naturverbindung.
Gemeinschaft von Gleichgesinnten und das Gesetz der Anziehung
Am Ende meiner Wildnispädagogen-Ausbildung gab uns mein Mentor (Christian von Naturabenteuer Niederrhein) den Rat, dass wir uns mit Gleichgesinnten vernetzen sollten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Bedeutung dieser Worte noch nicht in seiner ganzen Tragweite begriffen. Nun merke ich Stück für Stück aufgrund eigener Erfahrungen, welche Kraft eine unterstützende Gemeinschaft von Gleichgesinnten hat.
Diese Unterstützung kann unterschiedlich aussehen. Wenn ich mich mit Gleichgesinnten Natur-Liebenden, Lebens-Forschern und Entdeckern vernetze, führt das dazu, dass das, was ich liebe, mehr Raum in meinem Leben bekommt. Dieser Umstand folgt dem Gesetz der Anziehung: Gleiches zieht Gleiches an. Ich kann bewusst etwas dafür tun und es mir leichter machen. So geht es mir beispielsweise mit meiner Komplizin Christina von der Wildnisschule NaWiDu. Zeitlich gesehen nimmt Natur, Wildnispädagogik, Naturachtsamkeit und altes Wissen über die Verbindung zur Natur in meinem Leben durch die Verbindung mit Gleichgesinnten mehr Zeit-Raum in meinem Leben ein. Die Gemeinschaft mit anderen wirkt sich aber auch auf die Qualität und Tiefe meiner Erfahrungen und meine Verbindung zur Natur aus. Ich kann viel von anderen lernen – an Wissen und an neuen Perspektiven. Ich bekomme neue Inspirationen. Ich werde in meiner Leidenschaft bestärkt, weiter zu lernen, mehr Raus zu gehen und selbst Natur-Erfahrungen zu machen.
Das wurde mir heute Nacht sehr klar. Ohne Simone hätte ich diese Nacht nicht draußen im Wald geschlafen. Natürlich ist es auch sehr wertvoll und eine ganz andere Art von Erfahrung, wenn man etwas alleine macht und schafft – wie alleine draußen zu schlafen (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis). Diesmal hätte ich aber nicht draußen geschlafen, wenn Simone nicht den Impuls dazu gegeben hätte. Alleine fällt es mir oft schwerer, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und die Bequemlichkeit eines weichen, geschützten und warmen Bettes gegen die harte Matratze und den Biwaksack im Wald bei Temperaturen um die 5 Grad einzutauschen. Wenn man etwas gemeinsam mit einem anderen macht, haben die Ausreden im Kopf oft weniger Überzeugungskraft. Es wird einfacher, die eigene Komfortzone zu verlassen und die eigenen Grenzen zu weiten. Die doppelte Energie ist einfach stärker als die Stimmen im Kopf: Frauenpower pur! Wie schön, dass unsere Übernachtung zufällig auf den Welt-Frauentag fiel.
Gemeinsam ist man stärker
Die Kraft der Gemeinschaft macht auch stärker. Nicht umsonst heißt es: „Gemeinsam ist man stärker“ oder „Wenn man Freunde hat, braucht man sich vor nichts auf der Welt zu fürchten“ (Janosch). Alleine hätte ich mich wahrscheinlich in diesem stadtnahen, hoch frequentierten Waldstück als Frau nicht getraut, eine Nacht zu verbringen. Zusammen mit Simone hatte ich keine Angst vor Übergriffen durch andere Menschen. Zusammen mit einem anderen ist es leichter, sich seinen Ängsten zu stellen.
