Eine persönliche Geschichte über Wurzeln, Wandlung und die Liebesbeziehung zu einem Ort

Ich stehe in der Mitte meines Lebens – einer Zeit voller Veränderungen im Innen und im Außen. In dieser Zeit des inneren und äußeren Wandels habe ich ein Sabbatjahr – Zeit zum Aussteigen aus der gewohnten Arbeitsroutine, aus dem Hamsterrad zwischen Familie und Job. Eine Zeit zur Reflexion darüber, wo ich jetzt – in der Mitte meines Lebens – stehe, was gehen darf oder gehen wird und was ich noch Leben möchte, in diesem so kostbaren Leben. Zum Anfang dieses Jahres hat es mich zurück zu meinen Wurzeln in die Ronscht gezogen. Das ist ein verwilderter, tief gelegener Hohlweg in Rheinhessen, den man durch einen Durchgang in der Hecke vom Grundstück meiner Vorfahren – Großeltern und nun Vater – aus erreicht. Es ist das Tor in eine verzauberte eigene wilde Welt inmitten der menschlich kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens. Ein Ort, der einiges über Wildnis erzählen kann, wenn man sich Zeit zum Zuhören nimmt. Für mich ist es seit meiner Kindheit ein ganz besonderer Ort- ein Ort, mit dem mich eine besondere Liebesbeziehung verbindet. Heute vertiefe ich die Beziehung zu diesem Ort mit der Praxis der Naturachtsamkeit, mit Kernroutinen der Wildnispädagogik und der naturverbundenen Prozessbegleitung. So tauche ich in einen eigenen Dialog mit diesem Ort ein, indem ich mir selbst im Spiegel der Natur begegne, einen Ort zur Begegnung mit meinen Ahnen schaffe, alleine in meiner Laubhütte übernachte, ziellos herumstromere und die Fährten der Tiere lese.

Innehalten in der Mitte meines Lebens: Was will ich leben?

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Mein Sabbatjahr fällt in eine Wandlungsphase in der Mitte meines Lebens. Ich habe bereits einiges an Erfahrungen in meinem Leben gesammelt und bin durch einige Wachstumsprozesse gegangen. Meine Kinder werden größer und die Intensität der Mutterrolle wird weniger. Ich spüre wieder mehr Raum für mich. Vieles verändert sich – in mir und in meinem Leben. In diesem Jahr kann ich dieser Wandlungsphase bewusst Raum geben. Ich habe die Gelegenheit in der Mitte meines Lebens Inne zu halten, um zu Schauen, was jetzt da ist, was nicht mehr ist und was wachsen möchte. Was für ein kostbares Geschenk in dieser schnelllebigen Zeit. In der äußeren Welt geht es für mich vor allem darum, meine Leidenschaft für Naturverbindung, Naturspiritualität, authentisches Menschsein, für authentische menschliche Verbindungen und Gemeinschaft zu leben und zu teilen. Im Inneren geht es um Selbstvertrauen, Sichtbarkeit, darum alte Selbstzweifel zu entkräften. Es ist wertvoll, wenn wir uns in unserem Leben bewusst kleinere oder größere Räume des Stillstands schaffen, um uns mit den wiederkehrenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Denn wir haben nur dieses eine wilde Leben. Vielleicht wird es immer wieder andere Antworten geben oder auch keine, oder solche, die wir uns nicht wünschen. Oft ist es wichtiger zu fragen und in die Fragen hineinzuleben (Rilke, Über die Geduld), als sofort klare und eindeutige Antworten zu finden.

Was will ich leben und lieben in diesem so unglaublich kostbaren Leben?

Was sind die nächsten Schritte auf meiner Lebensreise?

„Tell me, what is it you plan to do, with your one wild and precious life?“

Mary Oliver, A summer day

Zurück zum Anfang

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Um diesen Fragen Raum zu geben, bin ich zurück an den Anfang meines Lebens gegangen. Dorthin, wo ich herkomme. Zum Ort meiner Großeltern, meiner Kindheit. Es ist Anfang Dezember. Nach dem keltischen Jahreskreis fängt in dieser Zeit der tiefsten Dunkelheit im Verborgenen ein neuer Lebenszyklus an. Der Anfang liegt im Unbekannten. Im Nicht-Wissen. Ich komme, um zu spüren, was noch nicht sichtbar ist, was noch nicht in Worte und Bilder zu fassen ist. Begleitet werde ich heute und in diesem Jahr von Alina, die meine innere Reise bezeugt.

„Change will always happen, we cannot escape from change.
But how can we move forward with change
without detaching ourselves
from our roots?
How can we not forget where we came from?“

Maria Mutiara

Diese Frage beschäftigt mich. Wie kann ich Veränderung leben und gleichzeitig verwurzelt bleiben? Wie kann ich die Geschenke meiner Ahnen und meines Lebensweg nutzen in meiner Zukunft? Um in Kontakt mit dieser Frage zu kommen, gibt es keinen besseren Ort, als Wahlheim und die Wildnis in der Ronscht. Es ist eine Reise zurück zum Anfang meines Lebens und dem, was mich hier geprägt hat. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem soviel von mir ist, von dem ich so berührt werde und der mich so bekräftigt in meiner Liebe zum wilden Leben. Ich liebe diesen Ort innig, seit ich ein Kind bin. Ich fühle mich mit diesem Ort so verbunden – auch wenn wir beide uns über die vielen Jahre, immer wieder verändert haben. Es ist ein Ort voller Zauber und Kraft, voller alter Geschichten, voller Träume und neuer Möglichkeiten. Hier habe ich schon als Kind erfahren, dass ich Teil der Natur bin, alles um mich herum belebt ist und eine eigene Intelligenz und Seele hat. Es ist der Ort, an dem ich mit der Natur spreche und die Natur mit mir. Als Kind war es ein großes Abenteuer für mich, diese eigene kleine Wildnis-Welt zu erkunden. Es fühlte sich an wie eine Expedition in eine andere wilde Welt. Oft war es auch unheimlich in dieser Wildnis – etwas düster, undurchdringlich und man hörte immer wieder Geräusche von Tieren, ein Knacken, ein Knurren, ein Bellen der Rehe und Füchse.

Hohlweg – Archiv der Natur und der Generationen

Wie passend und bedeutungsvoll, dass dieser Ort ein alter Hohlweg ist. Hohlwege sind uralte Wege, die von Menschen jahrhundertelange genutzt wurden und sich tief in die Landschaft eingegraben haben. Viele Hohlwege sind Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt. Im Laufe der Zeit haben Menschen und Tiere den Boden immer weiter abgetragen. Bei Regen und Gewittern wurden sie zu natürlichen Wasserabflüssen, die Erde und Gestein wegspülten. Manche Hohlwege sind zu richtigen Schluchten geworden (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege). So liegt auch der tiefste Punkt der Ronschteinige Meter unterhalb der sie umgebenden Weinberge und Felder.

Wenn dieser Hohlweg ein Spiegel meiner inneren Seelenlandschaft ist,
was erzählt dieser Ort über mich?

Hohlwege respektieren anders als heutige Straßen die natürliche Topografie der Landschaft. Sie erkennen an, was da ist. Sie folgen dem Verlauf eines Tals oder dem Anstieg eines Hügels. Sie entstanden durch das Zusammenspiel von Mensch und Natur im Rahmen einer natürlichen und langsamen Entwicklung, durch ständige Wiederholung. Jeder Schritt trägt zur Entstehung bei – auch wenn das erst viel später sichtbar wird. Der Weg verbindet sich mit der Landschaft. Ganz im Gegensatz dazu werden heutige Wege und Straßen gewaltsam, meist dem direktesten Weg folgend, in die Landschaft gegraben oder gesprengt (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege).

Diese Art von Entwicklung und Wachstum fühlt sich auch für mich gut und natürlich an. Ich bin überwiegend im Frieden mit dem, was war und dem, was ist. Natürlich waren auch schmerzhafte Erfahrungen dabei und aus meiner Perspektive heute würde ich vielleicht das eine oder andere anders machen. Ich kann aber zutiefst anerkennen, dass dies zu meiner Entwicklung und meinem Lebensweg dazugehört. Ich bin ein Wesen wie jedes andere, dass in Beziehungen zu Menschen und anderen Lebewesen, in einer bestimmten Zeit und bestimmten Gesellschaft in die Welt gekommen ist. Das hat Spuren in mir hinterlassen – wie in einem Hohlweg. Und genauso hinterlasse ich Schritt für Schritt in meiner Lebensumwelt meine Spuren – zusammen mit vielen anderen Menschen, Lebewesen, Erden, Gestein, Wind, Wasser und Sonne.

