Wenn ich das Trommeln des Spechts höre, halte ich inne und höre zu. Der Specht erinnert mich daran, meinem eigenen Rhythmus zu folgen.
Summary
Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Wir beobachten ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend.
Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir können näher in Kontakt kommen mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen.
Mir ging es so mit dem Specht. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln – gerade jetzt im Frühling. Manchmal sehe ich ihn, seine signalrote Färbung. Oft finde ich nur Spuren.
Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt er und mit wem? Wie fühlt er?
Die Verbindung zu anderen Lebewesen stärkt meine Beziehung zu mir selbst. Eine der spannendsten Fragen ist: Was kann ich von diesem Lebewesen und seiner Lebensweise über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste, meine Träume, meine Schwierigkeiten und Stärken?
Manchmal drängt sich eine Antwort auf, wird unausweichlich. So ging es mir mit dem Specht: Er erinnert mich an die Bedeutung von innerer Führung, an den eigenen Lebensrhythmus, an das, was in mir lebendig ist.
Mir ist die Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Diese künstliche Trennung „Mensch-Tier“ ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen.
Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Aus diesem Gefühl von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.
Der Specht ist ein faszinierendes Wesen: ein Trommler, Wegbereiter und Problemlöser. Er kann den Zustand des Inneren eines Baumes lesen. Er ist ein Frühlingsbote. Symbolisch ist er ein Grenzgänger zwischen Außen und Innen, Bewussten und Unbewussten. Seine Weisheit ermöglicht Wandlungsprozesse. Als Rhythmusgeber steht er für die Verbindung zu anderen Menschen und zu dem, was in uns lebendig ist.
Sein Trommeln lehrt mich Achtsamkeit – innehalten und dem Rhythmus meines Lebens zuhören: Was ist jetzt lebendig in mir?
Wie wir in Beziehung mit dieser Welt und ihren Lebewesen gehen können
Wenn wir anfangen, uns mehr draußen aufzuhalten, ohne Agenda und Plan, kommen wir in eine stärkere Verbindung mit unserer natürlichen Mitwelt. Die Welt, in der wir leben. Unsere Wahrnehmung schärft sich. Unsere Sinne werden aktiviert. Wir fühlen uns lebendiger. Wir nehmen mehr wahr. Wir kommen ins Beobachten, ohne, dass dies einen Zweck erfüllen muss. In unserer Leistungsgesellschaft mit permanentem Zeit- und Optimierungsdruck ist das sehr befreiend und heilsam. Was dann passiert, ist, dass wir in Beziehung kommen. Wir haben die Chance, näher in Kontakt zu kommen, mit einzelnen Pflanzen oder Lebewesen.
Mir ging es so mit dem Specht, der mir draußen an den unterschiedlichsten Orten immer wieder begegnete. Oft höre ich zuerst sein markantes Trommeln. Manchmal sehe ich ihn, erkenne ihn an der signalroten Färbung. Oft finde ich auch nur Spuren. Die Spuren des Spechts sind unglaublich vielfältig: Federn, Hackspuren, Höhlen und unterschiedlichste Fraßspuren. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das eine oder andere als Spur des Spechts erkannt habe. Ich lerne immer noch.
Wenn wir anderen Lebewesen so begegnen, tauchen Fragen auf. Echtes Interesse und Anteilnahme entstehen: Wer ist das, den ich höre und dem ich immer wieder begegne? Ist das immer wieder dasselbe Tier, derselbe Specht? Woran merke ich das? Wie lebt der Specht? Mit wem? Wie fühlt er?
Die Fragen bringen mich dann dazu, immer wieder etwas über das Tier, den Specht, in Erfahrung zu bringen, in Büchern, im Internet, in Gesprächen.
Eine der spannendsten Fragen, wenn ich mich mit anderen Lebensformen und Lebewesen beschäftige, ist die Frage: Was kann ich von diesem Lebewesen lernen? Was kann ich von der Lebensweise und Eigenart des Spechts über mich und das Leben lernen? Was spiegelt mir der Specht über mein Leben, meine Ängste und meine Träume, meine Schwierigkeiten und meine Stärken?
Diese Frage taucht bei mir meist automatisch irgendwann auf. Und manchmal drängt sich auch eine Antwort so offensichtlich auf, dass sie nicht zu übersehen ist. So ging es mir mit dem Specht, der mich an die Bedeutung von innerer Führung und dem eigenen Lebensrhythmus erinnert. Ich erlebe es so, dass die Verbindung zu und Beschäftigung mit anderen Lebewesen und meiner natürlichen Umgebung automatisch auch meine Beziehung zu mir selbst stärken.
Meine Verbindung zu Tieren: Wir sind Tiere
Mir ist die innere Haltung wichtig, mit der ich dem Leben und anderen Lebewesen begegne. Ich liebe Tiere! Besonders die wilden, nicht domestizierten. Als Kind wurde mir erzählt, Tiere seien etwas anderes als wir Menschen. Ich erinnere mich noch, dass mich das sehr irritiert hat. Ich habe es nie verstanden. Auch heute werden Tiere in unserer Gesellschaft nicht gleichwürdig mit uns Menschen angesehen. Für mich hat sich das nie wahr angefühlt. Es ist eine künstliche Einordnung in Schubladen, die in die Trennung führt. Wie tief dieses anthropozentrische Verständnis von uns Menschen als Mittelpunkt der Welt in unserer westlichen Kultur verankert ist, wird an unserer Sprache deutlich. Wir sprechen häufig von „Menschen und Tieren“. Vom Begriff des „Tieres“ fühlen wir uns wohl nicht mitumfasst oder müssen uns jedenfalls abgrenzen. Ich denke, dass es genau diese Trennung ist, die es uns ermöglicht und rechtfertigt, wie wir in unserer westlichen Gesellschaft mit Tieren umgehen. Wenn ich draußen bin, kann ich meine Tierinstinkte mit jeder Faser meines Körpers spüren. Das ist besonders dann der Fall, wenn meine Sinneswahrnehmung hoch aktiviert ist, wie beim Schleichen im Wald mit verbundenen Augen oder nachts allein im Wald.
Aus diesem Gefühl und Verständnis von Gleichwürdigkeit heraus, beobachte und interessiere ich mich für andere Tiere, so auch für den Specht.
„Wir Menschen und Tiere teilen uns unseren Planeten Erde mit Millionen von Lebewesen, eines faszinierender als das andere. Alle Lebewesen bestehen aus Atomen und Molekülen. Zusammen bilden wir ein geordnetes Gefüge und stehen in steter Verbindung mit unserer Umgebung. Wir alle atmen und leben unter gleichen Bedingungen, weil wir alle von unseren natürlichen Ressourcen abhängig sind. Jedes (Lebewesen) verdient Bewunderung. Mutter Natur hat jedes Lebewesen mit einer Seele ausgestattet. Unsere Seele macht uns einzigartig. Sie überwindet die Grenzen und Unterschiede zwischen den Arten. Wer der Seele lauscht, wird von Verständnis, Mitgefühl und Respekt erfüllt.“
Pablo Salvaje Vom Leben der Tiere, Wie sie handeln, was sie fühlen.
Tiere als Lehrer
Wir können viel von anderen Tieren über uns selbst und das Leben lernen, wenn wir sie beobachten, etwas über ihre Lebensweise erfahren, uns in sie hineinversetzen, wie sie denken, wie sie fühlen.
Schon von alters her haben Menschen sich in Tiergestalten verwandelt – in vielen alten Geschichten und Sagen oder mittels Masken und Tierverkleidungen. In der Mythologie stehen Tiere oft als Symbol für verschiedene Aspekte des Menschen. Tiere können Lehrer für uns sein, die uns in unserer individuellen Entwicklung helfen können. Sie können uns auf bestimmte Qualitäten, Verhaltens- oder Lebensweisen aufmerksam machen, die gerade gut für uns wären oder uns nicht guttun. Sie können uns Wahrheiten über uns selbst und unser Leben spiegeln. Wir können von ihnen etwas über Beziehung lernen, zu anderen Lebewesen, zu Orten und zu nicht belebten Lebensformen.
In vielen alten Geschichten und Mythen haben Tiere diese Rolle als Lehrer oder Helfer. Die Germanen und nordamerikanischen Indianer haben besondere Tiere, Kraft- oder Medizintiere, die Menschen oder auch Familienclans beistehen. Die keltischen Druiden und Helden konnten oftmals in Tiergestalten die Grenze zur nicht sichtbaren Anderswelt überschreiten. Bei den Griechen und Römern verwandelten die Götter sich immer wieder in Tiere, meist zur Tarnung, um das tun zu können, was ihnen ansonsten nicht möglich gewesen wäre.
Nach C.G. Jung erscheinen in Märchen häufig bestimmte Archetypen in Gestalt von Tieren, denen bestimmte Charaktereigenschaften oder Kräfte zugesprochen werden. Nach Jung drückt sich die Seele, die tiefste Ebene des Bewusstseins, häufig durch solche Bilder und Symbole aus. Das Symbol weist nach Jung über sich selbst hinaus auf einen noch nicht bewussten, noch nicht in Worte zu fassenden, geahnten Sinn. Symbole können eine wichtige Bedeutung für unsere Entwicklung haben, weil sie uns helfen können, unsere inneren Erlebnisvorgänge besser zu verstehen.
Für mich ist der Specht ein besonderes Wesen, das mich seit einigen Jahren intensiv begleitet. Sein Körperbau, seine Fähigkeiten, seine Lebensweise, seine Intelligenz und seine Symbolkraft faszinieren mich.
Lebensweise und Biologie des Spechts: Trommler, Wegbereiter und Problemlöser
Weltweite Verbreitung – Artenvielfalt der Spechte
Spechte (lat. Familienname: Picidae) sind mit mehr als 250 Arten eine sehr artenreiche Vogelfamilie. Sie sind fast weltweit zu finden – mit Ausnahme von Australien, Neuseeland und Polynesien.
In Europa gehört der Buntspecht zur häufigsten Spechtart. Er gehört nicht zu den gefährdeten Arten, seine Bestände wachsen leicht. Deswegen können wir ihm häufig begegnen. Der Buntspecht ist etwa 23 cm groß. Man erkennt ihn am schwarz-weiß gemusterten Gefieder, den zwei großen weißen Flügelflecken und der roten Unterschwanzdecke. Männchen haben am Hinterkopf einen roten Fleck, Jungtiere einen roten Scheitel.
Trommler des Waldes
Der wissenschaftliche Name des Buntspechts „Dendrocopos major“ kann mit „großer Baum-Hämmerer“ übersetzt werden. Der Körperbau des Spechts ist ideal an das Klettern am Baumstamm, Trommeln auf Holz und Hacken von Bruthöhlen in Bäume angepasst. Das schützt den Specht beim Hacken und Trommeln vor einer Gehirnerschütterung. Das ist nötig, denn beim Trommeln und Hacken wirken enorme Kräfte von bis zu 25 km/h. Der starke, meißelförmige Schnabel federt die Kraft des Schlages ab. Eine verstärkte Knochenstruktur und abfedernde Muskeln zwischen Schnabel und Schädel wirken wie Stoßdämpfer.
Der Specht hat zwei nach vorne und zwei nach hinten aufgespreizte Füße mit kräftigen Krallen, die ihm das Klettern und Trommeln am Baum erleichtern. Mit seiner steifen Schwanzspitze kann er sich beim Klettern wie mit einer Art „drittes Bein“ abstützen.
Spechte lesen den inneren Zustand des Baums
Spechte können den inneren Zustand des Holzes außerordentlich gut mit einer Kombination von zwei Sinnen erfassen. Zum einen hören sie, wie der Schlag klingt. Zudem erspüren sie mit Sensoren im Schnabel den Druck und die Vibration des Schlags auf das. Sie fühlen, wie der Schlag federt. Auf diese Weise erkennen sie, ob das Innere des Holzes gesund oder morsch ist, ob es Hohlräume und Insektenbefall gibt und, ob die Struktur dichter oder lockerer ist. Das hilft ihnen, den Energieaufwand bei Nahrungssuche, Höhlenbau und Trommeln gering zu halten.
Trommeln ist die Sprache der Spechte
Spechte trommeln nicht nur, um Nahrung zu finden oder Höhlen zu bauen. Trommeln ist die Sprache der Spechte. Jede Spechtart und sogar jeder einzelne Specht hat seine ganz eigene Signatur in Rhythmus, Länge, Schlagzahl und Schlagfrequenz. Weibchen trommeln in der Regel etwas kürzer als Männchen. Trommeln dient unter anderem der Partnerwerbung, Paarbindung und Revierabgrenzung. Besonders oft trommeln Spechte daher zur Paarungszeit im Vorfrühling von Februar bis März.
Das Trommeln ist aufgrund der Lautstärke und Reichweite eine auch auf weite Entfernungen deutlich wahrnehmbare Form der Kommunikation. Zum Trommeln sucht sich der Specht gezielt laut klingende Resonanzkörper, wie hohle Äste, aber auch Laternenpfähle und Dachrinnen.
Wegbereiter für andere – Lebensraum und ökologische Bedeutung
Spechte können sich gut an verschiedenste Lebensräume anpassen. Was sie brauchen, sind alte Bäume und Totholz. Sie kommen daher nicht nur in Wäldern, sondern auch in naturnahen Parks und Gärten vor. In meinem Garten besucht mich regelmäßig sowohl der Bunt-, als auch der Grünspecht.