Nachts wurde es tatsächlich sehr aufregend. Kurz nach der Dämmerung wurde es plötzlich ziemlich laut in dem ansonsten sehr stillen Nacht-Wald. Eine Rotte von mehreren Wildschweinen war in der Nähe deutlich zu hören. Vor Wildschweinen hatte ich immer Angst gehabt, wenn es um das Übernachten im Wald ging – sozusagen mein Angst-Endgegner. Tagsüber hatten wir bereits beim Herumstromern und Scouten nach einem guten Schlafplatz an anderen Stellen im Wald, Wühlspuren von Wildschweinen gefunden. Wir hatten unseren Schlafplatz extra in einiger Entfernung gewählt. Als die Rotte sich näherte, ging mein Adrenalinpegel ziemlich nach oben. Simone wusste dann, dass Wildschweine auf Lärm reagieren – zumindest, wenn sie noch in einiger Entfernung sind. Wir machten also Laute und raschelten mit dem Laub und Ästen, um die Wildschweine zu vertreiben. Tatsächlich haben sie sich dann entfernt und sind in dieser Nacht nicht wieder gekommen. Das war eine gute Erfahrung, die mir zukünftig mehr Sicherheit gibt.
Zwei- bis dreimal knallte dann in unmittelbarer Nähe noch richtig laut ein Jagdgewehr. Ansonsten blieb es in der Nacht ruhig. Dank Simones Gesellschaft verlief die Nacht – bis auf diese beiden Zwischenfälle – aber sehr angstfrei für mich. Alleine hätte das – wie ich bereits erfahren habe – vermutlich anders ausgesehen (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis).
Neue Perspektiven – neue Erfahrungen
Simone und ich haben uns für den Biwaksack entschieden. Das hat uns den freien Blick auf einen wunderschönen klaren Sternenhimmel eröffnet. Wir beobachten, wie der helle Halbmond Richtung Westen zieht.
Im Biwaksack habe ich auch eine eher ungewohnte, neue Perspektive nach oben in die Baumkronen. Ich erkenne dadurch nochmal auf einer tieferen Ebene, dass jede Baumart sich vom Wuchs stark unterscheidet. Die majestätische, schnörkelige Eiche ist deutlich von der schlanken und geradlinigen Buche zu unterscheiden.
Tagsüber beim ziellosen Herumstromern und Scouten nach einem geeigneten Schlafplatz ist mir im reizreduzierten Winterwald schon aufgefallen, wie deutlich sich auch die Rindenmuster voneinander unterscheiden – die quergestreifte Kirsche, die längsgestreifte riffelte Eiche, die glatte Buche.
Mit der Dämmerung verstummt das laute Frühlings-Vogelgezwitscher. Es wird ganz still im Wald. Dann bekommen wir in dieser Nacht doch noch die Gelegenheit, unseren Hörsinn zu trainieren. Das ist ungewohnt, da bei uns Menschen der Sehsinn unsere Wahrnehmung stark dominiert. Es gibt einiges an Tiergeräuschen zu erlauschen und zu erraten. Und es ist spannend zu sehen, wie gut man die Bewegungsgeräusche den verschiedenen Tieren zuordnen kann. Da ist die laute Wildschweinrotte, die grunzt und im trockenen Laub herumwühlt. Dann hören wir ein einzelnes Tier. Wir rätseln – könnte das der Dachs oder Fuchs sein, dessen Bau wir beim Herumstromern entdeckt haben? Das Tier bemerkt uns und verfällt in „Galopp“. Jetzt ist es eindeutig als langbeiniges Reh zu erkennen. Im Verlauf der Nacht sind die langgezogenen Rufe einer Eule oder eines Kauzes zu hören. Morgens begrüßt uns der neue Tag – noch mit geschlossenen Augen – mit dem immer stärker einsetzenden Gezwitscher der Vögel. Als die Sonne zwischen den Bäumen aufgeht, ist alles wieder gut und auch die Schrecken der letzten Nacht vergessen.