„Jedes Lebewesen erfährt im Laufe seines Lebens vorübergehende oder bleibende Veränderungen als Folge von Weiterentwicklung, Schutz oder Erneuerung. (…) Die Natur zeigt uns, dass wir heute weder so sind, wie wir gestern waren, noch wie wir morgen sein werden. Im Zauber des Wandels liegt die Kraft, das Wesentliche zu erhalten und die Identität zu waren.“

Pablo Salvaje, Vom Leben der Tiere

Hohlweg – Wildnis ist überall zu finden

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Manchmal fühle ich mich wie dieser Hohlweg. Es ist eine eigene wilde Welt hier unten in der Ronscht – manchmal undurchdringlich, voller Tierspuren. Mitten in der „gezähmten“ und von Menschen bis ins letzte kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens mit seinen Weinbergen und Feldern, hat sich in den Hohlwegen eine fast vergessene eigenwillige Wildnis entwickelt. Hohlwege sind mit ihrer schluchtartigen Topologie für die moderne Leistungs- und Konsumgesellschaft und die industrialisierte Landwirtschaft nutzlose Zwischenräume. Wir müssen nicht in ferne Länder reisen, um Wildnis zu begegnen. Wildnis gibt es auch in den Zwischenräumen der noch so gezähmtesten Kulturlandschaft, entlang der Autobahnen und sogar in Städten. Lange hat es mich in die Ferne gezogen, wo ich unberührte Natur, Abenteuer und neue Eindrücke gesucht habe. Heute weiß ich, dass die Wildnis auch in meiner Nähe, an bekannten Orten und in mir selbst und in anderen ist. Wildnis ist überall zu finden. Manchmal können wir sie nicht sehen, weil wir etwas anderes erwarten, ein anderes Bild von Wildnis haben. Wildnis findet immer einen Raum, in dem sie sich entfalten kann. Unter den scheinbar unmöglichsten Bedingungen findet Wildnis ihren ganz eigenen Weg. Unstoppable. Die Ronscht lädt mich ein, die versteckten wilden Zwischen-Räume in bekannten Landschaften und meine eigenen inneren Wildnisgebiet zu entdecken. Sie lädt mich dazu ein, inmitten all des gesellschaftlichen Konformitätsdruck meine eigene innere Wildnis zu bewahren und zu kultivieren. Wild sein heißt für mich authentisch sein und das leben, was ausgedrückt werden möchte. Ohne Angst vor eigenen und fremden Bewertungen.

Abschied vom heiligen Baum – das Herz des Stammes

Bilder: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Alina hat mich dazu angeregt einen Ahnenaltar zu bauen. Ein solcher Platz zur Begegnung mit den Ahnen, mit etwas, dass über mein „Ich“ hinausgeht, bedeutet mir viel. Mein alter Ahnen-Platz, der riesige alte Walnussbaum mit seinen vielen Stämmen, zerfällt immer mehr. Von den Stämmen des Baumes, die mich an mächtige Köpfe erinnern, sind nicht mehr viele übrig. Doch bevor ein neuer Ahnen-Altar gebaut werden kann, muss der alte heilige Baum gewürdigt und verabschiedet werden. Ich bin traurig über sein Sterben, seinen Zerfall und sein Verschwinden. Und gleichzeitig fühle ich tröstlich, dass das Teil des natürlichen Zyklus von Entstehen und Vergehen und Vergehen und Entstehen ist. Nur wenn etwas Altes geht, kann etwas Neues entstehen. Ich klettere von oben vorsichtig in dieses alte, gleichzeitig mächtige und gebrechliche Wesen, in den Haupt-Stamm.

Ahnen
Unsere Vorfahren sind unser Stamm.
Sie haben den Weg bereitet für unsere Ankunft und unser Leben. Ist die Verbindung zu ihnen ungetrübt, fühlen wir uns geborgen, genährt und bestärkt darin, wir selbst zu sein und unsere Talente und Fähigkeiten zu leben.
Sie sind wie eine warme Decke, die uns umgibt
und die uns das Vertrauen schenkt, das Abenteuer Leben zu leben.

Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Der Stamm des heiligen Walnussbaums steht für meine Ahnen. Er ist so groß und mächtig und nimmt mich ganz in sich auf – in sein Inneres. Für einen Moment werde ich ein Teil von ihm. Ich bin sein Herz. Gleichzeitig finde ich Schutz und werde von ihm gehalten. Unter der dicken weißen Walnussrinde, die ich so sehr liebe, weil sie wie aus einer anderen Welt wirkt, hat sich ganz viel schwarze Erde gebildet. Ich spüre mit meinen Fingern in die Erde. Sie ist ganz fein. Was ist das für ein Wunder! Mein heiliger Ahnenbaum wird Nährboden für neues Leben und Wachstum. Ich nehme etwas von dieser Erde, um damit auf der Karte meiner inneren Wildnis diesen Ort meiner Ahnen einzuzeichnen. Hier in der Ronscht liegt der Ursprung für meine Naturspiritualität. Hier habe ich das Gefühl in etwas aufzugehen, das größer ist als ich. Diese Ahnenlinie darf ich fortführen.

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

„Sometimes healing is simply returning to what has always cared for us.“

Unbekannt

Der entblätterte Ahnenbaum – Was ist die Geschichte meiner Ahnen und was ist meine?

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Zum Abschluss schenkt mir der heilige Ahnenbaum riesige weiße Rindenstücke für den neuen Ahnenaltar. Was für ein großes Geschenk. Der alte Ahnenbaum entblättert sich, zeigt sein Inneres, macht sich nackt. Dieses Bild vom entblätterten Baum regt mich an, dass ich mir in der Mitte meines Lebens nochmal bewusst machen und erforschen möchte, was mein Stamm und meine Wurzeln sind. Was ist das Erbe meiner Ahnen und was sind übernommene und für mich nicht mehr dienliche Gedanken- und Verhaltensmuster.

„Als Kind orientieren wir uns an dem, was (unsere Ahnen) denken, wie sie fühlen und handeln. Sie sind fast wie eine göttliche Instanz für uns.
Wir lauschen ihrem Klang und denken irgendwann, dass es unser eigener ist. Wir verinnerlichen das, was sie uns widerspiegeln. Dabei haben sie oft mit ihren übernommenen Mustern und Prägungen auf uns geschaut und nicht
erkannt, wie und wer wir wirklich sind. Ebenso wie es ihnen als Kind ergangen ist. Deshalb konnten sie uns vielleicht nicht immer das schenken, was wir so dringend gebraucht hätten. (…)
Ohne dass wir es bemerken, leben damit wir „ihr“ Erbe weiter.
Ihre Geschichte ist immer auch Teil unserer Geschichte, ob wir es wollen oder nicht. (…) Wie unter den vielen Kerben und Unregelmäßigkeiten (des Wacholderstammes) eine wunderschöne Maserung und ein fester Kern liegen, erkennen auch wir, wie und wer wir wirklich sind.“

Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Ich spüre, dass auch ich geprägt bin von den Spuren, Ängsten und Erwartungen meiner Ahnen – wie die Hohlwege von den Füßen von Generationen geformt wurden. Manchmal ist mir nicht klar, was an Überzeugungen und Vorstellungen von mir und was von meinen Ahnen ist.

Welche Spuren, Ängste und Erwartungen sind von meinen Ahnen
und wovon möchte ich mich frei machen?

Die Rinde des heiligen Walnussbaums steht für Schutz. Wir alle legen uns meist im Laufe unseres Lebens eine Schutzrinde zu. Das ist sehr gesund und eine intelligente Überlebensstrategie. Die Rinde deckt aber auch ab, was darunter ist, welcher Kern, welches Gold. Es gibt eine bekannte Geschichte von einem goldenen Buddha in Bangkok. Der war jahrhundertelang mit einer Lehmschicht überzogen. Vermutlich sollte diese Schutzschicht den goldenen Buddha vor Dieben schützen. Irgendwann bekam die Lehmschicht Risse und das Gold darunter blitzte vor. Die Geschichte kann uns dazu ermutigen, unserem inneren Gold – dem zutiefst Guten und Schönen in uns – zu vertrauen und uns mit unserer menschlichen Verletzlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig darf ich anerkennen, dass wir Schutz und Begrenzungen vor schädlichen Einflüssen in unserer Welt manchmal einfach brauchen. Der von Buddha gelehrte mittlere Weg kann bedeuten, dem Gold zu vertrauen und mich dem Schutz der Rinde anvertrauen, da wo ich es brauche.

Wandel – ein neuer Ahnenaltar darf wachsen

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Schon vor längerer Zeit habe ich gewusst, dass es einen neuen Platz zur Begegnung und Würdigung meiner Ahnen braucht. Es war erst nicht leicht, den richtigen Ort zu finden. Es sollte die Fläche zwischen dem alten Ahnenbaum und meiner Laubhütte sein. Das habe ich deutlich gespürt. Ich habe dort zunächst nach einer Stelle gesucht, die meinen Erwartungen von einem heiligen Ort gerecht wird – ein großer Baum oder ein Steinaltar, irgendetwas Deutliches, Kraftvolles. Gefunden habe ich einen jungen dünnen Ahornbaum. Das war nicht das, was ich mir zuerst vorgestellt habe. Es hat sich aber richtig angefühlt und ich bin ins Tun und kreative Schaffen gekommen. Aus Sandsteinen und den mächtigen Walnussrindenteilen des alten Ahnenbaumes habe ich einen wunderschönen Altar gebaut.