Der Specht ist ein Wegbereiter für viele andere Tierarten. Spechte bauen viel mehr Höhlen, als sie brauchen. Meist nutzen Spechte eine Höhle nur ein einziges Jahr. Verlassene Spechthöhlen werden als Wohnräume von verschiedensten Tierarten genutzt – so von anderen Vögeln wie Kleiber, Meise, Taube und Kauz, aber auch von Fledermäusen, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Bienen oder anderen Insekten. Damit sorgt der Specht für Lebendigkeit und mehr Artenvielfalt im Wald.
Lebensweise im Rhythmus der Jahreszeiten
Spechte brüten im Frühjahr (April bis Juni). Meist bilden Weibchen und Männchen für eine Brutsaison ein Paar und leben danach als Einzelgänger. Die Bruthöhle liegt 20-50 cm tief in weichem Holz. Das Gelege von von 3-7 weißen Eiern wird von beiden Eltern ungefähr zwei Wochen lang abwechselnd bebrütet. Die Jungen kommen nackt als Nesthocker oder Nestlinge zur Welt. Nach dem Schlüpfen müssen sie von den Eltern noch 3-4 Wochen lang rund um die Uhr versorgt werden. Ende Mai bis Juni werden die Jungspechte dann flügge.
Werkzeugbauer und Problemlöser
Buntspechte ernähren sich überwiegend von Insekten, Samen oder Früchten. Dabei nutzen sie ihre lange Zunge mit Widerhaken, um Insekten und Larven aus Spalten oder Löchern im Holz zu holen. Der Specht ist außerordentlich kreativ und erfinderisch bei der Nahrungsbeschaffung.
Im Frühjahr zapft der Specht die im Frühling aufsteigenden nahrhaften Baumsäfte junger Bäume an, indem er ringsum den Stamm Löcher hackt (sog. Ringeln). Daher kommt der Name Schluckspecht. Auch andere Tiere nutzen diese Zapfstellen, um im Vorfrühling an Nahrung zu kommen.
Im Winter reagiert der Specht intelligent auf das reduzierte Nahrungsangebot. Er baut sich Werkzeuge, um an große Mengen von fetthaltigen Samen aus Tannen- und Kiefernzapfen zu kommen. Dazu klemmt er einen Zapfen in einen Spalt im Holz oder zwischen Äste. In diesen sogenannten Spechtschmieden kann er die Samen schnell und effektiv herauslösen. Manchmal zimmert sich der Specht mit seinem Meißelschnabel sogar selber eine Schmiede. Die Schmieden erkennt man oft an der Vielzahl an Zapfenschuppen am Boden.
Der Specht als Spiegel der Seele – Symbolik und alte Mythen
Da der Specht fast überall auf der Welt vorkommt und sowohl optisch, als auch akustisch ein auffälliger Vogel ist, gibt es überall auf der Welt zahlreiche unterschiedliche alte Geschichten, in denen der Specht vorkommt. Angesichts der Fülle an Geschichten beschränkt sich mein Beitrag auf die Bereiche der Wandlungsprozesse, den Specht als Rhythmusgeber und Hüter von verborgenem Wissen.
Wandlungsprozesse
Der Specht ist ein Symbol der Verwandlung, der als Hinweis auf Wachstums- und Veränderungsprozesse gedeutet werden kann.
Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen es um eine äußerliche Verwandlung von Menschen in Spechte geht. Im Vordergrund für die Gestaltwandlung steht häufig das Motiv der Rache bzw. Strafe. In der römischen Mythologie wird der König und Seher Picus (übersetzt: Specht) von der Zauberin Circe in einen Specht verwandelt. Circe rächt sich damit an Picus, weil er ihren Annäherungsversuchen aus Treue zu seiner Frau Canens, der Nymphe, widersteht. Das Motiv der Gestaltwandlung als Strafe gibt es auch in einer norwegischen Geschichte. Die Frau Gertrude wird als Mahnung für ihren Geiz in einen Specht verwandelt. Nur ihre rote Haube bleibt ihr als Erkennungszeichen.
Der rote Fleck am Hinterkopf der Männchen kann als sichtbares Anzeichen für das Überschreiten einer Schwelle oder Grenze gedeutet werden. In der europäischen Symbolgeschichte, wie etwa in dem Märchen Rotkäppchen, steht die Farbe Rot für ein solches sichtbares Grenzzeichen. Das Rot zeigt an, dass die Grenze der bekannten und sicheren Welt verlassen wird und nun der Weg in den Bereich des Unbewussten oder Unbekannten – im Märchen der Wald – ansteht. Inneres und äußeres Wachstum finden außerhalb der bekannten Komfortzone – im dunklen Wald – statt. Man begibt sich auf unbekanntes, unsicheres und deswegen vielleicht auch ein wenig gefährliches Terrain. Rot zeigt symbolisch solche Wachstumsprozesse, eine Prüfung und Initiation in ein neues Ich an. Rotkäppchen ist eine Geschichte über die Pubertät und das Erwachsenwerden. Sie verlässt die Mutter, um im dunklen und gefährlichen Wald erwachsen zu werden. Ihr altes kindliches Ich wird vom Wolf verschlungen, um neu zurück in die Welt zu kommen. Beim Specht hat die rote Haube auch evolutionsbiologisch eine echte Signalwirkung. Sie zeigt an, dass das Männchen in einem guten Fitnesszustand und ein guter Fortpflanzungspartner ist.
Rhythmusgeber
Das deutlich wahrnehmbare Trommeln des Spechts ist ein Symbol für Rhythmus. Rhythmus hat verschiedene kulturelle, psychologische und biologische Bedeutungen, Funktionen und Wirkungen.
Lebensrhythmus und Strukturierung von Zeit
Das gleichmäßige, rhythmische Trommeln des Spechts legt Assoziationen zum Herzschlag und damit zum Lebensrhythmus nahe. Rhythmus gibt die notwenigen Impulse, Sicherheit und Struktur vor, um leben und tanzen zu können. Die Erde und der Mond drehen sich in ihrem eigenen Rhythmus. Die Jahreszeiten und jedes Lebewesen hat seinen eigenen beständigen Rhythmus. Er gibt alles vor. Das Leben bewegt sich im eigenen Rhythmus von Entstehen und Vergehen, Ruhe und Aktivität.
Rhythmus strukturiert Zeit. Es gibt Belege in Europa aus dem Mittelalter, die den Specht in solchen Zusammenhängen zeigen. In Europa war der Specht in älteren Zeiten ein Zeitmarker für den phänomenologischen Frühlingsbeginn. Der phänomenologische Frühlingsbeginn orientiert sich anders als der kalendarische (Orientierung an einem festen Datum: 21. März) oder astrologische Frühlingsbeginn (Orientierung an astronomischen Ereignissen: Frühjahrs-Tagundnachtgleiche) an den Vorgängen in der Natur, dem Rhythmus der Pflanzen und Tiere, die sich stärker am Wetter und den Temperaturen orientieren. Das Trommeln des Spechts ist verstärkt nach dem Winter zur Balzzeit im Februar und März zu hören. Es markiert den phänomenologischen Vorfrühling. Für die Menschen früher strukturierte der Specht damit den Jahreszeitenzyklus und war gerade in landwirtschaftlich geprägten Gegenden ein wichtiger Anzeiger für die natürlichen Kreisläufe in der Natur. Der Specht kennzeichnet auch hier einen Wandlungsprozess, nämlich den natürlichen Übergang vom Winter zum Frühling.
Gemeinschaftsbildung, Spiritualität und Therapie
Rhythmus ist in der Kulturgeschichte der Menschen seit jeher verankert. Die ältesten Funde von Instrumenten sind Rhythmusinstrumente, wie Klanghölzer, Rasseln und Trommeln. Rhythmus hat bei Tieren und Menschen eine soziale Funktion als nonverbale Kommunikation, aber auch eine körperliche und neurologische Wirkung auf Körper, Gehirn, Nervensystem und Psyche. Rhythmus kann die Funktion der Kommunikation, der sozialen Bindung und Gemeinschaftsbildung, aber auch der Abschreckung oder Einschüchterung haben. In der Kulturgeschichte der Menschen stärkt Rhythmus das Gruppenerleben und den sozialen Zusammenhalt durch emotionale Synchronisation oder gemeinschaftliche Ekstase. Die Gefühle von Menschen, die im selben Rhythmus musizieren, nähern sich aneinander an. Ein Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit entsteht. Rhythmus hat eine große Bedeutung als künstlerisch-musikalischer Ausdruck und im religiösen Kontext (Ritualgestaltung, Trance, Schamanentum). Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die gemeinsam im Rhythmus trommeln, schneller Vertrauen aufbauen und besser kooperieren.
Die Bedeutung von Rhythmus in der menschlichen Kulturgeschichte ist nicht verwunderlich, wenn man darauf schaut, welche neurologischen und psychologischen Effekte Rhythmus bei der Regulation von Emotionen und der Beruhigung des Nervensystems hat. Dabei kann man sowohl eine Angleichung der Atmung, Herzfrequenz und Gehirnwellen von mehreren Menschen beobachten, die im selben Rhythmus musizieren. Rhythmische Aktivitäten haben aber auch regelmäßig eine beruhigende und stabilisierende Wirkung auf das Individuum. Rhythmus synchronisiert die Gehirnwellen, Atmung und die Herzfrequenz und wird therapeutisch zur Beruhigung eingesetzt. Babys reagieren bereits im Mutterleib stark auf den mütterlichen Rhythmus von Herz, Atem und Schritten.
Hüter von verborgenem Wissen
Ein wiederkehrendes Motiv in den Mythen verschiedener Kulturen ist der Specht als Öffner von verborgenen Räumen und Hüter von Wissen.
Im mitteleuropäischen Kulturraum gibt es nach Jacob Grimm viele ähnliche Überlieferungen, in denen Menschen ein Spechtloch versperren, damit der Specht ihnen das magische Springwurz bringt. Mithilfe des Springkrautes können Hindernisse geöffnet oder gesprengt werden, etwa eine Höhle im Berg oder ein Zugang zu einem verborgenen Schatz. Der Specht verfügt in diesen Überlieferungen über geheimes Schlüssel- und Schwellenwissen. Er ist es, der die geheime Pflanze kennt, mit deren Hilfe man an den verborgenen Schatz im Inneren kommt. Der Mensch braucht den Specht als Schlüsselwesen, der zwischen der äußeren Welt und dem inneren Schatz, vermittelt. Die Rolle des Spechts als Hüter des verborgenen Wissens und Vermittler zwischen Außen und Innen korrespondiert mit seiner biologischen Fähigkeit als Höhlenbauer, der das Innere des Holzes mit Schnabelsensor und Gehör genau kennt.
Außerhalb Europas finden sich Mythen mit einer ähnlichen Symbolik. Bei den nordpazifischen Native Americans kennt der Specht das Geheimnis des Feuers, dass er den Menschen gegen den Widerstand der Götter bringt. Als Strafe dafür, wird er mit dem roten Kopf gekennzeichnet. Die Geschichten sind zwar unterschiedlich, das Motiv des Spechts als Hüter des geheimen Schatzwissens ist aber ähnlich. Der Specht als Grenzgänger zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt verhilft den Menschen zum Schatz, dem Feuer.
Im übertragenen Sinn ist der Specht in diesen Geschichten ein Vermittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen der inneren und der äußeren Sphäre, der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Das passt zur Symbolik von Vögeln im sibirischen Schamanentum. Vögel sind danach Hilfswesen, die dem Schamanen den magischen Flug in den Himmel ermöglichen. Sie werden als passenderweise als Grenzgänger zwischen der wahrnehmbaren Wirklichkeit und der unsichtbaren Geisterwelt angesehen. Die Kostüme der sibirischen Schamanen ahmen häufig Vögel nach. Der Schamane verwandelt sich so in einen Vogel und wird selbst zum Grenzgänger. Hier liegt die Assoziation nahe, dass der Specht mit dem Trommeln einem Schamanen gleich Kontakt zur verborgenen Geisterwelt aufnimmt. Diese Geisterwelt existiert in gewisser Weise in Form des Unbewussten und Unbekannten in jedem von uns.
Passend zu dieser Symbolik war der Specht (lateinisch Picus) für die Römer der heilige Vogel des Kriegs- und Landwirtschaftsgottes Mars. Der Specht spielte als Orakelvogel eine besondere Rolle bei der Weissagung in Form des Vogelflugs (Augury). Die Augury war im römischen Reich eine offizielle religiöse Praxis, bei der aus der Natur in Form des Vogelverhaltens der göttliche Wille rituell gelesen wurde. Auch hier öffnet der Specht den Zugang zum Unsichtbaren, zur unbekannten Zukunft, zum göttlichen Willen und Schicksal.
Was der Specht mir bedeutet…
Wie der Specht in mein Leben kam
Der Specht begleitet mich schon viele Jahre intensiv. In meinem Garten habe ich immer wieder schwarze Federn mit weißen Punkten gefunden. Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Federn, dem auffälligen Muster. Lange habe ich nicht gewusst, dass diese Federn vom Specht stammen.
Auf einem Naturgang vor einigen Jahren hatte ich dann in der Morgendämmerung eine sehr besondere Begegnung mit einem Specht. Ich lief ziellos durch den Wald, bis ich auf eine Spechthöhle in einem Baum aufmerksam wurde. Diese Höhle zog meine Aufmerksamkeit stark an. Ich setzte mich dann gegenüber der Höhle mit dem Rücken gegen einen anderen Baum gelehnt. Plötzlich spürte und hörte ich in meinem Körper, wie ein Specht an meinen Baum hämmerte.
Der Specht hat mir an diesem Morgen die Botschaft gebracht, dass ich auf den Rhythmus meines Lebens hören soll. Er erinnert mich seitdem daran, im Rhythmus meines Lebens zu leben. Er hat mir Vertrauen gegeben, dass ich den Rhythmus meines Lebens hören und spüren kann, wenn ich lausche. Der Specht ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.