Ich bin dankbar für diese Nacht und die Kraft der Gemeinschaft, die wieder eine Spur in meinem Leben und meinem Wachstumsprozess hinterlassen hat. Ich konnte beobachten, dass neue Lern-Erfahrungen Zeit und Raum brauchen. Dabei konnte ich die bestärkende Kraft der Gemeinschaft von Gleichgesinnten spüren. Ich habe erneut erfahren können, dass neue ungewohnte Perspektiven – mit dem Rücken auf dem Boden – helfen, neue Beobachtungen und Erkenntnisse zu sammeln.
In meinem Naturtagebuch halte ich meine Beobachtungen und Gedanken zu Bäumen fest – im Fall der Eibe zu einer ganz bestimmten Eibe. Mit meinem Baum-Journal lasse ich die uralte Verbindung unserer Ahnen zu den Bäumen wieder aufleben. Bäume sind uralte Lebewesen, die uns ähnlicher sind, als wir denken. Bäume warten für uns Menschen seit Urzeiten Götter, Lehrerinnen und Heiligtümer. Wir können viel von ihnen lernen – über die Welt, über Verbindung und uns selbst.
„Meine“ Eibe habe ich ein Jahr lang genau beobachtet – wie sie blüht, ob sie Früchte und Zapfen bildet. Wer ihre Nachbarn sind. Wer sie bewohnt, wer sie besucht und Spuren auf ihrer Rinde hinterlässt. Ich habe diese Eibe immer wieder ganz bewusst aufgesucht – sie ist mir nun sehr vertraut – „meine“ Eibe. Wir kennen uns. Sie ist meine Lehrerin und hat eine Bedeutung für mich.
Nature Journaling ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik. Gleichzeitig ist sie eine wichtige Praxis der Naturachtsamkeit.
Beim Nature Journaling geht es nicht darum, besonders schöne Zeichnungen zu erstellen. Wir sind völlig frei darin, wie wir unser Naturtagebuch führen – mit Skizzen, Bildern, Worten oder auch Sammelstücken. Diese Freiheit sollten wir uns nehmen und uns frei von Erwartungsdruck und Konzepten von „Schön“ und „Wertvoll“ machen. Wichtig ist, dass wir unseren eigenen Weg und Ausdruck finden. Und wie bei jeder Praxis ist Regelmäßigkeit von entscheidender Bedeutung. Lieber weniger, aber häufiger. Beim Nature Journaling geht es um Naturverbindung, Verbindung zu uns selbst, Achtsamkeit, Neugier und Kreativität.
Wenn wir unsere Beobachtungen in Worte und Bilder fassen wollen, müssen wir uns Zeit nehmen und genau hinschauen. Das entschleunigt. In diesem Raum entstehen Fragen und Neugier. Wir kommen ins Erforschen und Entdecken. Weitere Fragen entstehen. Ich fange an, in Bestimmungsbüchern und Büchern über altes Pflanzenwissen nachzuforschen. Dadurch kann eine tiefe Verbindung zu den Lebewesen, Bäumen und Pflanzen entstehen. Im Fall meiner Eibe sogar zu einem ganz bestimmten Baumwesen.
Was macht die Eibe aus?
Die Eibe ist ein verhältnismäßig kleiner oft nur strauchartiger Baum mit einer Höhe bis zu 15 Metern. Im Alter ist sie oft mehrstämmig und stark verwachsen. Trotz ihrer geringen Größe ist sie in der Kultur der Menschen schon lange – etwa bei den Kelten, Germanen und Römern – ein mächtiger, alter Kulturbaum. Meist wird ihr eine eher düstere und unheimliche Bedeutung mit einer starken Verbindung zum Tod und zur Anderswelt, der Geisterwelt, zugeschrieben. Unzählig viele Geschichten, Mythen und Legenden ranken sich um diesen Baum. Kennst du auch welche?