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Das Alte darf geehrt, neu gestaltet werden und einen neuen Platz haben – auch in meinem Leben. Das kräftige Rot der Gebetsfahne steht für die Liebe zum Leben und den Mohn, der mit diesem Ort und meinem Leben so eng verwoben ist. Das Blattgold steht für das Gute, Schöne und Heilige im Leben, an das ich fest glaube. Mir wird mir immer klarer, dass der neue Ahnenaltar ein richtig gutes Bild für meinen Wandlungsprozess in meiner Lebensmitte ist. Dieser Ort ist noch leer. Er steckt voller Möglichkeiten und Nicht-Wissen. Es ist klar, dass hier noch Entwicklung und Wachstum passieren darf. ICH bin es, die diesen Ort mit Bedeutung füllen, gestalten und verändern darf – immer wieder und bis zu meinem Lebensende. Der neue Ahnenalter steht für mein inneres Wachstum über all die Jahre, das ich nun auch im Außen sichtbar machen und wirken lassen möchte. Es soll ein Bild und Ort sein, an dem ich Licht und Schatten meiner Ahnen würdigen und als Teile von mir integrieren kann. An dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Weiter-Wachsen zu finden. Ich darf mich daran erinnern, dass meine Ahnen in mir ihre Spuren und Gaben hinterlassen haben und auch dass ich mich frei von ihren Geschichten machen kann.

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Der Wacholder – Ahnenkraft und Neuanfang
Wie ein Adler schwingen wir uns in die Lüfte und sehen unser eigenes Land vielleicht das erste Mal. Darin haben auch unsere Ahnen ihren festen Platz.
Auch sie warten darauf, frei zu sein und uns aus den alten Seelenverträgen zu entlassen, damit wir bereit für die wahren Geschenke unserer Herkunft sind:
All das Wissen, die Talente und schönen Erinnerungen, die sie uns mitgegeben haben. Daraus zu
schöpfen ist unser Auftrag. So kehrt Wärme und Frieden ein und wir können uns wieder bewusst mit unseren Wurzeln und Traditionen verbinden. Dann werden unsere Ahnen wie eine starke Kraft in unserem Rücken sein, die uns im Leben Halt schenkt und den Mut, jetzt mit unserem Licht die Ahnenlinie anzuführen.“

Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder

Ich habe meine Ahnen am neuen wunderschönen Altar geehrt und sie um Unterstützung gebeten. Ich habe mit Wacholder geräuchert, die Ahnenkraft gewürdigt UND die Kraft des Neubeginns und den Glauben an meinen eigenen Lebensweg aufsteigen lassen. In diesem Moment spüre ich die Gegenwart meiner Ahnen, fühle mich geliebt und gehalten. Ich bin dankbar für ihr Geschenk – die Liebe in mir zum wilden Leben und zu allen Wesenheiten, Lebewesen, Elementen, Steinen und Erden, für die Lebensfreude und den Lebensmut, der mich durch schwierige Situationen und Gefühlslagen bringt. Ich habe immer wieder Zweifel und Ängste. Ich spüre, dass sind nicht alles meine eigenen. Und trotz Ängsten und Zweifeln bin ich bereit, mich zu zeigen – mit all dem, was da ist!

Solonacht in meiner Laubhütte

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Das dritte Jahr in Folge schlafe ich in den Rauhnächten schlafe nun in meiner Laubhütte, hier draußen auf diesem kleinen Wildnisgelände in der Ronscht. Immer tiefer spüre ich, wie besonders dieser Ort für mich ist. Ein Ort, an dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Wachsen zu finden. 

Innere Widerstände und warum ich es trotzdem mache

Es ist kalt – um die Null Grad. Wie jedes Mal vor meiner Solo-Nacht bemerke ich innere Widerstände. Eine Stimme in mir erzählt mir, dass es doch viel bequemer und gemütlicher wäre, im Warmen, Drinnen mit meiner Familie zu sitzen. Warum mache ich das eigentlich immer wieder? Was ist mein Warum?

„Jede Berührung hinterlässt eine Spur.“

Edmond Locard

Jedes Mal, wenn ich hier draußen bin, werde ich in meinem tiefsten Inneren berührt. Von diesem Ort, vom Leben. Jede Nacht alleine draußen – nur mit mir in der Dunkelheit der Winternacht – bringt mich näher zu mir. Wurzeln wachsen im Schutz der Dunkelheit – nicht im Licht. Jede Nacht hier draußen lässt mehr Liebe in mir wachsen – zu mir, zu diesem Ort und all seinen Lebewesen. Es ist eine Liebe, die alles durchdringt und alles ausfüllt. Mit der Liebe für diesen Ort wächst gleichzeitig die Liebe zu allem anderen – zu dieser wilden Welt und diesem wilden Leben. Mit allem, was dazu gehört – dem Licht und der Dunkelheit. Dem Mut und der Angst. Mit jedem Mal, dem ich mich der Angst stelle, kann ich einen Schritt weiter gehen. Die Grenze meiner Komfort-Zone verschiebt sich Schritt für Schritt. Vertrauen entsteht. Wurzeln wachsen und geben Kraft, um den nächsten Schritt zu wagen. Ja, darum mache ich das immer wieder!

Eine Liebesbeziehung zu einem Ort

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Ich bereite mich auf die Nacht vor und bessere meine Laubhütte aus. Es ist ein wunderschöner klarer und kalter Wintertag mit strahlendem Sonnenschein. Ich entferne störende Äste aus dem Trapperbett und polstere das Innere der Hütte mit Laub aus. Dieses Jahr ist es schwer Laub zu finden. Immer wieder bin ich fasziniert von den Survival-Fähigkeiten, die in uns „modernen“ Menschen immer noch stecken. Survivalfähigkeiten zu üben ist eine der Kernroutinen der Widlnispädagogik. Survival heute zu praktizieren ist eine gute Art, um sich mit einem Ort vertraut zu machen – in und von der Natur leben. Nach und nach weiß ich, wo sich das Laub gesammelt hat und an welchen Stellen im Gelände ich suchen muss, um meine Laubhütte für die kalte Winternacht gut auszupolstern. Fast unbemerkt wächst dadurch meine Verbindung zu diesem Ort, den ich bis ins Kleinste immer besser kenne. Tiefe Liebe und Verbindung entsteht durch Vertrautheit. Mach dich vertraut mit allen Dingen!

„Be intimate with all things“

Zen-Weisheit, zitiert nach Tara Brach

Je mehr Laub in der Hütte ist, umso wärmer wird es in der Nacht. Das ist der Schlafsack-Effekt einer Laubhütte. Prioritäten zu setzen ist enorm wichtig für das Leben draußen. Die Stunden bis Sonnenuntergang sind begrenzt. Die Nacht soll kalt, aber trocken werden. Deswegen bessere ich meine Hütte zuerst Innen und dann erst außen aus. Mein alter Vater mit seinen über 70 Jahren hilft mir mit seiner Machete. Er löst Baumrinde von toten Bäumen als Abdeckung für meine Hütte. Es berührt mich – sein auch im Alter nicht schwächer werdender Lebenswille. Er hat sich nie davon abhalten lassen seine Lebensfreude auszudrücken und Sachen gemacht, die andere schräg und komisch finden. Auf diesem kleinen Stück Wildnis haben wir eine ganz besondere Verbindung – über das Land, auf dem wir beide aufgewachsen sind, dem wir uns so verbunden fühlen und das wir beide so sehr lieben.

Im Spiegel der Natur

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Als die Hütte ausgebessert ist, stromere ich durch das Wildnisstück. Heute sehe ich überall Zeichen – Bögen, Tore, Wurzeln. Die Natur und ihre Lebewesen können ein Spiegel für unsere inneren Prozesse sein. Wir sehen die Welt durch die Brille unserer subjektiven Wahrnehmung. Wir können nicht alle der Millionen von Reizen in unserer Umgebung bewusst aufnehmen. Unser Gehirn filtert daher unbewusst das heraus, was für uns relevant ist. Daher können wir davon ausgehen, dass wir die Welt nicht so sehen wie sie ist, sondern so, wie wir sind (alte Weisheit, Herkunft unklar). Sich selbst im Spiegel der Natur zu begegnen ist ein sehr tiefgreifendes Instrument der naturverbunden Prozessbegleitung, um sich mit den eigenen Lebensfragen und Prozessen auseinanderzusetzen.