The Journey One day you finally knew what you had to do, and began, though the voices around you kept shouting their bad advice – though the whole house began to tremble and you felt the old tug at your ankles. „Mend my life!“ each voice cried. But you didn’t stop. You knew what you had to do though the wind pried with its stiff fingers at the very foundations, though their melancholy was terrible. It was already late enough, and a wild night, and the road full of fallen branches and stones. But little by little as you left their voices behind, the stars began to burn through the sheets of clouds, and there was a new voice which you slowly recognized as your own, that kept you company as you strode deeper and deeper into the world, determined to do the only thing you could do – determined to save the only life you could save.“
Mary Oliver, A Thousands Mornings: Poems
Seit diesem Morgen habe ich eine ganz besondere Beziehung zum Specht. Ein paar Wochen später konnte ich an derselben Stelle aus nächster Nähe eine Kleiberfamilie beobachten, die in der Höhle ihre Jungen aufzog. Das war eine sehr berührende Erfahrung. Ich begegne auch dem Specht immer wieder. Mal kreuzt er direkt meine Strecke beim Laufen im Wald. Ich höre ihn immer wieder trommeln. Manchmal folge ich dem Trommeln. Ich finde Spechtfedern und Hackspuren. Seine Botschaft wirkt machtvoll in mir!
Was der Specht mich lehrt
Der Specht lehrt mich wichtige Qualitäten und Fähigkeiten, um mich kraft- und vertrauensvoll, lebendig und authentisch durch mein Leben zu begleiten. Er ist mein Lehrer für eine gute innere Führung.
Achtsamkeit: Innehalten und Präsenz
Der Specht erinnert mich mit seinem Trommeln, innezuhalten und präsenter bei mir und in der Welt anzukommen. Oft habe ich plötzlich das Klopfen des Spechtes gehört und erstmal gestoppt. Das Innehalten ermöglicht es mir besser zuzuhören.
Meiner inneren Stimme zuhören
Der Specht erinnert mich daran, ins Innere zu spüren.
Was ist jetzt in diesem Moment gerade lebendig in mir?
Was fühle ich? Welche Gedanken, Wünsche und Träume sind da?
Welchen Lebewesen, Qualitäten und Aufgaben will ich in meinem Leben Raum geben?
Was möchte ich jetzt in meinem Leben leben, entwickeln und erschaffen?
Es braucht Achtsamkeit und Mut, hinzuspüren und mich meinen inneren Hindernissen, Ängsten und Zweifeln zu stellen. Und es gehört Authentizität, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit dazu. Der Specht ist für mich ein Öffner zu meinen versteckten inneren Räumen. Er erinnert und ermutigt mich, meiner inneren Stimme zuzuhören. Der Specht mit seiner Fähigkeit als Problemlöser, Erfinder und Werkzeugbauer erinnert mich daran, mich dabei von Erwartungen, Konzepten und Vorstellungen zu lösen und mich unbefangen und mit spielerischer Neugier zu öffnen für die Möglichkeiten im Leben, die sich mir immer wieder anbieten – auch wenn ich mir ursprünglich etwas Anderes vorgestellt habe (out of the box-Denken).
„Wenn wir in unseren Meinungen etwas weniger festgefahren sind, können wir den Rhythmus des Lebens hören.“
Unbekannt
Im Rhythmus meines Lebens leben
Das kraftvolle, rhythmische Trommeln des Spechts erinnert mich daran, mich und meine Bedürfnisse, meine Träume, Visionen und Wünsche ernst zu nehmen. Es ist wichtig, dass ich im Rhythmus meines Lebens lebe. Der Specht erinnert mich an meine Willenskraft und Durchsetzungskraft, an meine Bereitschaft, meine Komfortzone zu verlassen.
Gleichzeitig lehrt mich der Specht Geduld. Ich darf meinen Lebensweg in meinem eigenen Tempo und Rhythmus gehen. Alles braucht die Zeit, die es braucht. Entwicklungsschritte können nicht einfach übersprungen werden. Manchmal wird eine Baumhöhle erst im nächsten Jahr oder nie fertig.
Ich brauche die rhythmische Wiederholung, die wiederholte Erinnerung des Spechts, um immer wieder auf meinen eigenen Weg und in Verbindung zu mir zu kommen. Der Specht stärkt mein Vertrauen in mein inneres Wissen.
„We need to come home to the temple of our senses. Our bodies know they belong to life, to spirit. It‘s our minds that make our life’s so homeless. Guided by longing, belonging is the wisdom of rhythm. When we are in rhythm with our own nature, things flow and balance naturally.“
Meine Beziehung zum Karneval ist ambivalent – I love it and I hate it at the same time.
Mich fasziniert seine archaische Kraft: die Möglichkeit zur Verwandlung, das Eintauchen in eine andere Wirklichkeit, das Spiel mit Identitäten und die Erfahrung von Gemeinschaft. Karneval hat uralte Wurzeln. Alte Fastnachtsbräuche beschränken sich nicht nur darauf, mit wildem Treiben und Umzügen den Winter auszutreiben und das neue Leben zu erwecken. Es ging auch darum, für kurze Zeit die gewohnte gesellschaftliche Ordnung aufzuheben und Kontakt zu einer inneren, wilden Seite des Menschseins, unserer Tierseele, aufzunehmen. Tiermasken und Verkleidungen spielten dabei seit altersher eine große Rolle dabei.
Gleichzeitig sehe ich die Schattenseiten des heutigen Karnevals sehr deutlich: Sexismus, Rassismus, postkoloniale und patriarchale Strukturen, Kommerzialisierung, enthemmten Konsum sowie Aggression und Grenzüberschreitungen. Vieles, was als „Tradition“ gilt, reproduziert Machtverhältnisse und verletzt die Würde marginalisierter Gruppen.
Zugleich wird Karneval zunehmend zu einem Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel. Aktivist*innen und öffentliche Debatten machen Diskriminierung sichtbar und stellen die Frage, welche Formen von Humor, Kostümierung und Brauchtum heute noch verantwortbar sind.
Für mich persönlich ist Karneval ein Übungsraum: für Selbstreflexion, für den bewussten Umgang mit eigenen Privilegien und für die Bereitschaft, dazuzulernen. Karneval ist auch ein Feld, auf dem ich übe, wie ich mit für mich schwer erträglichen Meinungen umgehen kann. Angesichts der Spaltung in unserer Gesellschaft interessiert mich, wie ich klare Grenzen ziehe und vermeide, mich in einem „Recht haben wollen“ zu verhärten. Spaltung können wir nur überwinden, wenn wir es schaffen, mit dem Menschen jenseits der Position in Kontakt zu bleiben.
Vorchristliche Wurzeln
Skulptur von Jeffrey Gibson, Amerikanischer Pavillion, Biennale Venedig 2024
Feste, an denen die gewohnte Ordnung einer Gesellschaft außer Kraft gesetzt wird und bestehende Verhältnisse umgekehrt werden, sind sehr alt und finden sich überall auf der Welt. Mächtige werden ohnmächtig – Unterdrückte übernehmen die Herrschaft, Frauen werden Männer – Männer werden Frauen, Starke werden schwach – Schwache stark. Hässliche werden schön – Schöne hässlich. Die bestehenden Regeln werden für kurze Zeit „verrückt“ und außer Kraft gesetzt. Die Ordnung der Welt spielt verrückt.
Bereits vor rund 5000 Jahren wurden in Mesopotamien Feste gefeiert, in denen für eine kurze Zeit die Bauern mit den Herrschern auf einer Stufe standen. Ob das Wort Fastnacht auf das vorchristliche Fest zur Wiedererweckung der Fruchtbarkeit, die Faselnacht, zurückgeht oder auf die am Aschermittwoch beginnende christliche Fasten-Zeit (Abend vor dem Fasten – mittelhochdeutsch Vastnaht), lässt sich nicht eindeutig klären. „Karneval“ könnte als carne vale – Abschied vom Fleisch ebenfalls einen Bezug zur christlichen Fastenzeit oder sogar bereits dem römischen Reinigungsfest Februa haben. Fest steht, dass sich an Karneval viele heidnische und christliche Bräuche vermischen.
Zugang zu anderen Welten
Das Gewohnte, der Norm entsprechende, verliert seine Gültigkeit. Die Welt außerhalb der Grenzen des Wahrnehmbaren wird sichtbar, spürbar und erlebbar. Eine verrückte Welt der Geister und alten Mächte. Die Perspektive auf das Gewohnte und Alltägliche verändert sich. Wer die Grenzen des Gewohnten überschreitet, nimmt Kontakt auf zu einer anderen Ebene des Bewusstseins, zur Anderswelt. Wir können in Verbindung kommen mit Mächten und Kräften, die es im alltäglichen Bewusstsein nicht gibt. Für eine kurze Zeit scheint alles denkbar, alles möglich.
Perspektiv-Wechsel
Masken und Verkleidungen spielen zur Fastnachts-Zeit eine zentrale Rolle. Jeder kann in eine andere Identität und Rolle schlüpfen und die Welt aus dieser Perspektive betrachten. Die Verkleidung kann dabei helfen. Mit einer Maske sind ganz neue und andere Erfahrungen möglich.
Wir können auf spielerische Art und Weise erfahren, dass es nicht die eine Identität gibt. So geht auch die buddhistische Lehre davon aus, dass es nicht die eine feststehende Identität, das eine feste Selbst gibt (Prinzip des Anatta – „Nicht-Selbst“). Nach dieser Vorstellung kann man das Selbst als Prozess verstehen, der wie alle anderen Lebewesen, Dinge und Phänomene ständiger Veränderung unterworfen ist (Prinzip des Anicca – Veränderlichkeit). Wir können das im Alltagsleben gut beobachten. Wir haben unterschiedliche Identitäten oder Rollen bei der Arbeit, als Tochter bzw. Sohn, als Eltern, als Partnerin oder Partner, in Freundschaften, im Supermarkt, beim Arzt. Das kann man beliebig weiter denken. Wenn wir zu stark mit bestimmten Rollen identifiziert sind, kann uns das einengen, lähmen und schmerzhaft sein. Wenn wir beispielsweise Glaubenssätzen anhängen, wie: „Ich bin immer die, die…“ oder „ich bin nicht gut genug“ oder „ich muss, so sein oder dass machen“. In diesen Momenten kann uns das Konzept von Anatta helfen, uns aus einengenden Identitäten zu befreien. Wir dürfen uns klar machen, dass das nur Geschichten sind, die wir uns über uns selbst erzählen. Wir sind immer auch mehr und etwas anderes. Ich bin nicht nur die, die Angst hat. Ich bin auch die, die mutig ist. An Karneval haben wir spielerisch und voller Leichtigkeit die Möglichkeit, nach außen sichtbar beengende Identitäten abzulegen und in die Rolle zu schlüpfen, die wir gerne wären.
Und unabhängig von begrenzenden Identitäten ist jeder Perspektiv-Wechsel auch mit Öffnung für andere Sichtweisen und Lernen verbunden. Wenn wir in eine andere Rolle schlüpfen, haben wir die Gelegenheit die Welt mit anderen Augen zu sehen. Es ist immer eine Bereicherung, sich vorzustellen, wie die Welt für einen anderen ist. Wie ist ein Frau zu sein, wie ist es ein Mann zu sein? Wie fühlt es sich an, ein Tier zu sein? Wie denkt ein Wolf?
Tiermasken – Verbindung zur Tierwelt
Höhlenmalerei, Lascaux, Frankreich
In vielen alten Kulturen spielen Tiermasken eine wichtige Rolle. Um in die Perspektive des Tieres zu schlüpfen, an der Kraft des Tieres teil zu haben und mit dessen spiritueller Ebene Kontakt aufzunehmen. Die Verbindung von Menschen und Tieren ist in allen naturspirituellen Vorstellungen eng. Die aufwändigen und sehr naturgetreuen Malereien der Steinzeitmenschen (siehe oben Höhle von Lascaux in Frankreich) zeigen fast ausschließlich Tiere. Die Germanen gingen davon aus, dass sich ein Teil der menschlichen Seele in einem Tiergeist verkörperte. Tiergeister und Totemtiere, die Menschen und ganze Clans beschützten und ihnen bestimmte Eigenschaften verliehen, gehörten zur Vorstellungswelt der amerikanischen Kulturen. Ähnliche Vorstellungen gab es auch in Europa. Tiere wurden als Lehrer:Innen angesehen, die bestimmte Kräfte oder eine bestimmte Weisheit (Tier-Medizin oder Tierkraft) vermittelten.
Verwandlungen von Menschen in Tiere sind unter anderem in der germanischen, der keltischen, der römischen, griechischen und ägyptischen Mythologie häufig zu finden. Und umgekehrt nahmen die Götter oft Tiergestalt an. Bei den Kelten ist der Mythos des Gestaltwandlers ein zentrales Element. Cernunnos der Gott der Erneuerung und Wiedergeburt trat beispielsweise häufig als Hirsch in Erscheinung. Das Abwerfen des Geweihs steht für die fortwährende Wiedergeburt. Kriegsgöttinnen konnten die Gestalt von Raben oder Krähen annehmen, um die Seelen der Toten fortzutragen. Auch in der mitteleuropäischen Märchenwelt, die vorchristliche Wurzeln hat, sind solche Verwandlungen häufig zu finden. Im Märchen von den sechs Schwänen werden die Königssöhne von der bösen Stiefmutter in sechs Schwäne verwandelt. In Schneeweißchen und Rosenrot ist der Königssohn in einen wilden Bären verwandelt. Der Bär steht für Kraft und Fruchtbarkeit. Er ist ein Sonnentier, ein Beschützer. Tiergestalten spielen in den Märchen häufig eine besondere Rolle, wie in dem Froschkönig, dem gestiefelten Kater oder der Wolf in Rotkäppchen. Wölfe stehen in vielen Kulturen für die Wachstums- und Lebenskraft. Die Begegnung von Rotkäppchen mit dem Wolf kann auch als Initiation in das Erwachsenen-Dasein gesehen werden. Sie kann für die Begegnung mit der wilden Lebenskraft und Befreiung aus engen Familienverhältnissen stehen.