Giftigkeit und Bogenholz
Ein Grund für die düstere Aura, die die Eibe umgibt, ist ihre Giftigkeit. Hierauf verweist auch der lateinische Name der Eibe Taxus baccata. Unter einem Toxikum versteht man ein Pfeilgift. Und genau so wurde das Gift der Eibe (Blätterabsud) früher auch verwendet. Bis auf den fleischigen Samenmantel der roten Scheinfrüchte sind alle Bestandteile der Eibe – Rinde, Nadeln und Kerne – hoch giftig (Alkaloid Taxin und Glykosid Taxicatin). Kleinste Mengen reichen für tödliche Vergiftungen, die zu Atemlähmung und Herzstillstand führen.
An warmen Tagen kann die Eibe psychoaktive Gase mit einer haluzinogenen Wirkung freisetzen. Bereits im Märchen Jorinde und Joringel von den Gebrüdern Grimm, in Shakespeares Romeo und Julia und alten Volksweisheiten wird von solchen Erfahrungen erzählt bzw. vor längeren Aufenthalten im Eibenhain gewarnt. Dies steht im Einklang mit der Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zur Anderswelt.
Das griechische Wort Toxon bedeutet Bogen. Das harte, aber sehr flexible Holz ist seit der Steinzeit als Bogen- und Speerholz beliebt und wurde schon von den Neanderthalern verwendet. Die hohe Nachfrage, etwa für englische Langbögen, und Übernutzung wird als Grund genannt, warum die Eibe auf der roten Liste für bedrohte Arten steht. Bei den Bauern wurde sie zum Teil auch aufgrund ihrer Giftigkeit für das Vieh gefällt.
Schwellenbaum – Leben und Tod
Die Kelten glaubten, dass die langsam wachsende Eibe, das langlebigste Lebewesen der Welt sei. Es wird vermutet, dass einige Bäume mehrere Tausend Jahre alt sind. Die Eibe ist in ihrer spirituellen Bedeutung für die Kelten und Germanen ein mächtiger Schwellenbaum – an der Schwelle vom Leben zum Tod, von der sichtbaren Welt zur nicht sichtbaren Anderswelt. Der keltische Name „ivo“, „ivos“ oder „ibar“ könnte mit dem alten Wort „ewa“ oder „ewig“ verwandt sein. Nach alten Mythen öffnet die Eibe die Pforte zur Ewigkeit, indem sie den Lebenskreislauf von Entstehen und Vergehen, von Raum und Zeit durchbricht.
„Raum und Zeit sind die Bedingungen der menschlichen Identität und Wahrnehmung. (…) Sobald die Seele aber den Körper verlässt, steht sie nicht mehr unter der zweifachen Bedingung von Raum und Zeit. Die Seele ist frei da zu sein, wo immer sie zu sein wünscht.“
John O’Donohue, Anam Caram
Die Eibe ist ein Symbol für den Tod und die Ewigkeit. Dies ist der Grund, warum sie heute noch häufig rund um Friedhöfe – so in meiner Nachbarschaft um den Waldfriedhof in Köln-Dellbrück – anzutreffen ist. Die Eibe gilt als einer der heiligsten Druidenbäume. Zauberstäbe der keltischen Druiden und magische Schutzamulette sollen aus Eibenholz hergestellt worden sein. Es wird vermutet, dass der Weltenbaum Yggdrasil aus der germanischen Mythenwelt nicht eine Esche, sondern immergrüne Eibe ist. Bei den Kelten war die Eibe der Todesgöttin Morrígan gewidmet, deren dunkle Zeit mit dem keltischen Jahreskreisfest Samhain – heute Halloween – im Oktober beginnt. Zu Samhain sollen die Schleier zur Anderswelt besonders dünn sein. Die Geister können leichter in unsere Welt kommen und auch wir haben leichteren Zugang zur nicht sichtbaren Welt. Mit dem Tod des Lebens im Herbst beginnt die Zeit der Erneuerung im Verborgenen der Erde. Aus dem Samen wird in der Dunkelheit neues Licht (Wintersonnenwende) und neues Leben geboren. Hierfür steht die Verbindung des keltischen Wald-Gottes Cernunnos, mit seinem Hirschgeweih, und der Göttin der Erde Ana oder Dana. Der Samen des Waldes spendet Leben auf der Erde. Die dunkle Seite der Eibe, der Tod, ist damit als Ausdruck von Ganzheit auch mit dem Neubeginn, der Wiedergeburt des Lichtes und Leben verbunden.