Herumstromern und sich mit dem Ort vertraut machen

Bild: Alina Cara-Tobi, Instagram: @ich.lieb.dich.wildes.leben

Das Herumstromern ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik für mehr Naturverbindung und eine Praxis der Achtsamkeit. Es bedeutet sich ohne Ziel und Absicht durch die Natur zu bewegen und sich intuitiv dahinziehen zu lassen, was die Aufmerksamkeit gerade erregt. Dies entspricht der buddhistischen Praxis des offenen Gewahrsein – das wahrnehmen, was sich jetzt gerade zeigt. Herumzustromern ist für mich eine Form, um einen Ort zu begrüßen und mich mit ihm vertraut zu machen. Ich führe eine Art Unterhaltung mit dem Ort und seinen Lebewesen. Die belebte und unbelebte Welt kommuniziert ununterbrochen auf ihre eigene kreative Art miteinander. Vieles davon ist für uns Menschen erstmal nicht sichtbar und verständlich. Was unsere Vorfahren vermutlich gespürt haben, lernen wir durch die Wissenschaften heute mehr und mehr. Das bedeutet auch, dass wir unser kulturelles Verständnis von Bäumen, Pflanzen und anderen Lebewesen ändern müssen. Heute weiß man beispielsweise, dass Bäume auf verschiedenste Art miteinander kommunizieren – über Duftstoffe in der Luft, Wurzeln oder Pilznetzwerke. Selbst Steine, Wasser und Erde kommunizieren auf ihre eigene intelligente Weise mit ihrer Umwelt. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache. Aber es lohnt sich zuzuhören, welche Geschichten ein Ort und seine Bewohner uns erzählen können. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass wir die Welt aus unserer subjektiven menschlichen Perspektive wahrnehmen. Ebenso können wir davon ausgehen, dass ein Ort und seine Bewohner uns und unsere Handlungen auf ihre jeweils eigene Weise wahrnehmen. So können wir Freundschaften schließen, im Vertrauen darauf, dass der Ort und seine Bewohner auch uns zuhört und auf eine eigene Art versteht. Was dann entsteht ist das Gefühl des Eingebundenseins in etwas Größeres, in das Netz des Lebens mit all seinen belebten und unbelebten Wesenheiten.

Spurenlesen – einem Ort zuhören

„Mit wachsendem Bewusstsein dessen, was in der Natur wirklich geschieht, beginnen wir, unzählige Dinge zu erfassen und zu begreifen, die wir bisher nicht einmal wahrgenommen haben.“

Hugh Falkus

Ich stoße auf ganz viele Tierspuren – vor allem Trittsiegel und Reviermarken von Rehen, Rupfspuren und einen Eichhörnchenschädel. Ich liebe das Spurenlesen. Es ist eine wunderschöne Art, um Ort und Lebewesen besser kennenzulernen. Es ist als ob man dem Ort zuhört und versucht seine Sprache zu verstehen, seinen Geschichten zu lauschen. Wenn man genau hinschaut, tauchen immer mehr Fragen. Wer lebt hier? Wo schläft das Lebewesen? Mit wem lebt es zusammen? Was hat es hier gemacht? Wie hat es sich gefühlt? Was ist passiert? Wann war das? Wem ist das Lebewesen begegnet? Wo ist es jetzt?

Auffällig sind diesmal jede Menge Rupfspuren. Sie sind über das ganze Gelände verstreut. Da sind einmal grau-weiße und bräunliche Federn von einem kleinen Singvogel, vielleicht einem Fink. Direkt am heiligen Baum. Teilweise hat die Rupfung auf einem Felsen stattgefunden. Raubvögel wie Falke, Sperber oder Habicht rupfen ihre Beute häufig erhöht auf Felsen oder Baumstümpfen, um nicht überrascht zu werden.

Eine weitere Rupfung zieht sich über eine weite Strecke von über 50 Metern über das ganze Gelände. Die weichen weißen oder braunen Haare könnten von einem Kaninchen stammen, dass von einem Fuchs gefressen wurde. Füchse verschleppen ihre Beute häufig über weitere Strecken, essen immer wieder und verstecken die Reste.

Kaninchen werden in vielen Kulturen mit dem Mond in Verbindung gebracht. Sie symbolisieren den zyklischen Charakter des Lebens, den immer wiederkehrenden Kreislauf von Leben und Sterben, Licht und Dunkelheit. Wie der Mond jeden Monat Beute der Dunkelheit wird, um danach wieder in vollem Glanz zu strahlen, werden Kaninchen die Beute von Greifvögeln und Füchsen, was ihre fruchtbare Vermehrung nicht zum Stillstand bringt. Der Fuchs hat in vielen alten Geschichten die Rolle des Tricksters, der uns durch Veränderungsprozesse zu mehr Ganzheit führen kann, als Vermittler zwischen dem wilden Wald und Kulturräumen, zwischen unkonventioneller und intuitiver Intelligenz und kollektiven Normen. Er kann uns über Pfade führen, die zunächst nicht sichtbar sind (Das Buch der Symbole, Kaninchen und Fuchs).

Dem Fuchs begegne ich hier in der Ronscht immer wieder – ich sehe ihn und höre sein Bellen. Dieses Mal finde ich seine Fraßspuren – überall. Ich folge ihnen und lasse mich führen – im Vertrauen darauf, dass Veränderung immer stattfindet und nach dem Sterben, etwas Neues entsteht. Auch wenn ich den genauen Weg jetzt noch nicht sehen kann, darf ich darauf vertrauen, dass ich geführt werde. 

„As you start to walk on the way, 
the way appears. 
Clarity doesn’t come before action. 
It comes from action.“

Rumi

Ahnenaltar – Vertrautheit und Vertrauen in der Dunkelheit

Nachdem meine Laubhütte fertig ist, baue ich weiter an dem Ahnenalter. Ich sammle von den alten Lösssteinen, die auf sich aus dem Hang gelöst haben – wälze und ziehe sie zum Ahnenaltar. Vor meinem inneren Augen wird es konkreter. Ich möchte einen Steinalter bauen. Er soll aus dem Material sein, was ich hier an diesem Ort finde. Ich möchte dem Ort und dem woraus er besteht zuhören. Die Steine, die Rinde und die Erde, sie alle können mir etwas über diesen Ort erzählen. So entsteht ein Dialog mit diesem Ort. Der Prozess wird Zeit brauchen und ich Geduld. Das fällt mir nicht immer leicht. Gleichzeitig genieße ich im kreativen Prozess das innere Kribbeln, wenn noch nicht ganz klar ist, was entstehen wird und in welcher Form sich mein Inneres ausdrücken wird. 

In der Dunkelheit der Nacht ist die Wacholder-Ahnen-Kerze von Weitem sichtbar. Der Halbmond scheint hell in der sternklaren Winternacht und wirft lange Schatten durch die efeubewachsenen Baumgestalten. Ich entzünde ein Feuer mit Birkenrinde und Feuerstahl. Wieder spüre ich die alte Tierseele in mir. Diese uralten Instinkte verbinden mich mit unseren Ahnen, die als Affen und später Jäger- und Sammler in der Natur gelebt haben. In dieser Nacht habe ich nicht mehr soviel Angst wie in meinen ersten beiden Solo-Nächten, aber ich spüre eine starke Wachsamkeit in meinem Nervensystem. Meine Wahrnehmung ist extrem geschärft. Jedes Geräusch, jedes Knacken und Rascheln erregt meine Aufmerksamkeit. Ich verstehe, wie unsere Vorfahren in solchen Dunkelnächten Begegnungen mit Geistern und märchenhaften Wesen erlebten und weitererzählten. Alleine in der Dunkelheit einer kalten Winternacht verschwimmen tatsächlich die Grenzen zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Das Spüren und die Phantasie werden stärker. In der Dunkelheit wird deutlich, dass unsere rationale und wissenschaftsorientierte Wahrnehmung von der Welt blinde Flecken hat. Es wird erfahrbar, dass es mehr gibt, als das, was wir Menschen mit unserer begrenzten Wahrnehmung wissen und erfassen können. Die Erfahrung der Nacht als Schwellen- und Resonanzraum war bereits in der deutschen Romantik häufig thematisiert worden. Die Nacht ist ein Symbol für das Unbekannte, für das Nicht-Wissen und Nicht-Sichtbare. Draußen in der Nacht wird das spürbar.

In dieser Nacht kann ich wieder spüren, welche Sicherheit ein Feuer und ein Kerzen-Licht in der Dunkelheit gibt. Für unsere Vorfahren war es alleine – ohne die Gemeinschaft und draußen in der dunklen Winternacht sehr gefährlich. Ein Feuer konnte den Unterschied machen, Wärme und Schutz bieten. Diese alten Erfahrungen stecken tief in uns Menschen. Das fühle ich. Am Feuer beruhigt sich mein Nervensystem direkt. Immer wenn ich in der Nacht aufwache sehe ich den Schein der Kerze am Ahnenaltar. Das Licht beruhigt und berührt mich zutiefst. Ich fühle mich geborgen und sicher. Die Nacht verläuft ruhig und ohne Angst. Wie erstaunlich, wenn ich auf die letzten beiden Solo-Nächte zurückblicke, wo ich viel mit Angst konfrontiert war. Und doch ist es auch wieder nicht überraschend. Mit jedem Stromern auf dem Gelände, dem Bau des Ahnenaltars werde ich heimischer und heimischer an diesem Ort. Das gibt Sicherheit. Und es lohnt sich so sehr, Dinge, die einem schwer fallen, wieder und wieder zu machen. Vertrauen entsteht durch Erfahrung, dadurch, dass wir uns mit etwas vertraut machen.