Diese Geschichten zeigen die Verbundenheit und Neugier, die der Mensch immer schon gegenüber anderen Lebewesen hatte. Es kommt hier auch der Wunsch zum Ausdruck, die besonderen Kräfte anderer Spezies zu teilen. Seit altersher stellten Tier- und Dämonenmasken das Mittel dar, mit dem die jeweilige Tier-Energie gerufen und verkörpert wurden. Tier- und besonders Vogelmasken waren für Schamanen ein Mittel, um mit der Unterstützung und Kraft des Tieres in die Geisterwelt zu reisen. An Karneval können wir uns an diese uralte Verbindung des Menschen mit den Tieren erinnern.
Raum für die wilde, ungezähmte Seite in uns
Fastnachts-Bräuche beschränken sich nicht nur darauf, mit wildem Treiben und Umzügen den Winter auszutreiben und das neue Leben zu erwecken. Im Rasen, Toben und Verrückt-Sein der Fastnacht fällt kurze Zeit die Grenze zwischen der Sicherheit unserer Zivilisation mit ihren gesellschaftlichen Normen und Rollen und unserer inneren, ungezähmten Wildnis. Wir werden wieder Teil jener großen Gemeinschaft von Lebewesen, zu der wir gehören. Das hat auch reinigende Aspekte für Seele und Gemeinschaft. Wir können uns daran erinnern, dass auch wir Tiere sind und in Kontakt kommen mit unserer wilden Tier-Seele, die durch und durch verbunden ist mit dieser Welt.
Karneval heute: Schattenseiten und Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel
Meine Gefühle für Karneval lassen sich gut beschreiben mit „Oh I love it and I hate it at the same time“. Ich hatte immer schon gespaltene Gefühle für den Karneval.
Ich liebe es, in meine Phantasie einzutauchen, Kostüme selber zu machen, aus alten Kleidungsstücken und Dingen etwas Neues entstehen zu lassen, mich in neue Perspektiven und Identitäten hineinzuversetzen. Und ich liebe es, im Straßenkarneval in eine Phantasiewelt voller wunderbarer kreativer Kostüme einzutauchen, in der alles möglich erscheint. Eine Welt, in der Einhörner im Supermarkt das normalste auf der Welt sind und jeder für kurze Zeit (fast) alles sein kann, was er möchte. Ich liebe auch die gemeinschaftsbildende Wirkung, wenn man mit verschiedensten Menschen ins Gespräch kommt und gemeinsam feiert.
Gleichzeitig sehe ich die Schattenseiten des (heutigen) Karnevals: Sexismus, Patriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Postkolonialismus, Kommerzialisierung und enthemmter Konsum, Rausch und Aggression, die Stabilisierung von Hierarchien und elitären lokalen Strukturen. Diese problematischen Seiten betreffen in besonderem Maß den stark ritualisierten und reglementierten organisierten Karneval.
In seine ursprünglichen Formen war Karneval geprägt von gemeinschaftsbildenden, spirituellen und subversiven Elementen. Seit dem 19. Jahrhundert wird der Karneval in Deutschland zunehmend durch Vereine reglementiert und organisiert. Dadurch ist einiges von der ursprünglich herrschaftskritischen und subversiven Kraft des Karnevals verloren gegangen. Karneval hat heute eher eine systemstabilisierende Wirkung im Sinne der römischen Strategie von „Brot und Spiele“. Für eine kurze Zeit scheint im Karneval alles erlaubt. Rollentausch, kanalisierter öffentlicher Spott über die Mächtigen und kollektive Zugehörigkeits- und Rauscherfahrung können für eine Entlastung von Ohnmachtsgefühlen und Frust aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Probleme führen. Statt einer ernst gemeinten Systemkritik wird in Büttenreden und auf Karnevalswagen meist personalisierte Kritik an Politikern und Wirtschaftsbossen geäußert. Eine wirkliche politische Einflussnahme existiert nicht. Häufig ist der Karneval zudem von einem enthemmten Konsum (Kamelle, Feiern, Eventcharakter, Fast Fashion- und Wegwerf-Kostüme) geprägt, der kein Interesse an kritischer Auseinandersetzungen mit den gesellschaftlichen und ökologischen Problemen dieser Welt hat.
Auf der anderen Seite entfaltet Karneval immer mehr ein Lernfeld für gesellschaftlichen Wandel. Kritische Gruppen und Aktivisten können die große Reichweite sozialer Medien (shitstorms) für sich nutzen und die Themen und Probleme marginalisierter und diskriminierter Gruppen sichtbar machen. Sexuelle Übergriffe, rassistische oder sexistische Witze, Verkleidungen und Motive auf Umzugswagen werden so mehr und mehr öffentlich skandalisiert und bekommen eine öffentliche Bühne. Marginalisierte Gruppen und kritische Positionen haben zwar oft keinen direkten Zugang zur Karnevalsöffentlichkeit in den Karnevalssendungen im Fernsehen, den Karnevalssitzungen und den Karnevalsumzügen. Denn hier entscheiden meist die männlichen, weißen Eliten, wer Zugang hat. Durch die sozialen Medien entsteht mittlerweile aber ein wirkungsvoller indirekter Zugang zur Öffentlichkeit, der den gesellschaftlichen Wandel mit vorantreiben kann. Kontroverse Diskussionen, darüber, was als „Tradition“ angemessen ist und was aus postkolonialistischer, genderkritischer oder feministischer Sicht aus Sensibilität für marginalisierte und diskriminierte Gruppen nicht tragbar ist, haben so Teil an der Öffentlichkeitswirksamkeit des Karnevals. Die öffentliche Skandalisierung und der Konflikt zwischen Aktivisten, Vereinen und der Wirtschaft haben auch Auswirkungen auf den organisierten und institutionalisierten Karneval. Durch den entstehenden öffentlichen Druck greifen vermehrt Karnevalsvereine, Wirtschaft und öffentliche Institutionen Themen wie Sexismus und Rassismus auf. Die Kampagne der Kölner Polizei zum Thema Consent „A dress is not a yes“ ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn etablierte Institutionen den Wertewandel mittragen, verändern sich soziale Normen und Werte in einem immer größer werdenden Teil der Gesellschaft.
Problematische Aspekte des Karnevals bestehen zum einen aus feministischer und patriarchatskritischer Sicht. Der organisierte Karneval ist stark hierarchisch aufgebaut und wird von „mächtigen“ bzw. gesellschaftlich und/oder wirtschaftlich einflussreichen weißen heterosexuellen Männern dominiert (Elferrat, Büttenredner, Dreigestirn). Der organisierte Karneval ist auch ein wirtschaftlich bedeutsames Netzwerk. Überwiegend männliche, weiße und heterosexuelle Eliten knüpfen und pflegen politisch und wirtschaftlich wichtige Kontakte. Frauen und werden mit Hinweis auf Traditionen und Regeln (Kölner Dreigestirn) oft ausdrücklich von der Teilhabe ausgeschlossen. Sexualisierte Kostüme und Witze waren und sind (noch) weit verbreitet. Ebenfalls ein Problem sind sexuelle Übergriffe, die durch enthemmten Alkoholkonsum, räumliche Enge und eine Verharmlosung (Bützen und Grapschen als „Spaß“) begünstigt werden. Temporäre ritualisierte Rollenumkehr, wie an Weiberfastnacht, macht zwar patriarchale Strukturen ein Stück sichtbar, führen aber nicht zu einem nachhaltigen Abbau der strukturellen Benachteiligung von Frauen oder anderen marginalisierten Gruppen.
Ein weiteres Feld für kritische Beobachtung ist das Thema Rassismus, Antisemitismus und Postkolonialismus. Auch ich, als weiße cis Frau, musste und muss lernen, dass bestimmte Kostüme, wie „Indianer“, „Sultan“ oder „Hula Hula-Mädchen“ aus postkolonialer Perspektive problematisch sind (siehe hierzu die Kampagne „Ich bin kein Kostüm“ des Forums gegen Rassismus und Diskriminierung). Es geht nicht um eine cancel culture, sondern um Sensibilität für die Folgen von historischer Ungleichmachung bestimmter unterdrückter Gruppen und Kulturen. Solche Kostüme unterstützen sogenanntes „Othering“ (Fremd- oder Andersmachung). Das bedeutet, dass bestimmte Gruppen durch die Mehrheitsgesellschaft als „fremd“ und „anders“ definiert und meist als „unzivilisiert“ und „minderwertig“ abgewertet werden. Damit wird ein Überlegenheitsgefühl der Mehrheitsgesellschaft gefördert. Im Kolonialismus rechtfertigten diese Erklärungsmuster die massenhafte Enteignung, Ausbeutung, Unterdrückung und ethnische Säuberungen vieler als Kulturen auf der ganzen Welt durch uns Europäer. Ich habe solche Kostüme früher selbst getragen. Nicht aus einem Gefühl der Überlegenheit, sondern mit den besten Absichten. Andere Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Doch wie heißt es so schön: „Gut gemeint ist nicht immer gut.“ Lange habe ich nicht verstanden, was das Problem ist, wenn ich aus Verehrung und Liebe solche Kostüme trage. Heute denke ich (aus meiner eingeschränkten Perspektive als weiße cis Frau) mehr zu verstehen, dass es eine Frage des Respekts und der Sensibilität für das Leid marginalisierter Gruppen ist. Als Frau kann ich das zumindest ein Stück weit verstehen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich als weiße heterosexuelle Frau ziemlich privilegiert bin. Gerade die von uns Europäern dominierten Kulturen haben in besonderem Maße das Recht, selbst zu bestimmen, wie sie sich darstellen. Wenn wir weißen Europäer:Innen solche Kostüme tragen, nehmen wir weiter für uns die Deutungshoheit über diese Kulturen und darüber, was „Spaß“ ist, in Anspruch. Oft besteht zudem die Gefahr, dass wir – vielleicht auch unbewusst, so wie in meinem Fall – alte problematische und rassistische Stereotypen etwa das romantisierte Bild des „edlen Wilden“ oder das eindeutig abwertende Bild des „unzivilisierten Wilden“ aufgreifen. Zudem kann das Problem der kulturellen Aneignung von heiligen Symbolen marginalisierter Kulturen als Karnevalskostüm durch die dominante europäische bzw. westliche Kultur bestehen (siehe hierzu die Kampagne „Ich bin kein Kostüm“ des Forums gegen Rassismus und Diskriminierung).
Abschließend lässt sich sagen, das Karneval heute ein Spiegel der bestehenden hierarchischen, patriarchalen, eurozentrischen und konsumeristischen Strukturen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im Westen ist. Gleichzeitig entfaltet Karneval heute wieder mehr seine ursprünglich subversive Kraft. Karneval bietet eine öffentliche Bühne, auf der strukturelle Diskriminierung sichtbar gemacht und gesellschaftlicher Wandel vorangetrieben werden kann. Klar, dass ist nicht die große Revolution! Aber ich nehme wahr, dass einiges in Bewegung geraten ist. Jedenfalls bei mir selbst. Aus meiner Sicht ist und bleibt Karneval ein ambivalentes, spannendes Feld mit positiven Wirkungen und der Möglichkeit der Rückverbindung mit alten Traditionen.
Karneval ist für mich persönlich auch ein Forschungsfeld, wie ich mit anderen, manchmal für mich sehr unerträglichen Meinungen und Verhalten umgehen kann und möchte – Sexismus, Rassismus, enthemmter Konsum, Rücksichtslosigkeit und Aggression. Das ist für mich angesichts der immer größer werdenden Spaltung unserer Gesellschaft, in der sich Positionen immer mehr in „Recht haben“ verhärten, von großer Bedeutung.
Ich bin neugierig und möchte dieses Jahr an Karneval erforschen:
Wie können wir mit so viel Unterschiedlichkeit und Gespaltenheit in der Gesellschaft umgehen?
Wie kann ich Menschen mit für mich unerträglichen Positionen und gedankenlosem Verhalten begegnen und klare Grenzen zum Schutz marginalisierter Gruppen setzen ohne in die Trennung zu gehen?
Wie kann ich gegenüber Menschen mit für mich unerträglichen Positionen und gedankenlosem Verhalten meine Haltung klarmachen und offen bleiben, um die Person noch als Mensch zu sehen und nicht nur als Position?
Wie kann ich wirkungsvoll Teil eines gesellschaftlichen Wandels sein, der die Würde marginalisierter Gruppen wahrt, ohne Brücken abzureißen und die Spaltung in unserer Gesellschaft weiter zu fördern?
Vielleicht hilft es getreu dem karnevalistischen Gedanken, sich selbst und das Leben nicht zu ernst zu nehmen und Humor einzuladen. Natürlich nicht auf Kosten von anderen!