Was bedeutet die Eibe für mich? Was lehrt mich meine Eibe?
Ich habe meine Eibe in unserem Garten erst spät – nach ein paar Jahren – entdeckt und wirklich wahrgenommen. Sie war zunächst versteckt zwischen einigen Fichten. Die Fichten haben die heißen, trockenen Sommer (2018, 2019 und 2020) nicht überlebt. Aber meine Eibe hat tiefe Wurzeln. Sie hat diese Zeit völlig unbeschadet überstanden. Die Eibe steht im Schatten der großen Bäume – Kirsche, Götterbaum und Tanne. Das stört sie nicht. Die Eibe muss nicht im Mittelpunkt stehen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Langsam wächst sie und trotzt schwierigen Bedingungen. Sie ist eine gute Lehrerin in Durchsetzungsfähigkeit, Gelassenheit und Bescheidenheit. Sie lehrt mich, wie wichtig es ist, gut verwurzelt zu sein, damit man sich sicher fühlen kann und Halt in schwierigen Phasen hat. Tiefe Wurzeln machen uns resilient, so dass man sich nach Zeiten der Dürre und des Mangels wieder erholen kann.
Ich mag die spirituelle Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zwischen Leben und Tod, sichtbarer und nicht sichtbarer Welt. Sie ist für mich ein Symbol für die Vergänglichkeit. Nach den Buddhisten ist die Vergänglichkeit oder Veränderlichkeit – Anicca – eines der drei Merkmale, die unser Dasein auf dieser Welt prägen. Es lohnt sich, sich immer mal wieder zu vergegenwärtigen, dass alles im Leben entsteht und vergeht. Das kann sensibel machen für die Kostbarkeit des Lebens, des Moments, einer Beziehung oder Begegnung mit einem geliebten Lebewesen. Es motiviert mich, meine Zeit für die Dinge zu nutzen, die mir wirklich wichtig sind und nicht in Streit und Trennung zu bleiben.
Gleichzeitig steht die Eibe für mich für die tiefen Wurzeln und guten Ressourcen, die man manchmal braucht, um den Schmerz und die Traurigkeit halten zu können, die beim Abschied nehmen entstehen kann. Die Eibe ist für mich eine tröstliche Erinnerungan den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen (siehe hierzu auch: Keltischer Jahreskreis – Ein europäisches Medizinrad), daran, dass sich nach dem Tod etwas Anderes auftut. Die Physik lehrt uns, dass nichts für immer verschwindet. Alles wird nur zu etwas Anderem. Das gilt auch für uns. Vielleicht hat der Tod neben all dem Schmerzhaften auch etwas Befreiendes, wenn wir nicht mehr an Raum und Zeit gebunden sind. Vielleicht ist es dann vorbei mit dem Schmerz, der durch das Raumempfinden und das damit verbundene Gefühl der Trennung entstehen kann – ich bin Anne, ich bin allein in meinem Körper, mit meiner Wahrnehmung, auf meinem Anne-Planeten. Und auch mit dem Schmerz aufgrund unseres Zeitempfindens, dass alles wieder vergeht und nichts für immer ist – auch schöne Momente, Beziehungen, körperliche Kraft mit dem Altern. Die Eibe erinnert mich tröstlich daran, dass die Toten – in welcher Form auch immer – unter uns sind.