Mit der Dämmerung und Morgenröte entsteht direkt eine ganz andere Stimmung. Die „Geister“ der Nacht sind nun verschwunden. Morgens stromere ich ausgiebig durchs Gelände. Diesmal zieht es mich auf die erhöhte Ebene, einen alten verwilderten und überwucherten Weg. Der Weg selbst ist nur schwer begehbar. Immer wieder muss man wie auf einer Expedition durch das Dickicht kriechen und sich seinen Weg bahnen. Von hier oben hat man eine wunderschöne Übersicht über den tiefer gelegenen verwilderten Weinberg mit meiner gut versteckten Laubütte, dem rauchenden Feuer,  den Ahnenalter mit der leuchtend roten Girlande und den noch tiefer gelegenen Hohlweg dahinter. Ich habe das Gefühl einen Teil meiner inneren Landschaft von oben zu sehen. Ich bin voller Klarheit und Übersicht. In meinem inneren Land haben auch meine Ahnen ihren festen Platz.

Ich nehme Abschied von diesem wilden Ort mit seinen Baumgestalten, dem schlingenden und umarmenden Efeu, dem Frost auf dem Moos. Auf dem Rückweg finde ich drei Eulenfedern. Wie passend, dass die Eule mit ihrer außergewöhnlich guten Wahrnehmung bei Nacht und ihrem lautlosen Flug als nächtliche Jägerin in vielen Regionen der Welt als Bote des Todes und Zeichen für bevorstehende Veränderung gilt. Die Schamanen Sibiriens und der Inuit schmücken sich mit Eulenfedern, um von der Eule machtvolle Unterstützung und Orientierung auf ihrem gefährlichen Weg in die nicht sichtbare Geisterwelt zu erhalten. Das macht deutlich, um was es geht, nämlich uns auf unserem Lebensweg immer wieder für den fortlaufenden Wandel im Leben und in uns selbst zu öffnen und zu spüren was da ist. Die Buddhisten nennen diese beiden Grundprinzipien des Lebens anicca und anatta. Im Gründe besagen diese beiden grundlegenden Einsichten in das Leben nach meinem Verständnis, dass nichts gleich bleibt und alles sich permanent verändert (anicca), auch ich selbst (anatta).

„Der Jahreswechsel lädt uns ein, still zu werden. 
Nicht um uns neu zu erfinden, sondern um wahrzunehmen, was in uns aufbricht, 
was gehört werden möchte, was Form sucht. 
Übergänge erinnern uns daran, dass wir nicht alles wissen müssen. 
Das Orientierung nicht von außen kommt, sondern aus der Fähigkeit, uns selbst inmitten des Wandels zu spüren.“

Eschwege Institut
Quellen:
Robert MacFarlane: Karte der Wildnis, Kapitel "Hohlwege"; Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Jon Young/Ellen Haas/Ewan McGown: Der Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Deborah Eden Tull: Luminous Darkness; The Archive for research in archetypal symbolism: Das Buch der Symbole, Betrachtungen zu archetypischen Bildern; Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.

Draußen schlafen im Wald: Die Kraft der Gemeinschaft

Ich habe wieder draußen übernachtet. Diesmal nicht allein (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis), sondern zusammen mit Simone, einer anderen Wildnispädagogin, Bloggerin (OutZeit Blog) und Mitgründerin von Enter the Wild (Portal für Outdoor-Abenteuer & Naturerlebnisse). Ich habe mich zum ersten Mal getraut, eine Nacht in einem stärker frequentierten, stadtnahem Waldstück zu verbringen. Ich habe gespürt, wie die Kraft der Gemeinschaft motiviert, stark und mutig macht. Wir Menschen sind Rudeltiere. Ohne Gemeinschaft und Kooperation hätte sich der Mensch nicht so erfolgreich auf der Erde ausbreiten und überleben können. Das konnte ich wieder einmal unmittelbar erfahren. Und wenn man sich Zeit nimmt, herumstromert und eine Nacht unter freiem Himmel schläft, öffnet sich ein Raum für neue Lern-Erfahrungen, inneres Wachstum und Naturverbindung.

Gemeinschaft von Gleichgesinnten und das Gesetz der Anziehung

Am Ende meiner Wildnispädagogen-Ausbildung gab uns mein Mentor (Christian von Naturabenteuer Niederrhein) den Rat, dass wir uns mit Gleichgesinnten vernetzen sollten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Bedeutung dieser Worte noch nicht in seiner ganzen Tragweite begriffen. Nun merke ich Stück für Stück aufgrund eigener Erfahrungen, welche Kraft eine unterstützende Gemeinschaft von Gleichgesinnten hat.

Diese Unterstützung kann unterschiedlich aussehen. Wenn ich mich mit Gleichgesinnten Natur-Liebenden, Lebens-Forschern und Entdeckern vernetze, führt das dazu, dass das, was ich liebe, mehr Raum in meinem Leben bekommt. Dieser Umstand folgt dem Gesetz der Anziehung: Gleiches zieht Gleiches an. Ich kann bewusst etwas dafür tun und es mir leichter machen. So geht es mir beispielsweise mit meiner Komplizin Christina von der Wildnisschule NaWiDu. Zeitlich gesehen nimmt Natur, Wildnispädagogik, Naturachtsamkeit und altes Wissen über die Verbindung zur Natur in meinem Leben durch die Verbindung mit Gleichgesinnten mehr Zeit-Raum in meinem Leben ein. Die Gemeinschaft mit anderen wirkt sich aber auch auf die Qualität und Tiefe meiner Erfahrungen und meine Verbindung zur Natur aus. Ich kann viel von anderen lernen – an Wissen und an neuen Perspektiven. Ich bekomme neue Inspirationen. Ich werde in meiner Leidenschaft bestärkt, weiter zu lernen, mehr Raus zu gehen und selbst Natur-Erfahrungen zu machen.

Das wurde mir heute Nacht sehr klar. Ohne Simone hätte ich diese Nacht nicht draußen im Wald geschlafen. Natürlich ist es auch sehr wertvoll und eine ganz andere Art von Erfahrung, wenn man etwas alleine macht und schafft – wie alleine draußen zu schlafen (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis). Diesmal hätte ich aber nicht draußen geschlafen, wenn Simone nicht den Impuls dazu gegeben hätte. Alleine fällt es mir oft schwerer, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und die Bequemlichkeit eines weichen, geschützten und warmen Bettes gegen die harte Matratze und den Biwaksack im Wald bei Temperaturen um die 5 Grad einzutauschen. Wenn man etwas gemeinsam mit einem anderen macht, haben die Ausreden im Kopf oft weniger Überzeugungskraft. Es wird einfacher, die eigene Komfortzone zu verlassen und die eigenen Grenzen zu weiten. Die doppelte Energie ist einfach stärker als die Stimmen im Kopf: Frauenpower pur! Wie schön, dass unsere Übernachtung zufällig auf den Welt-Frauentag fiel.

Gemeinsam ist man stärker

Die Kraft der Gemeinschaft macht auch stärker. Nicht umsonst heißt es: „Gemeinsam ist man stärker“ oder „Wenn man Freunde hat, braucht man sich vor nichts auf der Welt zu fürchten“ (Janosch). Alleine hätte ich mich wahrscheinlich in diesem stadtnahen, hoch frequentierten Waldstück als Frau nicht getraut, eine Nacht zu verbringen. Zusammen mit Simone hatte ich keine Angst vor Übergriffen durch andere Menschen. Zusammen mit einem anderen ist es leichter, sich seinen Ängsten zu stellen.

Nachts wurde es tatsächlich sehr aufregend. Kurz nach der Dämmerung wurde es plötzlich ziemlich laut in dem ansonsten sehr stillen Nacht-Wald. Eine Rotte von mehreren Wildschweinen war in der Nähe deutlich zu hören. Vor Wildschweinen hatte ich immer Angst gehabt, wenn es um das Übernachten im Wald ging – sozusagen mein Angst-Endgegner. Tagsüber hatten wir bereits beim Herumstromern und Scouten nach einem guten Schlafplatz an anderen Stellen im Wald, Wühlspuren von Wildschweinen gefunden. Wir hatten unseren Schlafplatz extra in einiger Entfernung gewählt. Als die Rotte sich näherte, ging mein Adrenalinpegel ziemlich nach oben. Simone wusste dann, dass Wildschweine auf Lärm reagieren – zumindest, wenn sie noch in einiger Entfernung sind. Wir machten also Laute und raschelten mit dem Laub und Ästen, um die Wildschweine zu vertreiben. Tatsächlich haben sie sich dann entfernt und sind in dieser Nacht nicht wieder gekommen. Das war eine gute Erfahrung, die mir zukünftig mehr Sicherheit gibt.