In diesem Sinn kann Karneval angesichts einer Welt voller Krisen und Probleme auch etwas Leichtigkeit und Freude in die graue Welt bringen. Wir können uns Verkleiden, Tanzen, mit Identitäten spielen, die Perspektive wechseln und in Kontakt mit der mehr als sichtbaren Welt kommen. Wir können die Karnevalstage spielerisch nutzen, um wieder mehr Zugehörigkeit, Rücksichtnahme, Sensibilität und Gemeinschaft zu lernen. Wir können gesellschaftlichen Wandel unterstützen und uns darin üben, uns trotz unterschiedlicher und vielleicht auch unerträglicher Positionen mit Respekt und als Menschen zu begegnen.
„By brining a sense of playfulness to tough situation we don‘t negate their severity. We make it possible to navigate them with clarity.“
Andi Puddicomb, Headspace
Quellen
Kaiser, Martina, Der Jahreskreis; Storl, Wolf Dieter, Schamanentum, Die Wurzeln unserer Spiritualität; Anaconda, Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden; Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik; Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V., Pressemitteilung "Ich bin kein Kostüm", Forum gegen Rassismus und Diskriminierung initiiert Plakatkampagne, 2017, abrufbar unter: https://www.oegg.de/wp-content/uploads/2018/04/2017_03_17_PM-Plakate.pdf (letzter Abruf am 11.02.2026); Ha, Not K. im Interview mit Vu, Vanessa, Zeit online: "Kostüme sind nicht unschuldig", abrufbar unter: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/noa-k-ha-karneval-kolonialismus-interview (letzter Abruf am 11.02.2026).
Ich stehe in der Mitte meines Lebens – einer Zeit voller Veränderungen im Innen und im Außen. In dieser Zeit des inneren und äußeren Wandels habe ich ein Sabbatjahr – Zeit zum Aussteigen aus der gewohnten Arbeitsroutine, aus dem Hamsterrad zwischen Familie und Job. Eine Zeit zur Reflexion darüber, wo ich jetzt – in der Mitte meines Lebens – stehe, was gehen darf oder gehen wird und was ich noch Leben möchte, in diesem so kostbaren Leben. Zum Anfang dieses Jahres hat es mich zurück zu meinen Wurzeln in die Ronscht gezogen. Das ist ein verwilderter, tief gelegener Hohlweg in Rheinhessen, den man durch einen Durchgang in der Hecke vom Grundstück meiner Vorfahren – Großeltern und nun Vater – aus erreicht. Es ist das Tor in eine verzauberte eigene wilde Welt inmitten der menschlich kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens. Ein Ort, der einiges über Wildnis erzählen kann, wenn man sich Zeit zum Zuhören nimmt. Für mich ist es seit meiner Kindheit ein ganz besonderer Ort- ein Ort, mit dem mich eine besondere Liebesbeziehung verbindet. Heute vertiefe ich die Beziehung zu diesem Ort mit der Praxis der Naturachtsamkeit, mit Kernroutinen der Wildnispädagogik und der naturverbundenen Prozessbegleitung. So tauche ich in einen eigenen Dialog mit diesem Ort ein, indem ich mir selbst im Spiegel der Natur begegne, einen Ort zur Begegnung mit meinen Ahnen schaffe, alleine in meiner Laubhütte übernachte, ziellos herumstromere und die Fährten der Tiere lese.
Innehalten in der Mitte meines Lebens: Was will ich leben?
Mein Sabbatjahr fällt in eine Wandlungsphase in der Mitte meines Lebens. Ich habe bereits einiges an Erfahrungen in meinem Leben gesammelt und bin durch einige Wachstumsprozesse gegangen. Meine Kinder werden größer und die Intensität der Mutterrolle wird weniger. Ich spüre wieder mehr Raum für mich. Vieles verändert sich – in mir und in meinem Leben. In diesem Jahr kann ich dieser Wandlungsphase bewusst Raum geben. Ich habe die Gelegenheit in der Mitte meines Lebens Inne zu halten, um zu Schauen, was jetzt da ist, was nicht mehr ist und was wachsen möchte. Was für ein kostbares Geschenk in dieser schnelllebigen Zeit. In der äußeren Welt geht es für mich vor allem darum, meine Leidenschaft für Naturverbindung, Naturspiritualität, authentisches Menschsein, für authentische menschliche Verbindungen und Gemeinschaft zu leben und zu teilen. Im Inneren geht es um Selbstvertrauen, Sichtbarkeit, darum alte Selbstzweifel zu entkräften. Es ist wertvoll, wenn wir uns in unserem Leben bewusst kleinere oder größere Räume des Stillstands schaffen, um uns mit den wiederkehrenden Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Denn wir haben nur dieses eine wilde Leben. Vielleicht wird es immer wieder andere Antworten geben oder auch keine, oder solche, die wir uns nicht wünschen. Oft ist es wichtiger zu fragen und in die Fragen hineinzuleben (Rilke, Über die Geduld), als sofort klare und eindeutige Antworten zu finden.
Was will ich leben und lieben in diesem so unglaublich kostbaren Leben?
Was sind die nächsten Schritte auf meiner Lebensreise?
„Tell me, what is it you plan to do, with your one wild and precious life?“
Um diesen Fragen Raum zu geben, bin ich zurück an den Anfang meines Lebens gegangen. Dorthin, wo ich herkomme. Zum Ort meiner Großeltern, meiner Kindheit. Es ist Anfang Dezember. Nach dem keltischen Jahreskreis fängt in dieser Zeit der tiefsten Dunkelheit im Verborgenen ein neuer Lebenszyklus an. Der Anfang liegt im Unbekannten. Im Nicht-Wissen. Ich komme, um zu spüren, was noch nicht sichtbar ist, was noch nicht in Worte und Bilder zu fassen ist. Begleitet werde ich heute und in diesem Jahr von Alina, die meine innere Reise bezeugt.
„Change will always happen, we cannot escape from change. But how can we move forward with change without detaching ourselves from our roots? How can we not forget where we came from?“
Maria Mutiara
Diese Frage beschäftigt mich. Wie kann ich Veränderung leben und gleichzeitig verwurzelt bleiben? Wie kann ich die Geschenke meiner Ahnen und meines Lebensweg nutzen in meiner Zukunft? Um in Kontakt mit dieser Frage zu kommen, gibt es keinen besseren Ort, als Wahlheim und die Wildnis in der Ronscht. Es ist eine Reise zurück zum Anfang meines Lebens und dem, was mich hier geprägt hat. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem soviel von mir ist, von dem ich so berührt werde und der mich so bekräftigt in meiner Liebe zum wilden Leben. Ich liebe diesen Ort innig, seit ich ein Kind bin. Ich fühle mich mit diesem Ort so verbunden – auch wenn wir beide uns über die vielen Jahre, immer wieder verändert haben. Es ist ein Ort voller Zauber und Kraft, voller alter Geschichten, voller Träume und neuer Möglichkeiten. Hier habe ich schon als Kind erfahren, dass ich Teil der Natur bin, alles um mich herum belebt ist und eine eigene Intelligenz und Seele hat. Es ist der Ort, an dem ich mit der Natur spreche und die Natur mit mir. Als Kind war es ein großes Abenteuer für mich, diese eigene kleine Wildnis-Welt zu erkunden. Es fühlte sich an wie eine Expedition in eine andere wilde Welt. Oft war es auch unheimlich in dieser Wildnis – etwas düster, undurchdringlich und man hörte immer wieder Geräusche von Tieren, ein Knacken, ein Knurren, ein Bellen der Rehe und Füchse.
Hohlweg – Archiv der Natur und der Generationen
Wie passend und bedeutungsvoll, dass dieser Ort ein alter Hohlweg ist. Hohlwege sind uralte Wege, die von Menschen jahrhundertelange genutzt wurden und sich tief in die Landschaft eingegraben haben. Viele Hohlwege sind Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende alt. Im Laufe der Zeit haben Menschen und Tiere den Boden immer weiter abgetragen. Bei Regen und Gewittern wurden sie zu natürlichen Wasserabflüssen, die Erde und Gestein wegspülten. Manche Hohlwege sind zu richtigen Schluchten geworden (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege). So liegt auch der tiefste Punkt der Ronschteinige Meter unterhalb der sie umgebenden Weinberge und Felder.
Wenn dieser Hohlweg ein Spiegel meiner inneren Seelenlandschaft ist, was erzählt dieser Ort über mich?
Hohlwege respektieren anders als heutige Straßen die natürliche Topografie der Landschaft. Sie erkennen an, was da ist. Sie folgen dem Verlauf eines Tals oder dem Anstieg eines Hügels. Sie entstanden durch das Zusammenspiel von Mensch und Natur im Rahmen einer natürlichen und langsamen Entwicklung, durch ständige Wiederholung. Jeder Schritt trägt zur Entstehung bei – auch wenn das erst viel später sichtbar wird. Der Weg verbindet sich mit der Landschaft. Ganz im Gegensatz dazu werden heutige Wege und Straßen gewaltsam, meist dem direktesten Weg folgend, in die Landschaft gegraben oder gesprengt (Robert MacFarlane, Karte der Wildnis, Hohlwege).
Diese Art von Entwicklung und Wachstum fühlt sich auch für mich gut und natürlich an. Ich bin überwiegend im Frieden mit dem, was war und dem, was ist. Natürlich waren auch schmerzhafte Erfahrungen dabei und aus meiner Perspektive heute würde ich vielleicht das eine oder andere anders machen. Ich kann aber zutiefst anerkennen, dass dies zu meiner Entwicklung und meinem Lebensweg dazugehört. Ich bin ein Wesen wie jedes andere, dass in Beziehungen zu Menschen und anderen Lebewesen, in einer bestimmten Zeit und bestimmten Gesellschaft in die Welt gekommen ist. Das hat Spuren in mir hinterlassen – wie in einem Hohlweg. Und genauso hinterlasse ich Schritt für Schritt in meiner Lebensumwelt meine Spuren – zusammen mit vielen anderen Menschen, Lebewesen, Erden, Gestein, Wind, Wasser und Sonne.
„Jedes Lebewesen erfährt im Laufe seines Lebens vorübergehende oder bleibende Veränderungen als Folge von Weiterentwicklung, Schutz oder Erneuerung. (…) Die Natur zeigt uns, dass wir heute weder so sind, wie wir gestern waren, noch wie wir morgen sein werden. Im Zauber des Wandels liegt die Kraft, das Wesentliche zu erhalten und die Identität zu waren.“
Manchmal fühle ich mich wie dieser Hohlweg. Es ist eine eigene wilde Welt hier unten in der Ronscht – manchmal undurchdringlich, voller Tierspuren. Mitten in der „gezähmten“ und von Menschen bis ins letzte kontrollierten Kulturlandschaft Rheinhessens mit seinen Weinbergen und Feldern, hat sich in den Hohlwegen eine fast vergessene eigenwillige Wildnis entwickelt. Hohlwege sind mit ihrer schluchtartigen Topologie für die moderne Leistungs- und Konsumgesellschaft und die industrialisierte Landwirtschaft nutzlose Zwischenräume. Wir müssen nicht in ferne Länder reisen, um Wildnis zu begegnen. Wildnis gibt es auch in den Zwischenräumen der noch so gezähmtesten Kulturlandschaft, entlang der Autobahnen und sogar in Städten. Lange hat es mich in die Ferne gezogen, wo ich unberührte Natur, Abenteuer und neue Eindrücke gesucht habe. Heute weiß ich, dass die Wildnis auch in meiner Nähe, an bekannten Orten und in mir selbst und in anderen ist. Wildnis ist überall zu finden. Manchmal können wir sie nicht sehen, weil wir etwas anderes erwarten, ein anderes Bild von Wildnis haben. Wildnis findet immer einen Raum, in dem sie sich entfalten kann. Unter den scheinbar unmöglichsten Bedingungen findet Wildnis ihren ganz eigenen Weg. Unstoppable. Die Ronscht lädt mich ein, die versteckten wilden Zwischen-Räume in bekannten Landschaften und meine eigenen inneren Wildnisgebiet zu entdecken. Sie lädt mich dazu ein, inmitten all des gesellschaftlichen Konformitätsdruck meine eigene innere Wildnis zu bewahren und zu kultivieren. Wild sein heißt für mich authentisch sein und das leben, was ausgedrückt werden möchte. Ohne Angst vor eigenen und fremden Bewertungen.
Alina hat mich dazu angeregt einen Ahnenaltar zu bauen. Ein solcher Platz zur Begegnung mit den Ahnen, mit etwas, dass über mein „Ich“ hinausgeht, bedeutet mir viel. Mein alter Ahnen-Platz, der riesige alte Walnussbaum mit seinen vielen Stämmen, zerfällt immer mehr. Von den Stämmen des Baumes, die mich an mächtige Köpfe erinnern, sind nicht mehr viele übrig. Doch bevor ein neuer Ahnen-Altar gebaut werden kann, muss der alte heilige Baum gewürdigt und verabschiedet werden. Ich bin traurig über sein Sterben, seinen Zerfall und sein Verschwinden. Und gleichzeitig fühle ich tröstlich, dass das Teil des natürlichen Zyklus von Entstehen und Vergehen und Vergehen und Entstehen ist. Nur wenn etwas Altes geht, kann etwas Neues entstehen. Ich klettere von oben vorsichtig in dieses alte, gleichzeitig mächtige und gebrechliche Wesen, in den Haupt-Stamm.