„Auf die Frage, wohin die Seele gehe, wenn der Mensch stirbt, antwortete Meister Eckhart: An keinen Ort. Wohin sonst könnte die Seele gehen? Wo sonst wäre die ewige Welt? Sie kann nirgendwo sein als hier. Unser begriffliches Denken macht die ewige Welt fälschlicherweise zu etwas Räumlichem und rückt sie dann in unermessliche Ferne, wie irgendeine unbekannte Galaxie. Doch die ewige Welt scheint gar kein Ort, sondern vielmehr eine andere Seinsebene zu sein. Die Seele der Verstorbenen geht nirgendwohin, weil es gar keinen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnte. Dies deutet darauf hin, dass die Toten hier bei uns sind, in der Luft, durch die wir uns ununterbrochen bewegen. Der einzige Unterschied zwischen uns und den Toten ist der, dass sie sich jetzt in einer unsichtbaren Form befinden. Wir können sie mit unserem menschlichen Auge nicht sehen, wohl aber können wir die Gegenwart jener Toten spüren, die wir zur Lebzeiten geliebt haben“ .
John O’Donohue, Anam Caram
Die Eibe steht für mich für Ganzheit. Ich spüre Widerstand und Angst wegen ihrer Giftigkeit. Die Eibe kann mich lehren, auch mit unseren Schattenseiten und den zerstörerischen Kräften in Kontakt zu kommen. Auch diese Seiten sind Teile von uns Menschen. Es ist eine lebenslange Übung einen Umgang mit den Schatten zu finden. Und Zerstörung hat etwas kraftvoll Reinigendes. Die Eibe erinnert daran, dass manchmal erst etwas gehen muss, damit etwas Neues entstehen kann.
In den Monaten der intensiven Beobachtung und des Nature Journaling hat sich etwas verändert – ich sehe meine Eibe mit anderen Augen, mit den Augen meines Herzens. Ich spüre eine persönliche Verbundenheit mit diesem konkreten Baum. Meinen Drillbogen habe ich den alten Traditionen folgend aus dem Holz meiner Eibe gefertigt. Dieser Bogen bedeutet mir etwas.
Quellen
Young, Jon / Hass, Ellen / McGown, Evan: Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Hillgärtner, Verena: Nature Journaling; Storl, Wolf-Dieter: Unsere fünf heiligen Bäume, S. 143 ff.; Urbanovsky, Claudia / Le Scouezec, Gwenc’Hlan: Der Garten der Druiden, S. 325 ff.; Krämer, Claus: Mythen und Sagen der Kelten, S. 90; Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden, S. 197.
In den Rauhnächten habe ich wieder eine Nacht alleine bei Minusgraden in meinem selbst gebauten Shelter in dem abgelegenen kleinen Wildnis-Gelände Ronscht in Rheinhessen geschlafen. Es war diesmal mit viel weniger Ängsten verbunden, als beim ersten Mal vor einem Jahr. Es lohnt sich, herausfordernde Dinge mehrfach zu machen. Ich durfte wieder viel über mich und die Ronscht-Wildnis lernen – diesen für mich seit meiner Kindheit besonderen und verwunschenen Ort fast unberührter Natur. Über mir hat sich die Weite des klaren Wintersternenhimmels geöffnet. Ich habe die Füchse bellen gehört und meine Jäger- und Sammlerseele gespürt, mit ihren uralten Ängsten vor der Dunkelheit. Ich habe meine inneren Prozesse im Spiegel der Natur erkannt und voller Dankbarkeit, tiefer Freude und Neugier Botschaften aus der Natur empfangen.
Die Kraft der Wiederholung
Wenn man Dinge mehrfach tut, fallen sie einem leichter. Beim letzten Mal hatte ich viele Ängste vor meiner Solo-Übernachtung in der Ronscht. Dieses Mal war es unaufgeregter, aber nicht weniger spannend. Ich lerne wieder viel über mich, meine alte Jäger- und Sammlerseele und dieses unberührte Fleckchen Wildnis.