Zwei- bis dreimal knallte dann in unmittelbarer Nähe noch richtig laut ein Jagdgewehr. Ansonsten blieb es in der Nacht ruhig. Dank Simones Gesellschaft verlief die Nacht – bis auf diese beiden Zwischenfälle – aber sehr angstfrei für mich. Alleine hätte das – wie ich bereits erfahren habe – vermutlich anders ausgesehen (siehe hierzu den Beitrag: Alone – Draußen schlafen in der Wildnis).

Neue Perspektiven – neue Erfahrungen

Simone und ich haben uns für den Biwaksack entschieden. Das hat uns den freien Blick auf einen wunderschönen klaren Sternenhimmel eröffnet. Wir beobachten, wie der helle Halbmond Richtung Westen zieht.

Im Biwaksack habe ich auch eine eher ungewohnte, neue Perspektive nach oben in die Baumkronen. Ich erkenne dadurch nochmal auf einer tieferen Ebene, dass jede Baumart sich vom Wuchs stark unterscheidet. Die majestätische, schnörkelige Eiche ist deutlich von der schlanken und geradlinigen Buche zu unterscheiden.

Tagsüber beim ziellosen Herumstromern und Scouten nach einem geeigneten Schlafplatz ist mir im reizreduzierten Winterwald schon aufgefallen, wie deutlich sich auch die Rindenmuster voneinander unterscheiden – die quergestreifte Kirsche, die längsgestreifte riffelte Eiche, die glatte Buche.

Mit der Dämmerung verstummt das laute Frühlings-Vogelgezwitscher. Es wird ganz still im Wald. Dann bekommen wir in dieser Nacht doch noch die Gelegenheit, unseren Hörsinn zu trainieren. Das ist ungewohnt, da bei uns Menschen der Sehsinn unsere Wahrnehmung stark dominiert. Es gibt einiges an Tiergeräuschen zu erlauschen und zu erraten. Und es ist spannend zu sehen, wie gut man die Bewegungsgeräusche den verschiedenen Tieren zuordnen kann. Da ist die laute Wildschweinrotte, die grunzt und im trockenen Laub herumwühlt. Dann hören wir ein einzelnes Tier. Wir rätseln – könnte das der Dachs oder Fuchs sein, dessen Bau wir beim Herumstromern entdeckt haben? Das Tier bemerkt uns und verfällt in „Galopp“. Jetzt ist es eindeutig als langbeiniges Reh zu erkennen. Im Verlauf der Nacht sind die langgezogenen Rufe einer Eule oder eines Kauzes zu hören. Morgens begrüßt uns der neue Tag – noch mit geschlossenen Augen – mit dem immer stärker einsetzenden Gezwitscher der Vögel. Als die Sonne zwischen den Bäumen aufgeht, ist alles wieder gut und auch die Schrecken der letzten Nacht vergessen.

Ich bin dankbar für diese Nacht und die Kraft der Gemeinschaft, die wieder eine Spur in meinem Leben und meinem Wachstumsprozess hinterlassen hat. Ich konnte beobachten, dass neue Lern-Erfahrungen Zeit und Raum brauchen. Dabei konnte ich die bestärkende Kraft der Gemeinschaft von Gleichgesinnten spüren. Ich habe erneut erfahren können, dass neue ungewohnte Perspektiven – mit dem Rücken auf dem Boden – helfen, neue Beobachtungen und Erkenntnisse zu sammeln.

Baum-Journal: Eibe – alte Mythen und persönliche Beziehung

Eibe Zweig mit Zapfen und Zeichnung

Nature Journaling – Bäume

In meinem Naturtagebuch halte ich meine Beobachtungen und Gedanken zu Bäumen fest – im Fall der Eibe zu einer ganz bestimmten Eibe. Mit meinem Baum-Journal lasse ich die uralte Verbindung unserer Ahnen zu den Bäumen wieder aufleben. Bäume sind uralte Lebewesen, die uns ähnlicher sind, als wir denken. Bäume warten für uns Menschen seit Urzeiten Götter, Lehrerinnen und Heiligtümer. Wir können viel von ihnen lernen – über die Welt, über Verbindung und uns selbst.

„Meine“ Eibe habe ich ein Jahr lang genau beobachtet – wie sie blüht, ob sie Früchte und Zapfen bildet. Wer ihre Nachbarn sind. Wer sie bewohnt, wer sie besucht und Spuren auf ihrer Rinde hinterlässt. Ich habe diese Eibe immer wieder ganz bewusst aufgesucht – sie ist mir nun sehr vertraut – „meine“ Eibe. Wir kennen uns. Sie ist meine Lehrerin und hat eine Bedeutung für mich.

Nature Journaling ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik. Gleichzeitig ist sie eine wichtige Praxis der Naturachtsamkeit. 

Beim Nature Journaling geht es nicht darum, besonders schöne Zeichnungen zu erstellen. Wir sind völlig frei darin, wie wir unser Naturtagebuch führen – mit Skizzen, Bildern, Worten oder auch Sammelstücken. Diese Freiheit sollten wir uns nehmen und uns frei von Erwartungsdruck und Konzepten von „Schön“ und „Wertvoll“ machen. Wichtig ist, dass wir unseren eigenen Weg und Ausdruck finden. Und wie bei jeder Praxis ist Regelmäßigkeit von entscheidender Bedeutung. Lieber weniger, aber häufiger. Beim Nature Journaling geht es um Naturverbindung, Verbindung zu uns selbst, Achtsamkeit, Neugier und Kreativität.

Wenn wir unsere Beobachtungen in Worte und Bilder fassen wollen, müssen wir uns Zeit nehmen und genau hinschauen. Das entschleunigt. In diesem Raum entstehen Fragen und Neugier. Wir kommen ins Erforschen und Entdecken. Weitere Fragen entstehen. Ich fange an, in Bestimmungsbüchern und Büchern über altes Pflanzenwissen nachzuforschen. Dadurch kann eine tiefe Verbindung zu den Lebewesen, Bäumen und Pflanzen entstehen. Im Fall meiner Eibe sogar zu einem ganz bestimmten Baumwesen.

Was macht die Eibe aus?

Die Eibe ist ein verhältnismäßig kleiner oft nur strauchartiger Baum mit einer Höhe bis zu 15 Metern. Im Alter ist sie oft mehrstämmig und stark verwachsen. Trotz ihrer geringen Größe ist sie in der Kultur der Menschen schon lange – etwa bei den Kelten, Germanen und Römern – ein mächtiger, alter Kulturbaum. Meist wird ihr eine eher düstere und unheimliche Bedeutung mit einer starken Verbindung zum Tod und zur Anderswelt, der Geisterwelt, zugeschrieben. Unzählig viele Geschichten, Mythen und Legenden ranken sich um diesen Baum. Kennst du auch welche?

Giftigkeit und Bogenholz

Ein Grund für die düstere Aura, die die Eibe umgibt, ist ihre Giftigkeit. Hierauf verweist auch der lateinische Name der Eibe Taxus baccata. Unter einem Toxikum versteht man ein Pfeilgift. Und genau so wurde das Gift der Eibe (Blätterabsud) früher auch verwendet. Bis auf den fleischigen Samenmantel der roten Scheinfrüchte sind alle Bestandteile der Eibe – Rinde, Nadeln und Kerne – hoch giftig (Alkaloid Taxin und Glykosid Taxicatin). Kleinste Mengen reichen für tödliche Vergiftungen, die zu Atemlähmung und Herzstillstand führen.

An warmen Tagen kann die Eibe psychoaktive Gase mit einer haluzinogenen Wirkung freisetzen. Bereits im Märchen Jorinde und Joringel von den Gebrüdern Grimm, in Shakespeares Romeo und Julia und alten Volksweisheiten wird von solchen Erfahrungen erzählt bzw. vor längeren Aufenthalten im Eibenhain gewarnt. Dies steht im Einklang mit der Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zur Anderswelt.

Das griechische Wort Toxon bedeutet Bogen. Das harte, aber sehr flexible Holz ist seit der Steinzeit als Bogen- und Speerholz beliebt und wurde schon von den Neanderthalern verwendet. Die hohe Nachfrage, etwa für englische Langbögen, und Übernutzung wird als Grund genannt, warum die Eibe auf der roten Liste für bedrohte Arten steht. Bei den Bauern wurde sie zum Teil auch aufgrund ihrer Giftigkeit für das Vieh gefällt.