Ahnen „Unsere Vorfahren sind unser Stamm. Sie haben den Weg bereitet für unsere Ankunft und unser Leben.Ist die Verbindung zu ihnen ungetrübt, fühlen wir uns geborgen, genährt und bestärkt darin,wir selbst zu sein und unsere Talente und Fähigkeiten zu leben. Sie sind wie eine warme Decke, die uns umgibt und die uns das Vertrauen schenkt, das Abenteuer Leben zu leben.„
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Der Stamm des heiligen Walnussbaums steht für meine Ahnen. Er ist so groß und mächtig und nimmt mich ganz in sich auf – in sein Inneres. Für einen Moment werde ich ein Teil von ihm. Ich bin sein Herz. Gleichzeitig finde ich Schutz und werde von ihm gehalten. Unter der dicken weißen Walnussrinde, die ich so sehr liebe, weil sie wie aus einer anderen Welt wirkt, hat sich ganz viel schwarze Erde gebildet. Ich spüre mit meinen Fingern in die Erde. Sie ist ganz fein. Was ist das für ein Wunder! Mein heiliger Ahnenbaum wird Nährboden für neues Leben und Wachstum. Ich nehme etwas von dieser Erde, um damit auf der Karte meiner inneren Wildnis diesen Ort meiner Ahnen einzuzeichnen. Hier in der Ronscht liegt der Ursprung für meine Naturspiritualität. Hier habe ich das Gefühl in etwas aufzugehen, das größer ist als ich. Diese Ahnenlinie darf ich fortführen.
Zum Abschluss schenkt mir der heilige Ahnenbaum riesige weiße Rindenstücke für den neuen Ahnenaltar. Was für ein großes Geschenk. Der alte Ahnenbaum entblättert sich, zeigt sein Inneres, macht sich nackt. Dieses Bild vom entblätterten Baum regt mich an, dass ich mir in der Mitte meines Lebens nochmal bewusst machen und erforschen möchte, was mein Stamm und meine Wurzeln sind. Was ist das Erbe meiner Ahnen und was sind übernommene und für mich nicht mehr dienliche Gedanken- und Verhaltensmuster.
„Als Kind orientieren wir uns an dem, was (unsere Ahnen) denken, wie sie fühlen und handeln.Sie sind fast wie eine göttliche Instanz für uns. Wir lauschen ihrem Klang und denken irgendwann, dass es unser eigener ist.Wir verinnerlichen das, was sie uns widerspiegeln.Dabei haben sie oft mit ihren übernommenen Mustern und Prägungen auf uns geschaut und nicht erkannt, wie und wer wir wirklich sind. Ebenso wie es ihnen als Kind ergangen ist. Deshalb konntensie uns vielleicht nicht immer das schenken, was wir so dringend gebraucht hätten. (…) Ohne dass wir es bemerken, leben damit wir „ihr“ Erbe weiter. Ihre Geschichte ist immer auch Teil unserer Geschichte, ob wir es wollen oder nicht. (…)Wie unter den vielen Kerben und Unregelmäßigkeiten (des Wacholderstammes) eine wunderschöneMaserung und ein fester Kern liegen, erkennen auch wir, wie und wer wir wirklich sind.“
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Ich spüre, dass auch ich geprägt bin von den Spuren, Ängsten und Erwartungen meiner Ahnen – wie die Hohlwege von den Füßen von Generationen geformt wurden. Manchmal ist mir nicht klar, was an Überzeugungen und Vorstellungen von mir und was von meinen Ahnen ist.
Welche Spuren, Ängste und Erwartungen sind von meinen Ahnen und wovon möchte ich mich frei machen?
Die Rinde des heiligen Walnussbaums steht für Schutz. Wir alle legen uns meist im Laufe unseres Lebens eine Schutzrinde zu. Das ist sehr gesund und eine intelligente Überlebensstrategie. Die Rinde deckt aber auch ab, was darunter ist, welcher Kern, welches Gold. Es gibt eine bekannte Geschichte von einem goldenen Buddha in Bangkok. Der war jahrhundertelang mit einer Lehmschicht überzogen. Vermutlich sollte diese Schutzschicht den goldenen Buddha vor Dieben schützen. Irgendwann bekam die Lehmschicht Risse und das Gold darunter blitzte vor. Die Geschichte kann uns dazu ermutigen, unserem inneren Gold – dem zutiefst Guten und Schönen in uns – zu vertrauen und uns mit unserer menschlichen Verletzlichkeit zu zeigen. Gleichzeitig darf ich anerkennen, dass wir Schutz und Begrenzungen vor schädlichen Einflüssen in unserer Welt manchmal einfach brauchen. Der von Buddha gelehrte mittlere Weg kann bedeuten, dem Gold zu vertrauen und mich dem Schutz der Rinde anvertrauen, da wo ich es brauche.
Schon vor längerer Zeit habe ich gewusst, dass es einen neuen Platz zur Begegnung und Würdigung meiner Ahnen braucht. Es war erst nicht leicht, den richtigen Ort zu finden. Es sollte die Fläche zwischen dem alten Ahnenbaum und meiner Laubhütte sein. Das habe ich deutlich gespürt. Ich habe dort zunächst nach einer Stelle gesucht, die meinen Erwartungen von einem heiligen Ort gerecht wird – ein großer Baum oder ein Steinaltar, irgendetwas Deutliches, Kraftvolles. Gefunden habe ich einen jungen dünnen Ahornbaum. Das war nicht das, was ich mir zuerst vorgestellt habe. Es hat sich aber richtig angefühlt und ich bin ins Tun und kreative Schaffen gekommen. Aus Sandsteinen und den mächtigen Walnussrindenteilen des alten Ahnenbaumes habe ich einen wunderschönen Altar gebaut.
Das Alte darf geehrt, neu gestaltet werden und einen neuen Platz haben – auch in meinem Leben. Das kräftige Rot der Gebetsfahne steht für die Liebe zum Leben und den Mohn, der mit diesem Ort und meinem Leben so eng verwoben ist. Das Blattgold steht für das Gute, Schöne und Heilige im Leben, an das ich fest glaube. Mir wird mir immer klarer, dass der neue Ahnenaltar ein richtig gutes Bild für meinen Wandlungsprozess in meiner Lebensmitte ist. Dieser Ort ist noch leer. Er steckt voller Möglichkeiten und Nicht-Wissen. Es ist klar, dass hier noch Entwicklung und Wachstum passieren darf. ICH bin es, die diesen Ort mit Bedeutung füllen, gestalten und verändern darf – immer wieder und bis zu meinem Lebensende. Der neue Ahnenalter steht für mein inneres Wachstum über all die Jahre, das ich nun auch im Außen sichtbar machen und wirken lassen möchte. Es soll ein Bild und Ort sein, an dem ich Licht und Schatten meiner Ahnen würdigen und als Teile von mir integrieren kann. An dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Weiter-Wachsen zu finden. Ich darf mich daran erinnern, dass meine Ahnen in mir ihre Spuren und Gaben hinterlassen haben und auch dass ich mich frei von ihren Geschichten machen kann.
Der Wacholder – Ahnenkraft und Neuanfang „Wie ein Adler schwingen wir uns in die Lüfte und sehen unser eigenes Land vielleicht das ersteMal. Darin haben auch unsere Ahnen ihren festen Platz. Auch sie warten darauf, frei zu sein und uns aus den alten Seelenverträgen zu entlassen, damit wirbereit für die wahren Geschenke unserer Herkunft sind: All das Wissen, die Talente und schönen Erinnerungen, die sie uns mitgegeben haben. Daraus zuschöpfen ist unser Auftrag. So kehrt Wärme und Frieden ein und wir können uns wieder bewusstmit unseren Wurzeln und Traditionen verbinden.Dann werden unsere Ahnen wie eine starke Kraft in unserem Rücken sein,die uns im Leben Halt schenkt und den Mut, jetzt mit unserem Licht die Ahnenlinie anzuführen.“
Allgäuer Kräuterwerkstatt, Kraft der Bäume, Wacholder
Ich habe meine Ahnen am neuen wunderschönen Altar geehrt und sie um Unterstützung gebeten. Ich habe mit Wacholder geräuchert, die Ahnenkraft gewürdigt UND die Kraft des Neubeginns und den Glauben an meinen eigenen Lebensweg aufsteigen lassen. In diesem Moment spüre ich die Gegenwart meiner Ahnen, fühle mich geliebt und gehalten. Ich bin dankbar für ihr Geschenk – die Liebe in mir zum wilden Leben und zu allen Wesenheiten, Lebewesen, Elementen, Steinen und Erden, für die Lebensfreude und den Lebensmut, der mich durch schwierige Situationen und Gefühlslagen bringt. Ich habe immer wieder Zweifel und Ängste. Ich spüre, dass sind nicht alles meine eigenen. Und trotz Ängsten und Zweifeln bin ich bereit, mich zu zeigen – mit all dem, was da ist!
Das dritte Jahr in Folge schlafe ich in den Rauhnächten schlafe nun in meiner Laubhütte, hier draußen auf diesem kleinen Wildnisgelände in der Ronscht. Immer tiefer spüre ich, wie besonders dieser Ort für mich ist. Ein Ort, an dem ich mich verwurzeln kann, um Kraft zum Wachsen zu finden.
Innere Widerstände und warum ich es trotzdem mache
Es ist kalt – um die Null Grad. Wie jedes Mal vor meiner Solo-Nacht bemerke ich innere Widerstände. Eine Stimme in mir erzählt mir, dass es doch viel bequemer und gemütlicher wäre, im Warmen, Drinnen mit meiner Familie zu sitzen. Warum mache ich das eigentlich immer wieder? Was ist mein Warum?
„Jede Berührung hinterlässt eine Spur.“
Edmond Locard
Jedes Mal, wenn ich hier draußen bin, werde ich in meinem tiefsten Inneren berührt. Von diesem Ort, vom Leben. Jede Nacht alleine draußen – nur mit mir in der Dunkelheit der Winternacht – bringt mich näher zu mir. Wurzeln wachsen im Schutz der Dunkelheit – nicht im Licht. Jede Nacht hier draußen lässt mehr Liebe in mir wachsen – zu mir, zu diesem Ort und all seinen Lebewesen. Es ist eine Liebe, die alles durchdringt und alles ausfüllt. Mit der Liebe für diesen Ort wächst gleichzeitig die Liebe zu allem anderen – zu dieser wilden Welt und diesem wilden Leben. Mit allem, was dazu gehört – dem Licht und der Dunkelheit. Dem Mut und der Angst. Mit jedem Mal, dem ich mich der Angst stelle, kann ich einen Schritt weiter gehen. Die Grenze meiner Komfort-Zone verschiebt sich Schritt für Schritt. Vertrauen entsteht. Wurzeln wachsen und geben Kraft, um den nächsten Schritt zu wagen. Ja, darum mache ich das immer wieder!
Ich bereite mich auf die Nacht vor und bessere meine Laubhütte aus. Es ist ein wunderschöner klarer und kalter Wintertag mit strahlendem Sonnenschein. Ich entferne störende Äste aus dem Trapperbett und polstere das Innere der Hütte mit Laub aus. Dieses Jahr ist es schwer Laub zu finden. Immer wieder bin ich fasziniert von den Survival-Fähigkeiten, die in uns „modernen“ Menschen immer noch stecken. Survivalfähigkeiten zu üben ist eine der Kernroutinen der Widlnispädagogik. Survival heute zu praktizieren ist eine gute Art, um sich mit einem Ort vertraut zu machen – in und von der Natur leben. Nach und nach weiß ich, wo sich das Laub gesammelt hat und an welchen Stellen im Gelände ich suchen muss, um meine Laubhütte für die kalte Winternacht gut auszupolstern. Fast unbemerkt wächst dadurch meine Verbindung zu diesem Ort, den ich bis ins Kleinste immer besser kenne. Tiefe Liebe und Verbindung entsteht durch Vertrautheit. Mach dich vertraut mit allen Dingen!
„Be intimate with all things“
Zen-Weisheit, zitiert nach Tara Brach
Je mehr Laub in der Hütte ist, umso wärmer wird es in der Nacht. Das ist der Schlafsack-Effekt einer Laubhütte. Prioritäten zu setzen ist enorm wichtig für das Leben draußen. Die Stunden bis Sonnenuntergang sind begrenzt. Die Nacht soll kalt, aber trocken werden. Deswegen bessere ich meine Hütte zuerst Innen und dann erst außen aus. Mein alter Vater mit seinen über 70 Jahren hilft mir mit seiner Machete. Er löst Baumrinde von toten Bäumen als Abdeckung für meine Hütte. Es berührt mich – sein auch im Alter nicht schwächer werdender Lebenswille. Er hat sich nie davon abhalten lassen seine Lebensfreude auszudrücken und Sachen gemacht, die andere schräg und komisch finden. Auf diesem kleinen Stück Wildnis haben wir eine ganz besondere Verbindung – über das Land, auf dem wir beide aufgewachsen sind, dem wir uns so verbunden fühlen und das wir beide so sehr lieben.
Als die Hütte ausgebessert ist, stromere ich durch das Wildnisstück. Heute sehe ich überall Zeichen – Bögen, Tore, Wurzeln. Die Natur und ihre Lebewesen können ein Spiegel für unsere inneren Prozesse sein. Wir sehen die Welt durch die Brille unserer subjektiven Wahrnehmung. Wir können nicht alle der Millionen von Reizen in unserer Umgebung bewusst aufnehmen. Unser Gehirn filtert daher unbewusst das heraus, was für uns relevant ist. Daher können wir davon ausgehen, dass wir die Welt nicht so sehen wie sie ist, sondern so, wie wir sind (alte Weisheit, Herkunft unklar). Sich selbst im Spiegel der Natur zu begegnen ist ein sehr tiefgreifendes Instrument der naturverbunden Prozessbegleitung, um sich mit den eigenen Lebensfragen und Prozessen auseinanderzusetzen.