Wer nicht frieren will, muss sich gut vorbereiten
Nachmittags bringe ich meine Laubhütte vom letzten Jahr in Ordnung. Sie steht immer noch ganz wunderbar, auch das Trapperbett ist noch in Ordnung. Ein Blick nach drinnen verrät aber, dass sie nicht mehr ganz dicht ist – überall scheint Licht durch. Ich fülle das Innere nochmal mit Laub und dichte auch von außen mit Laub und Rinde ab.
Natur als Spiegel unserer inneren Landschaften
Dann mache ich einen Rundgang durchs Gelände. Alles ist stark zugewachsen. Ich schlage mich durch einen mannshohen Brennnessel-Wald. Plötzlich stehe ich vor einem kleinen Rotschwanznest in einem kleinen Bäumchen. Es ist ganz nah und genau auf Sichthöhe. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, die Natur spricht mit mir. Ich erkenne meine inneren Seelenlandschaften und Botschaften aus meinem Inneren im Spiegel der Natur. Dieses Phänomen lässt sich mit dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung erklären, wonach sich meine Wahrnehmung auf das richtet und das sieht, was mich gerade beschäftigt. Das Nest ist für mich heute ein Zeichen für Sicherheit und das Gefühl, zu Hause zu sein – hier Draußen und in mir drin.
Ortskenntnis durch Fährtenlesen und Herumstromern
Ich laufe ziellos weiter, querfeldein und lasse mich von meiner Aufmerksamkeit und Neugier lenken. Ich stoße auf aufgewühlten Boden, versuche die Spuren zu lesen. Ich sehe einen Wildwechsel und ein Stück weiter eine ähnliche aufgewühlte Stelle. Ich entdecke Hufabdrücke und angeknabberte Bäumchen. Es sieht danach aus, als ob ein Rehbock hier sein Revier markiert hat. Rehe markieren ihr Revier mit Duftnoten beim sogenannten Plätzen. Dabei schlagen sie den Boden mit den Vorderhufen auf und setzen Duftmarken mit dem Duftdrüsen in den Hufen. Oft werden beim Reviermarkieren auch junge Bäumchen, wie hier, mit dem Gehörn bearbeitet, um mit den dort sitzenden Duftdrüsen weitere Reviermarken zu setzen. Spannend – das im Winter, obwohl die Paarungszeit erst im Frühjahr beginnt. Ich folge weiter den Wildwechseln durch das Dickicht. Die wildnispädagogische Kernroutine des ziellosen Herumstromerns hat eine ganze Reihe an Effekten, die die Verbindung zur Natur und uns selbst stärken. Sie fördert eine spielerische Leichtigkeit und die Verbundenheit zu einem bestimmten Ort (Ortskenntnis). Gleichzeitig lehrt sie uns, unserer inneren Stimme zu folgen. Auch das Fährtenlesen führt zu einer tieferen Verbindung zur Natur und einem bestimmten Ort – wir können entdecken, mit wem wir uns diesen Ort teilen und was diese Lebewesen hier machen: Wer wohnt hier, was macht er hier und zu welcher Jahres- und Uhrzeit?
Die eigene Komfortzone verlassen
Abends merke ich, wie sich Bequemlichkeit breit machen will. Da sind innere Widerstände und die Frage taucht auf, ob es nicht auch sehr gemütlich in einem warmen Bett wäre und ob eine Übernachtung draußen bei Minusgraden wirklich sein muss. Es ist spannend zu schauen, was mich dazu bringt, es trotz der inneren Widerstände zu tun. Vermutlich das tiefe Wissen, dass Erfahrungen nur durch Tun entstehen und ich mich weiterentwickele, wenn ich meine Komfortzone verlasse. Betrachtet man die Menschheitsgeschichte kann man ebenfalls beobachten, dass sich der Homo Sapiens in der Eiszeit – einer Zeit mit großen Herausforderungen für das Überleben der Menschen – besonders weiterentwickelt hat. Große Herausforderungen rufen nach kreativen Lösungen und neuen Herangehensweisen. Daran können wir wachsen. Die Wildnispädagogik lädt dazu ein, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen und die eigenen Grenzen zu verschieben. Und ich bemerke auch, dass mir der rituelle Rahmen – eine Solo-Nacht in den Rauhnächten als Ritual und Geschenk an mich selbst, als Zeit für Innenschau und Naturverbindung – hilft, Widerstände und Bequemlichkeit zu überwinden.