Schwellenbaum – Leben und Tod

Die Kelten glaubten, dass die langsam wachsende Eibe, das langlebigste Lebewesen der Welt sei. Es wird vermutet, dass einige Bäume mehrere Tausend Jahre alt sind. Die Eibe ist in ihrer spirituellen Bedeutung für die Kelten und Germanen ein mächtiger Schwellenbaum – an der Schwelle vom Leben zum Tod, von der sichtbaren Welt zur nicht sichtbaren Anderswelt. Der keltische Name „ivo“, „ivos“ oder „ibar“ könnte mit dem alten Wort „ewa“ oder „ewig“ verwandt sein. Nach alten Mythen öffnet die Eibe die Pforte zur Ewigkeit, indem sie den Lebenskreislauf von Entstehen und Vergehen, von Raum und Zeit durchbricht.

„Raum und Zeit sind die Bedingungen der menschlichen Identität und Wahrnehmung. (…) Sobald die Seele aber den Körper verlässt, steht sie nicht mehr unter der zweifachen Bedingung von Raum und Zeit. Die Seele ist frei da zu sein, wo immer sie zu sein wünscht.“

John O’Donohue, Anam Caram

Die Eibe ist ein Symbol für den Tod und die Ewigkeit. Dies ist der Grund, warum sie heute noch häufig rund um Friedhöfe – so in meiner Nachbarschaft um den Waldfriedhof in Köln-Dellbrück – anzutreffen ist. Die Eibe gilt als einer der heiligsten Druidenbäume. Zauberstäbe der keltischen Druiden und magische Schutzamulette sollen aus Eibenholz hergestellt worden sein. Es wird vermutet, dass der Weltenbaum Yggdrasil aus der germanischen Mythenwelt nicht eine Esche, sondern immergrüne Eibe ist. Bei den Kelten war die Eibe der Todesgöttin Morrígan gewidmet, deren dunkle Zeit mit dem keltischen Jahreskreisfest Samhain – heute Halloween – im Oktober beginnt. Zu Samhain sollen die Schleier zur Anderswelt besonders dünn sein. Die Geister können leichter in unsere Welt kommen und auch wir haben leichteren Zugang zur nicht sichtbaren Welt. Mit dem Tod des Lebens im Herbst beginnt die Zeit der Erneuerung im Verborgenen der Erde. Aus dem Samen wird in der Dunkelheit neues Licht (Wintersonnenwende) und neues Leben geboren. Hierfür steht die Verbindung des keltischen Wald-Gottes Cernunnos, mit seinem Hirschgeweih, und der Göttin der Erde Ana oder Dana. Der Samen des Waldes spendet Leben auf der Erde. Die dunkle Seite der Eibe, der Tod, ist damit als Ausdruck von Ganzheit auch mit dem Neubeginn, der Wiedergeburt des Lichtes und Leben verbunden.

Was bedeutet die Eibe für mich? Was lehrt mich meine Eibe?

Ich habe meine Eibe in unserem Garten erst spät – nach ein paar Jahren – entdeckt und wirklich wahrgenommen. Sie war zunächst versteckt zwischen einigen Fichten. Die Fichten haben die heißen, trockenen Sommer (2018, 2019 und 2020) nicht überlebt. Aber meine Eibe hat tiefe Wurzeln. Sie hat diese Zeit völlig unbeschadet überstanden. Die Eibe steht im Schatten der großen Bäume – Kirsche, Götterbaum und Tanne. Das stört sie nicht. Die Eibe muss nicht im Mittelpunkt stehen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Langsam wächst sie und trotzt schwierigen Bedingungen. Sie ist eine gute Lehrerin in Durchsetzungsfähigkeit, Gelassenheit und Bescheidenheit. Sie lehrt mich, wie wichtig es ist, gut verwurzelt zu sein, damit man sich sicher fühlen kann und Halt in schwierigen Phasen hat. Tiefe Wurzeln machen uns resilient, so dass man sich nach Zeiten der Dürre und des Mangels wieder erholen kann.

Ich mag die spirituelle Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zwischen Leben und Tod, sichtbarer und nicht sichtbarer Welt. Sie ist für mich ein Symbol für die Vergänglichkeit. Nach den Buddhisten ist die Vergänglichkeit oder Veränderlichkeit – Anicca – eines der drei Merkmale, die unser Dasein auf dieser Welt prägen. Es lohnt sich, sich immer mal wieder zu vergegenwärtigen, dass alles im Leben entsteht und vergeht. Das kann sensibel machen für die Kostbarkeit des Lebens, des Moments, einer Beziehung oder Begegnung mit einem geliebten Lebewesen. Es motiviert mich, meine Zeit für die Dinge zu nutzen, die mir wirklich wichtig sind und nicht in Streit und Trennung zu bleiben.

Gleichzeitig steht die Eibe für mich für die tiefen Wurzeln und guten Ressourcen, die man manchmal braucht, um den Schmerz und die Traurigkeit halten zu können, die beim Abschied nehmen entstehen kann. Die Eibe ist für mich eine tröstliche Erinnerung an den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen (siehe hierzu auch: Keltischer Jahreskreis – Ein europäisches Medizinrad), daran, dass sich nach dem Tod etwas Anderes auftut. Die Physik lehrt uns, dass nichts für immer verschwindet. Alles wird nur zu etwas Anderem. Das gilt auch für uns. Vielleicht hat der Tod neben all dem Schmerzhaften auch etwas Befreiendes, wenn wir nicht mehr an Raum und Zeit gebunden sind. Vielleicht ist es dann vorbei mit dem Schmerz, der durch das Raumempfinden und das damit verbundene Gefühl der Trennung entstehen kann – ich bin Anne, ich bin allein in meinem Körper, mit meiner Wahrnehmung, auf meinem Anne-Planeten. Und auch mit dem Schmerz aufgrund unseres Zeitempfindens, dass alles wieder vergeht und nichts für immer ist – auch schöne Momente, Beziehungen, körperliche Kraft mit dem Altern. Die Eibe erinnert mich tröstlich daran, dass die Toten – in welcher Form auch immer – unter uns sind.

„Auf die Frage, wohin die Seele gehe, wenn der Mensch stirbt, antwortete Meister Eckhart: An keinen Ort. Wohin sonst könnte die Seele gehen? Wo sonst wäre die ewige Welt? Sie kann nirgendwo sein als hier. Unser begriffliches Denken macht die ewige Welt fälschlicherweise zu etwas Räumlichem und rückt sie dann in unermessliche Ferne, wie irgendeine unbekannte Galaxie. Doch die ewige Welt scheint gar kein Ort, sondern vielmehr eine andere Seinsebene zu sein. Die Seele der Verstorbenen geht nirgendwohin, weil es gar keinen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnte. Dies deutet darauf hin, dass die Toten hier bei uns sind, in der Luft, durch die wir uns ununterbrochen bewegen. Der einzige Unterschied zwischen uns und den Toten ist der, dass sie sich jetzt in einer unsichtbaren Form befinden. Wir können sie mit unserem menschlichen Auge nicht sehen, wohl aber können wir die Gegenwart jener Toten spüren, die wir zur Lebzeiten geliebt haben“
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John O’Donohue, Anam Caram

Die Eibe steht für mich für Ganzheit. Ich spüre Widerstand und Angst wegen ihrer Giftigkeit. Die Eibe kann mich lehren, auch mit unseren Schattenseiten und den zerstörerischen Kräften in Kontakt zu kommen. Auch diese Seiten sind Teile von uns Menschen. Es ist eine lebenslange Übung einen Umgang mit den Schatten zu finden. Und Zerstörung hat etwas kraftvoll Reinigendes. Die Eibe erinnert daran, dass manchmal erst etwas gehen muss, damit etwas Neues entstehen kann.

In den Monaten der intensiven Beobachtung und des Nature Journaling hat sich etwas verändert – ich sehe meine Eibe mit anderen Augen, mit den Augen meines Herzens. Ich spüre eine persönliche Verbundenheit mit diesem konkreten Baum. Meinen Drillbogen habe ich den alten Traditionen folgend aus dem Holz meiner Eibe gefertigt. Dieser Bogen bedeutet mir etwas.

Quellen

Young, Jon / Hass, Ellen / McGown, Evan: Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Hillgärtner, Verena: Nature Journaling; Storl, Wolf-Dieter: Unsere fünf heiligen Bäume, S. 143 ff.; Urbanovsky, Claudia / Le Scouezec, Gwenc’Hlan: Der Garten der Druiden, S. 325 ff.; Krämer, Claus: Mythen und Sagen der Kelten, S. 90; Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden, S. 197.