Herumstromern und sich mit dem Ort vertraut machen
Das Herumstromern ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik für mehr Naturverbindung und eine Praxis der Achtsamkeit. Es bedeutet sich ohne Ziel und Absicht durch die Natur zu bewegen und sich intuitiv dahinziehen zu lassen, was die Aufmerksamkeit gerade erregt. Dies entspricht der buddhistischen Praxis des offenen Gewahrsein – das wahrnehmen, was sich jetzt gerade zeigt. Herumzustromern ist für mich eine Form, um einen Ort zu begrüßen und mich mit ihm vertraut zu machen. Ich führe eine Art Unterhaltung mit dem Ort und seinen Lebewesen. Die belebte und unbelebte Welt kommuniziert ununterbrochen auf ihre eigene kreative Art miteinander. Vieles davon ist für uns Menschen erstmal nicht sichtbar und verständlich. Was unsere Vorfahren vermutlich gespürt haben, lernen wir durch die Wissenschaften heute mehr und mehr. Das bedeutet auch, dass wir unser kulturelles Verständnis von Bäumen, Pflanzen und anderen Lebewesen ändern müssen. Heute weiß man beispielsweise, dass Bäume auf verschiedenste Art miteinander kommunizieren – über Duftstoffe in der Luft, Wurzeln oder Pilznetzwerke. Selbst Steine, Wasser und Erde kommunizieren auf ihre eigene intelligente Weise mit ihrer Umwelt. Wir sprechen zwar nicht dieselbe Sprache. Aber es lohnt sich zuzuhören, welche Geschichten ein Ort und seine Bewohner uns erzählen können. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass wir die Welt aus unserer subjektiven menschlichen Perspektive wahrnehmen. Ebenso können wir davon ausgehen, dass ein Ort und seine Bewohner uns und unsere Handlungen auf ihre jeweils eigene Weise wahrnehmen. So können wir Freundschaften schließen, im Vertrauen darauf, dass der Ort und seine Bewohner auch uns zuhört und auf eine eigene Art versteht. Was dann entsteht ist das Gefühl des Eingebundenseins in etwas Größeres, in das Netz des Lebens mit all seinen belebten und unbelebten Wesenheiten.
Spurenlesen – einem Ort zuhören
„Mit wachsendem Bewusstsein dessen, was in der Natur wirklich geschieht, beginnen wir, unzählige Dinge zu erfassen und zu begreifen, die wir bisher nicht einmal wahrgenommen haben.“
Hugh Falkus
Ich stoße auf ganz viele Tierspuren – vor allem Trittsiegel und Reviermarken von Rehen, Rupfspuren und einen Eichhörnchenschädel. Ich liebe das Spurenlesen. Es ist eine wunderschöne Art, um Ort und Lebewesen besser kennenzulernen. Es ist als ob man dem Ort zuhört und versucht seine Sprache zu verstehen, seinen Geschichten zu lauschen. Wenn man genau hinschaut, tauchen immer mehr Fragen. Wer lebt hier? Wo schläft das Lebewesen? Mit wem lebt es zusammen? Was hat es hier gemacht? Wie hat es sich gefühlt? Was ist passiert? Wann war das? Wem ist das Lebewesen begegnet? Wo ist es jetzt?
Auffällig sind diesmal jede Menge Rupfspuren. Sie sind über das ganze Gelände verstreut. Da sind einmal grau-weiße und bräunliche Federn von einem kleinen Singvogel, vielleicht einem Fink. Direkt am heiligen Baum. Teilweise hat die Rupfung auf einem Felsen stattgefunden. Raubvögel wie Falke, Sperber oder Habicht rupfen ihre Beute häufig erhöht auf Felsen oder Baumstümpfen, um nicht überrascht zu werden.
Eine weitere Rupfung zieht sich über eine weite Strecke von über 50 Metern über das ganze Gelände. Die weichen weißen oder braunen Haare könnten von einem Kaninchen stammen, dass von einem Fuchs gefressen wurde. Füchse verschleppen ihre Beute häufig über weitere Strecken, essen immer wieder und verstecken die Reste.
Kaninchen werden in vielen Kulturen mit dem Mond in Verbindung gebracht. Sie symbolisieren den zyklischen Charakter des Lebens, den immer wiederkehrenden Kreislauf von Leben und Sterben, Licht und Dunkelheit. Wie der Mond jeden Monat Beute der Dunkelheit wird, um danach wieder in vollem Glanz zu strahlen, werden Kaninchen die Beute von Greifvögeln und Füchsen, was ihre fruchtbare Vermehrung nicht zum Stillstand bringt. Der Fuchs hat in vielen alten Geschichten die Rolle des Tricksters, der uns durch Veränderungsprozesse zu mehr Ganzheit führen kann, als Vermittler zwischen dem wilden Wald und Kulturräumen, zwischen unkonventioneller und intuitiver Intelligenz und kollektiven Normen. Er kann uns über Pfade führen, die zunächst nicht sichtbar sind (Das Buch der Symbole, Kaninchen und Fuchs).
Dem Fuchs begegne ich hier in der Ronscht immer wieder – ich sehe ihn und höre sein Bellen. Dieses Mal finde ich seine Fraßspuren – überall. Ich folge ihnen und lasse mich führen – im Vertrauen darauf, dass Veränderung immer stattfindet und nach dem Sterben, etwas Neues entsteht. Auch wenn ich den genauen Weg jetzt noch nicht sehen kann, darf ich darauf vertrauen, dass ich geführt werde.
„As you start to walk on the way, the way appears. Clarity doesn’t come before action. It comes from action.“
Rumi
Ahnenaltar – Vertrautheit und Vertrauen in der Dunkelheit
Nachdem meine Laubhütte fertig ist, baue ich weiter an dem Ahnenalter. Ich sammle von den alten Lösssteinen, die auf sich aus dem Hang gelöst haben – wälze und ziehe sie zum Ahnenaltar. Vor meinem inneren Augen wird es konkreter. Ich möchte einen Steinalter bauen. Er soll aus dem Material sein, was ich hier an diesem Ort finde. Ich möchte dem Ort und dem woraus er besteht zuhören. Die Steine, die Rinde und die Erde, sie alle können mir etwas über diesen Ort erzählen. So entsteht ein Dialog mit diesem Ort. Der Prozess wird Zeit brauchen und ich Geduld. Das fällt mir nicht immer leicht. Gleichzeitig genieße ich im kreativen Prozess das innere Kribbeln, wenn noch nicht ganz klar ist, was entstehen wird und in welcher Form sich mein Inneres ausdrücken wird.
In der Dunkelheit der Nacht ist die Wacholder-Ahnen-Kerze von Weitem sichtbar. Der Halbmond scheint hell in der sternklaren Winternacht und wirft lange Schatten durch die efeubewachsenen Baumgestalten. Ich entzünde ein Feuer mit Birkenrinde und Feuerstahl. Wieder spüre ich die alte Tierseele in mir. Diese uralten Instinkte verbinden mich mit unseren Ahnen, die als Affen und später Jäger- und Sammler in der Natur gelebt haben. In dieser Nacht habe ich nicht mehr soviel Angst wie in meinen ersten beiden Solo-Nächten, aber ich spüre eine starke Wachsamkeit in meinem Nervensystem. Meine Wahrnehmung ist extrem geschärft. Jedes Geräusch, jedes Knacken und Rascheln erregt meine Aufmerksamkeit. Ich verstehe, wie unsere Vorfahren in solchen Dunkelnächten Begegnungen mit Geistern und märchenhaften Wesen erlebten und weitererzählten. Alleine in der Dunkelheit einer kalten Winternacht verschwimmen tatsächlich die Grenzen zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Das Spüren und die Phantasie werden stärker. In der Dunkelheit wird deutlich, dass unsere rationale und wissenschaftsorientierte Wahrnehmung von der Welt blinde Flecken hat. Es wird erfahrbar, dass es mehr gibt, als das, was wir Menschen mit unserer begrenzten Wahrnehmung wissen und erfassen können. Die Erfahrung der Nacht als Schwellen- und Resonanzraum war bereits in der deutschen Romantik häufig thematisiert worden. Die Nacht ist ein Symbol für das Unbekannte, für das Nicht-Wissen und Nicht-Sichtbare. Draußen in der Nacht wird das spürbar.
In dieser Nacht kann ich wieder spüren, welche Sicherheit ein Feuer und ein Kerzen-Licht in der Dunkelheit gibt. Für unsere Vorfahren war es alleine – ohne die Gemeinschaft und draußen in der dunklen Winternacht sehr gefährlich. Ein Feuer konnte den Unterschied machen, Wärme und Schutz bieten. Diese alten Erfahrungen stecken tief in uns Menschen. Das fühle ich. Am Feuer beruhigt sich mein Nervensystem direkt. Immer wenn ich in der Nacht aufwache sehe ich den Schein der Kerze am Ahnenaltar. Das Licht beruhigt und berührt mich zutiefst. Ich fühle mich geborgen und sicher. Die Nacht verläuft ruhig und ohne Angst. Wie erstaunlich, wenn ich auf die letzten beiden Solo-Nächte zurückblicke, wo ich viel mit Angst konfrontiert war. Und doch ist es auch wieder nicht überraschend. Mit jedem Stromern auf dem Gelände, dem Bau des Ahnenaltars werde ich heimischer und heimischer an diesem Ort. Das gibt Sicherheit. Und es lohnt sich so sehr, Dinge, die einem schwer fallen, wieder und wieder zu machen. Vertrauen entsteht durch Erfahrung, dadurch, dass wir uns mit etwas vertraut machen.
Mit der Dämmerung und Morgenröte entsteht direkt eine ganz andere Stimmung. Die „Geister“ der Nacht sind nun verschwunden. Morgens stromere ich ausgiebig durchs Gelände. Diesmal zieht es mich auf die erhöhte Ebene, einen alten verwilderten und überwucherten Weg. Der Weg selbst ist nur schwer begehbar. Immer wieder muss man wie auf einer Expedition durch das Dickicht kriechen und sich seinen Weg bahnen. Von hier oben hat man eine wunderschöne Übersicht über den tiefer gelegenen verwilderten Weinberg mit meiner gut versteckten Laubütte, dem rauchenden Feuer, den Ahnenalter mit der leuchtend roten Girlande und den noch tiefer gelegenen Hohlweg dahinter. Ich habe das Gefühl einen Teil meiner inneren Landschaft von oben zu sehen. Ich bin voller Klarheit und Übersicht. In meinem inneren Land haben auch meine Ahnen ihren festen Platz.
Ich nehme Abschied von diesem wilden Ort mit seinen Baumgestalten, dem schlingenden und umarmenden Efeu, dem Frost auf dem Moos. Auf dem Rückweg finde ich drei Eulenfedern. Wie passend, dass die Eule mit ihrer außergewöhnlich guten Wahrnehmung bei Nacht und ihrem lautlosen Flug als nächtliche Jägerin in vielen Regionen der Welt als Bote des Todes und Zeichen für bevorstehende Veränderung gilt. Die Schamanen Sibiriens und der Inuit schmücken sich mit Eulenfedern, um von der Eule machtvolle Unterstützung und Orientierung auf ihrem gefährlichen Weg in die nicht sichtbare Geisterwelt zu erhalten. Das macht deutlich, um was es geht, nämlich uns auf unserem Lebensweg immer wieder für den fortlaufenden Wandel im Leben und in uns selbst zu öffnen und zu spüren was da ist. Die Buddhisten nennen diese beiden Grundprinzipien des Lebens anicca und anatta. Im Gründe besagen diese beiden grundlegenden Einsichten in das Leben nach meinem Verständnis, dass nichts gleich bleibt und alles sich permanent verändert (anicca), auch ich selbst (anatta).
„Der Jahreswechsel lädt uns ein, still zu werden. Nicht um uns neu zu erfinden, sondern um wahrzunehmen, was in uns aufbricht, was gehört werden möchte, was Form sucht. Übergänge erinnern uns daran, dass wir nicht alles wissen müssen. Das Orientierung nicht von außen kommt, sondern aus der Fähigkeit, uns selbst inmitten des Wandels zu spüren.“
Eschwege Institut
Quellen: Robert MacFarlane: Karte der Wildnis, Kapitel "Hohlwege"; Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Jon Young/Ellen Haas/Ewan McGown: Der Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Deborah Eden Tull: Luminous Darkness; The Archive for research in archetypal symbolism: Das Buch der Symbole, Betrachtungen zu archetypischen Bildern; Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.
Die Sonne hat ihren tiefsten Stand im Jahr erreicht. Das neue Licht wird in der dunkelsten Nacht geboren. Es ist still und ruhig in der Natur. Und auch wenn das in der hektischen Weihnachtszeit verrückt klingt. Wenn wir im Einklang mit dem natürlichen Rhythmus leben wollen, dann sollten wir in Erwägung ziehen, uns für die wohltuende und lebensnotwendige Energie der Verlangsamung zu öffnen. Unser Geist und Körper sind in unserer schnelllebigen Welt so vielen Reizen ausgesetzt, dass es Ruhe braucht, um mehr Klarheit im Leben zu bekommen. Die Tage werden nun wieder länger. In der Natur ist die Rückkehr des Lichts aber noch nicht spür- und sichtbar. Sie steht still und regeneriert. Nun beginnt der Winter.