Begegnung mit den alten Ängsten unserer Vorfahren vor der Dunkelheit
An meiner Hütte am Feuer genieße ich den sternenklaren tiefschwarzen Nachthimmel. Der Mond ist noch nicht aufgegangen. Ich sehe das Feuer. Um mich herum ist es stockdunkel. Ich spüre die Ängste unserer Vorfahren vor dem, was im nicht Sichtbaren, in der Dunkelheit lauern könnte. Die Angst vor dem Unbekannten. Jedes Knacken und Geräusch regt meine Fantasie an. Ich kann diese Ängste gut halten – ich spüre, dass es unsere alten Jäger- und Sammlerängste sind – und dass diese Wachsamkeit das Überleben von uns Menschen gesichert hat.
Vertrauen in das Licht des nächsten Tages
Nachts wache ich immer wieder auf. Ich höre Füchse bellen. Die Kälte ist kein Problem – meine Hütte und der Schlafsack halten die Wärme auch bei den Minusgraden gut. Dann sehe ich sich bewegende Lichter und bekomme Angst, ein Jäger könnte mich mit einem Reh verwechseln. Ich höre auch Geräusche. Kurz werde ich von Angst überwältigt und überlege abzubrechen. Doch dann spüre ich das tiefe Vertrauen in den kommenden Morgen und weiß, dass die Schreckgespenster in meinem Kopf in der Dämmerung wieder verschwunden sein werden. Es ist schön, dass zu spüren – denn letztlich ist es die Dezember-Energie, die unsere Vorfahren zur Wintersonnenwende gefeiert haben: Das Vertrauen in die Rückkehr des Lichts, des nächsten Tages, des Frühlings und des neuen Lebens.
Was ich von meinen Träumen lernen darf
Ich wache wieder auf und erinnere mich, dass es stark geregnet hat und ich meine Schuhe in den Shelter räumen musste. Doch dann merke ich, dass dies nur ein Traum war, der sich wie das echte Leben angefühlt hat. Ich erinnere mich, wie sehr geschützt ich mich in meinem Traum in meinem Shelter gefühlt habe und fühle mich sicher und geborgen.
Winterwunder – Schönheit und Staunen
Es dämmert und alles steht wunderschön verwunschen im Nebel. Die efeubewachsenen Bäume sehen wie uralte Gestalten aus. Als es heller wird, sehe ich dass alles von feinem Reif überzogen ist. Der Winter ist da. Die Äste haben lange feine Reif-Dornen und die indianische Clanmutter Weaves the Web und Großmutter Spinne, die mich in dem vergangenen Jahr so liebevoll und kraftvoll begleitet haben, verabschieden sich von mir mit hauchzarten, bereiften Spinnenfäden, die von den Ästen im Wind wehen.
Unser uraltes Verhältnis zum Feuer
Es ist eisig kalt und ich bemerke den unwiderstehlichen Impuls meiner Jäger-und Sammler-Vorfahren, ein Feuer anzumachen, um mich zu wärmen.
Kraftorte
Beim Gehen verabschiede ich mich vom heiligen Walnuss-Baum mit den vielen Köpfen. Jedes Mal, wenn ich komme sind weitere Stämme umgestürzt. Bald wird nichts mehr von ihm übrig sein und ich bin gespannt, welcher Ort, welcher Stein, welcher Baum dann seinen Platz als Kraftort übernehmen wird. Zum Abschied grüßt mich die Krähe von der Clanmutter Weighs the Truth, die mich im kommenden Jahr begleiten wird.