Alone – Draußen schlafen in der Wildnis

In den Rauhnächten habe ich wieder eine Nacht alleine bei Minusgraden in meinem selbst gebauten Shelter in dem abgelegenen kleinen Wildnis-Gelände Ronscht in Rheinhessen geschlafen. Es war diesmal mit viel weniger Ängsten verbunden, als beim ersten Mal vor einem Jahr. Es lohnt sich, herausfordernde Dinge mehrfach zu machen. Ich durfte wieder viel über mich und die Ronscht-Wildnis lernen – diesen für mich seit meiner Kindheit besonderen und verwunschenen Ort fast unberührter Natur. Über mir hat sich die Weite des klaren Wintersternenhimmels geöffnet. Ich habe die Füchse bellen gehört und meine Jäger- und Sammlerseele gespürt, mit ihren uralten Ängsten vor der Dunkelheit. Ich habe meine inneren Prozesse im Spiegel der Natur erkannt und voller Dankbarkeit, tiefer Freude und Neugier Botschaften aus der Natur empfangen.

Die Kraft der Wiederholung

Wenn man Dinge mehrfach tut, fallen sie einem leichter. Beim letzten Mal hatte ich viele Ängste vor meiner Solo-Übernachtung in der Ronscht. Dieses Mal war es unaufgeregter, aber nicht weniger spannend. Ich lerne wieder viel über mich, meine alte Jäger- und Sammlerseele und dieses unberührte Fleckchen Wildnis.

Wer nicht frieren will, muss sich gut vorbereiten

Laubhütte undicht

Nachmittags bringe ich meine Laubhütte vom letzten Jahr in Ordnung. Sie steht immer noch ganz wunderbar, auch das Trapperbett ist noch in Ordnung. Ein Blick nach drinnen verrät aber, dass sie nicht mehr ganz dicht ist – überall scheint Licht durch. Ich fülle das Innere nochmal mit Laub und dichte auch von außen mit Laub und Rinde ab.

Natur als Spiegel unserer inneren Landschaften

Dann mache ich einen Rundgang durchs Gelände. Alles ist stark zugewachsen. Ich schlage mich durch einen mannshohen Brennnessel-Wald. Plötzlich stehe ich vor einem kleinen Rotschwanznest in einem kleinen Bäumchen. Es ist ganz nah und genau auf Sichthöhe. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, die Natur spricht mit mir. Ich erkenne meine inneren Seelenlandschaften und Botschaften aus meinem Inneren im Spiegel der Natur. Dieses Phänomen lässt sich mit dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung erklären, wonach sich meine Wahrnehmung auf das richtet und das sieht, was mich gerade beschäftigt. Das Nest ist für mich heute ein Zeichen für Sicherheit und das Gefühl, zu Hause zu sein – hier Draußen und in mir drin.

Ortskenntnis durch Fährtenlesen und Herumstromern

Ich laufe ziellos weiter, querfeldein und lasse mich von meiner Aufmerksamkeit und Neugier lenken. Ich stoße auf aufgewühlten Boden, versuche die Spuren zu lesen. Ich sehe einen Wildwechsel und ein Stück weiter eine ähnliche aufgewühlte Stelle. Ich entdecke Hufabdrücke und angeknabberte Bäumchen. Es sieht danach aus, als ob ein Rehbock hier sein Revier markiert hat. Rehe markieren ihr Revier mit Duftnoten beim sogenannten Plätzen. Dabei schlagen sie den Boden mit den Vorderhufen auf und setzen Duftmarken mit dem Duftdrüsen in den Hufen. Oft werden beim Reviermarkieren auch junge Bäumchen, wie hier, mit dem Gehörn bearbeitet, um mit den dort sitzenden Duftdrüsen weitere Reviermarken zu setzen. Spannend – das im Winter, obwohl die Paarungszeit erst im Frühjahr beginnt. Ich folge weiter den Wildwechseln durch das Dickicht. Die wildnispädagogische Kernroutine des ziellosen Herumstromerns hat eine ganze Reihe an Effekten, die die Verbindung zur Natur und uns selbst stärken. Sie fördert eine spielerische Leichtigkeit und die Verbundenheit zu einem bestimmten Ort (Ortskenntnis). Gleichzeitig lehrt sie uns, unserer inneren Stimme zu folgen. Auch das Fährtenlesen führt zu einer tieferen Verbindung zur Natur und einem bestimmten Ort – wir können entdecken, mit wem wir uns diesen Ort teilen und was diese Lebewesen hier machen: Wer wohnt hier, was macht er hier und zu welcher Jahres- und Uhrzeit?

Die eigene Komfortzone verlassen

Abends merke ich, wie sich Bequemlichkeit breit machen will. Da sind innere Widerstände und die Frage taucht auf, ob es nicht auch sehr gemütlich in einem warmen Bett wäre und ob eine Übernachtung draußen bei Minusgraden wirklich sein muss. Es ist spannend zu schauen, was mich dazu bringt, es trotz der inneren Widerstände zu tun. Vermutlich das tiefe Wissen, dass Erfahrungen nur durch Tun entstehen und ich mich weiterentwickele, wenn ich meine Komfortzone verlasse. Betrachtet man die Menschheitsgeschichte kann man ebenfalls beobachten, dass sich der Homo Sapiens in der Eiszeit – einer Zeit mit großen Herausforderungen für das Überleben der Menschen – besonders weiterentwickelt hat. Große Herausforderungen rufen nach kreativen Lösungen und neuen Herangehensweisen. Daran können wir wachsen. Die Wildnispädagogik lädt dazu ein, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen und die eigenen Grenzen zu verschieben. Und ich bemerke auch, dass mir der rituelle Rahmen – eine Solo-Nacht in den Rauhnächten als Ritual und Geschenk an mich selbst, als Zeit für Innenschau und Naturverbindung – hilft, Widerstände und Bequemlichkeit zu überwinden.

Begegnung mit den alten Ängsten unserer Vorfahren vor der Dunkelheit

An meiner Hütte am Feuer genieße ich den sternenklaren tiefschwarzen Nachthimmel. Der Mond ist noch nicht aufgegangen. Ich sehe das Feuer. Um mich herum ist es stockdunkel. Ich spüre die Ängste unserer Vorfahren vor dem, was im nicht Sichtbaren, in der Dunkelheit lauern könnte. Die Angst vor dem Unbekannten. Jedes Knacken und Geräusch regt meine Fantasie an. Ich kann diese Ängste gut halten – ich spüre, dass es unsere alten Jäger- und Sammlerängste sind – und dass diese Wachsamkeit das Überleben von uns Menschen gesichert hat. 

Vertrauen in das Licht des nächsten Tages

Nachts wache ich immer wieder auf. Ich höre Füchse bellen. Die Kälte ist kein Problem – meine Hütte und der Schlafsack halten die Wärme auch bei den Minusgraden gut. Dann sehe ich sich bewegende Lichter und bekomme Angst, ein Jäger könnte mich mit einem Reh verwechseln. Ich höre auch Geräusche. Kurz werde ich von Angst überwältigt und überlege abzubrechen. Doch dann spüre ich das tiefe Vertrauen in den kommenden Morgen und weiß, dass die Schreckgespenster in meinem Kopf in der Dämmerung wieder verschwunden sein werden. Es ist schön, dass zu spüren – denn letztlich ist es die Dezember-Energie, die unsere Vorfahren zur Wintersonnenwende gefeiert haben: Das Vertrauen in die Rückkehr des Lichts, des nächsten Tages, des Frühlings und des neuen Lebens.

Was ich von meinen Träumen lernen darf

Ich wache wieder auf und erinnere mich, dass es stark geregnet hat und ich meine Schuhe in den Shelter räumen musste. Doch dann merke ich, dass dies nur ein Traum war, der sich wie das echte Leben angefühlt hat. Ich erinnere mich, wie sehr geschützt ich mich in meinem Traum in meinem Shelter gefühlt habe und fühle mich sicher und geborgen.

Winterwunder – Schönheit und Staunen

Es dämmert und alles steht wunderschön verwunschen im Nebel. Die efeubewachsenen Bäume sehen wie uralte Gestalten aus. Als es heller wird, sehe ich dass alles von feinem Reif überzogen ist. Der Winter ist da. Die Äste haben lange feine Reif-Dornen und die indianische Clanmutter Weaves the Web und Großmutter Spinne, die mich in dem vergangenen Jahr so liebevoll und kraftvoll begleitet haben, verabschieden sich von mir mit hauchzarten, bereiften Spinnenfäden, die von den Ästen im Wind wehen. 

Unser uraltes Verhältnis zum Feuer

Es ist eisig kalt und ich bemerke den unwiderstehlichen Impuls meiner Jäger-und Sammler-Vorfahren, ein Feuer anzumachen, um mich zu wärmen.

Kraftorte

Beim Gehen verabschiede ich mich vom heiligen Walnuss-Baum mit den vielen Köpfen. Jedes Mal, wenn ich komme sind weitere Stämme umgestürzt. Bald wird nichts mehr von ihm übrig sein und ich bin gespannt, welcher Ort, welcher Stein, welcher Baum dann seinen Platz als Kraftort übernehmen wird. Zum Abschied grüßt mich die Krähe von der Clanmutter Weighs the Truth, die mich im kommenden Jahr begleiten wird.

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