In früheren Zeiten ging es im Winter um nicht weniger als Leben und Tod. Die Menschen hatten notwendigerweise eine engere Verbindung zur Natur. Die Natur zu kennen sicherte das Überleben. Die große Bedeutung des Wiedererstarkens der Sonne für ihr Leben und ihr Überleben feierten sie an Jul, Yule oder Alban Arthuan. Die Wintersonnenwende ist seit altersher eines der heiligsten Sonnenfeste. Sie fällt auf den 21.-23. Dezember. In dieser dunkelsten und längsten Nacht des Jahres gebiert Mutter Erde das wiedergeborene Sonnenkind. Dieser Mythos findet sich in vielen Kulturen. Es ist auch kein Zufall, dass im Christentum in dieser heiligen Nacht das Weihnachtsfest als heilige Nacht gefeiert wird. Es ist davon auszugehen, dass die Christen diese alten Feste mit ihrer eigenen Geschichte überlagert haben. Die Geschichte von der Geburt Gottes Sohnes, der die Hoffnung auf Frieden und Liebe in die Welt bringt, ähnelt auch stark der alten Symbolik von der Geburt des Lichts in der dunkelsten Stunde.
Alte Symbole – Weihnachtsbaum, Kerzen und Adventskranz
Adventskranz und Weihnachtsbaum gehen zurück auf uralte heidnische Bräuche. Sie stehen für die Hoffnung auf die Rückkehr des Lichts und des Lebens. Die immergrünen Tannenzweige stehen für Lebenskraft und den Widerstand gegen den Scheintod des Winters. Bäume sind mit ihren Wurzeln, die tief in die Erde hineinreichen, und ihrer Größe, die in den Himmel ragt, ein uraltes Symbol für Lebenskraft. Im römischen Mithras-Kult wurde der Sonnengott Mithras zur Wintersonnenwende mit einem geschmückten Baum geehrt. In den nordischen Ländern wurde zur Wintersonnenwende das Julfest gefeiert. Der Name Jul, Yule oder Jol hat einen alten Bezug zum Namen Jolnir, einem der Namen des Göttervaters Odin. Auch der Brauch des Weihnachtsbaums hat Bezüge zur nordischen Mythologie – zu Yggdrasil, dem Weltenbaum. Bei den Kelten hieß das Fest Albhan Arthuan. Das heutige Anzünden der Kerzen auch am Weihnachtsbaum kann als Überbleibsel der Feuerfeste zu Mittwinter gesehen werden: Das Entzünden des Lichts in der dunkelsten Nacht. Symbolisch für den Tod und die Wiedergeburt der Sonne wurden an Jul alle Feuer gelöscht und in einer gemeinsamen Zeremonie wieder neu entflammt.
Auch wir können das gemeinsam oder allein in einem Licht-Ritual feiern. Ich versammle mich zur Wintersonnenwende gerne mit Familie und Freunden um ein Feuer, jeder mit einer Kerze. Einer entzündet seine Kerze in der Dunkelheit am Sonnenwendfeuer und gibt das Licht an seinen Nachbarn weiter, indem er dessen Kerze entzündet. Die Kerze kann jeder im Jahresverlauf in dunklen Stunden anzünden. Sie steht für jeden ganz individuell für das, was in der dunklen Stunde am meisten gebraucht wird.
An Yule oder Jul (hjol oder hol bedeutet im Germanischen auch Rad) hörte nach der Vorstellung der Germanen das Rad des Jahres auf zu drehen und die Sonne kam zum Stillstand. Das neue Licht ist zwar in der dunkelsten Nacht, am Wendepunkt von Dunkelheit und Licht, geboren. Noch ist dies aber kaum merkbar. Erst nach zwölf bzw. dreizehn ge/weih/ten Nächten („Weih“nachten und die heiligen Rauhnächte) ist das Wiedererstarken und der Beginn des neuen Lebenszyklus sichtbar.
In der Stille und Dunkelheit ist Raum, dass Neues entsteht.
Ein leerer dunkler Raum steckt voller Möglichkeiten. Alles Leben wird aus der Dunkelheit geboren – wir Menschen, die Tiere und Pflanzen, Gedanken und Empfindungen, unser ganzes Universum. Dafür steht das Bild der Geburt des Lichtes, des Sonnenkindes zur Wintersonnenwende. Wenn wir so leer sind, wie die Natur im Winter, leer an Gedanken und Gefühlen, wenn da nichts ist an ablenkenden Geräuschen und Impulsen, wenn wir keine Konzepte, Ideen oder Pläne mehr festhalten, dann sind wir offen für das Neue, das jedem neuen Augenblick innewohnt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Leere bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass da keine Gedanken, Empfindungen oder Geräusche sind. Es bedeutet vielmehr, dass wir diese Phänomene mehr aus einer Beobachter-Perspektive betrachten. Dass wir sie als das wahrnehmen können, was sie sind: flüchtige Gedanken, Körperempfindungen, Geräusche und Gefühle. Dass wir nicht verwickelt sind, im Autopiloten, in der Trance, so dass wir gar nicht mitbekommen, was gerade los ist. Dass wir die Gedanken und Empfindungen nicht festhalten und in ihre Geschichten einsteigen, sondern sie kommen und gehen lassen können, wie Wellen im Meer – kommen und gehen, entstehen und vergehen.
Wenn wir leer sind, dann haben wir die Offenheit, Empfänglichkeit und Klarheit, um neue Impulse und Wahrheiten zu empfangen (Yin-Kraft) – aus der Anderswelt, dem Unsichtbaren, Unbekannten und Unbewussten, aus unseren tiefsten inneren Seelenlandschaften, von den Lebewesen, die uns umgeben, aus unserer Umwelt, mit der wir verbunden sind, aus der Natur auf der Erde und aus dem Universum mit der Sonne, dem Mond und den Sternen.
Dies kann auch eine Begegnung mit unseren inneren Schatten oder „Dämonen“ sein, den Teilen von uns die uns unangenehm, nicht willkommen oder nicht bewusst sind. Eine solche Begegnung kann zu tiefer Heilung und innerem Frieden führen – nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Umwelt. Und wer weiß, welcher Schatz sich da tief unserem Inneren verbirgt?
„Der Grund, warum wir unser Herz so oft verschließen, liegt darin, dass wir nicht wirklich offen für uns selbst sind. Große Teile von uns selbst sind uns so unwillkommen, dass wir jedes Mal davonlaufen, wenn sie auftauchen. Und so schaffen wir es nie, wirklich und voll und ganz anwesend zu sein. Doch nur wenn wir bereit sind, voll und ganz zu uns zu stehen und uns selbst niemals im Stich zu lassen, sind wir in der Lage, auch anderen Menschen beizustehen und ihnen unsere Hilfe mit einem offenen Herzen anzubieten.“
Pema Chödrön
Stille
Ich versuche in die Stille der Dunkelheit zu hören.
Was kann ich hören? Was kann ich spüren? Was wahrnehmen?
Stille heisst nicht, dass da kein Geräusch ist.
Was bedeutet Stille für dich? Wie fühlt sich Stille für dich an?
Wir sind Stille. In jedem von uns ist diese Qualität von Stille.
We are made from dust and silence.
Ayla Nereo, Turning Wake
Auch im kreativen Schaffensprozess kann (in der sog. Intuitiven Phase oder Inkubationszeit) eine Phase des Stillstands im schöpferischen Prozess bzw. Nicht-Beschäftigung mit dem Problem oder der Aufgabe dazu führen, dass durch Entspannung die Schaffenskraft und Kreativität steigt. Die bisher gesammelten Informationen und Ideen können dann im Unbewussten arbeiten. Wir alle werden viel mehr aus dem Unbewussten (in uns) gesteuert, als uns oft klar ist. Die Pause ermöglicht Distanz und damit einen Ausbruch aus festgefahrenen Denkmustern. Durch die Entspannung und den Raum für innere und intuitive Prozesse können wir im besten Fall neue schöpferische Impulse aus dem Unbewussten empfangen. Auch im Körper entsteht beim Sport etwas Neues, nämlich Muskeln, in der Regenerationsphase (Yin-Qualität) erst dann also, wenn der Ruhezustand erreicht ist.
„When the mind becomes more still, tranquil, not seeking any answer, neither resisting nor avoiding, it is only then, that there can be some regeneration, that something new is borne. Because in that stillness, in that quietness the mind is capable of perceiving of that which is true. And it is the truth, that liberates, not our efforts to be free.„
Unbekannt
Das Feuer der Zuversicht
„Ich glaube, dass wir einen Funken jenen ewigen Lichts in uns tragen, das im Grunde des Seins leuchten muss und welches unsere schwachen Sinne nur von Ferne ahnen können. Diesen Funken in uns zur Flamme werden zu lassen und das Göttliche in uns zu verwirklichen, ist unsere Pflicht, ja der einzige tiefe Sinn unseres Daseins.“
Johann Wolfgang von Goethe
In der kalten und dunklen Zeit um die Wintersonnenwende geht es darum, das innere Feuer der Hoffnung auf Überleben, auf neues Leben zu entfachen. Natürlich auch im übertragenen Sinn. Wenn etwas vergeht, wird etwas Neues entstehen und den leer gewordenen Raum wieder füllen. Das ist der ewige Kreislauf – von Tod und Geburt, Ruhe und Aktivität, Dunkelheit und Licht, Leere und Fülle, Nehmen und Geben.
Zur Wintersonnenwende können wir uns voller Zuversicht daran erinnern, dass aus der Dunkelheit, dem Stillstand, aus dem Tod etwas Neues, neues Leben entsteht. Denn nichts verschwindet ganz, alles wird nur zu etwas anderem – Transformation und Verwandlung. Das ist auch in der Physik und Chemie anerkannt. Damit wird der ewige Kreislauf am Leben gehalten.
Möget ihr in der Stille und Dunkelheit der Winternacht Raum für die Begegnung mit dem, was gerade da ist, finden – mit der Wahrheit, den Möglichkeiten, dem Schatten und dem Licht. Möge unser inneres Feuer uns durch die dunkelsten Nächte begleiten.
„Search the Darkness Sit with your friends; don’t go back to sleep Don’t sink like a fish to the bottom of the sea. Life’s water flows from darkness. Search the darkness don’t run from it. Night travelers are full of light, and you are, too; don’t leave this companionship. Be a wakeful candle in a golden dish, don’t slip into the dirt like quick silver. The moon appears for the night travelers, be watchful when the moon is full.„
Rumi
Mutternacht – Modraniht
Die Wintersonnenwende wird auch als Mutternacht bezeichnet. In früheren Kulturen wurde zu dieser Zeit auch die Mutter besonders geehrt und gewertschätzt. Sie ist es, die das neue Leben, das Licht auf die Welt bringt. Die Geburt neuen Lebens ist immer wieder ein Wunder. Und so heißt es auch heute noch das Weihnachtswunder.
Wir können uns inspirieren lassen und uns daran erinnern, welche Kraft eine Wertschätzungs- und Dankbarkeitspraxis haben kann. Wir können uns zum einen bewusst all die kleinen Dinge und Gesten, freundlichen Worte und Blicke wertschätzen, die Liebe und Licht in unser Leben und diese Welt bringen.
„In a world where we can be everything, be kind. Every act of kindness makes a difference.“
Unbekannt
Und genauso wichtig ist es, unsere Wertschätzung gerade auch für diese vermeintlich kleinen Gesten mit anderen zu teilen und ihr Ausdruck zu geben.
Die Mutternacht zur Wintersonnenwende ist zudem die Nacht, in der sich nach Überlieferungen die Tore zur Anderswelt öffnen sollen und die heilige und kostbare Zeit der Rauhnächte beginnt. Zwölf Nächte und dreizehn Tage zwischen der Zeit, dem alten und dem neuen Jahr, die wir als Einladung zur Reflexion und Innenschau verstehen können.
Öffnen für das Wunder der Weihnacht
Vieles von der ursprünglichen Bedeutung des Wintersonnenwendfestes und heutigen Weihnachtsfests, als Fest des Lichts, der Hoffnung auf Frieden und der Liebe und Gemeinschaft ist heute verloren gegangen. Die Erwartungen an dieses emotional aufgeladene Fest der Liebe sind oft hoch. Das kann uns unter Druck setzen und Enge erzeugen.
„When we hold on too tightly in life (Anmerkung: auch an unsere Erwartungen, wie eine Situation oder jemand sein soll), there is no room for love. It‘s only when we choose to let go that we discover that space.“
Andi Puddicomb
Deswegen ist es gut, wenn wir unser Innenleben – mit Wohlwollen und Nachsicht – beobachten und uns Öffnen für die Freude und Liebe. Wir können wieder versuchen, uns berühren zu lassen von dem Wunder der Weihnacht. Dabei geht es doch um nichts anderes als die Hoffnung, die jeder von uns Menschen in sich trägt, dass das Leben es gut mit uns meint. Es geht um die Zuversicht, dass es auch in der Dunkelheit Licht, Wärme, Schönheit, Verbindung und Liebe gibt. Wir dürfen in den natürlichen Lebenszyklus vertrauen, dass nach Phasen der Dunkelheit und Entbehrung, wieder Phasen des Lichts, der Leichtigkeit und Fülle kommen.
Es ist eine wunderbare Gelegenheit, dass wir uns für das ganze Leben öffnen, für alles was da ist. Vielleicht ist da auch Einsamkeit, Traurigkeit, dass man geliebte Menschen nicht sehen kann oder dass es soviel Leid auf der Welt gibt. Und wir können versuchen Gelassenheit zu entwickeln, ein kleines bißchen Frieden damit, dass Erwartungen vielleicht enttäuscht werden. Dabei sollten wir behutsam umgehen und uns nicht wieder mit überhöhten Erwartungen überfordern. Denn das kann an Weihnachten mit all der emotionalen Aufgeladenheit, alten Mustern und Erinnerungen besonders herausfordernd sein. Und wir dürfen uns unbedingt öffnen und aufladen mit all den Momenten der Freude, der Verbundenheit und des inneren und äußeren Friedens. Für diese heiligen Momente.
Peace comes when our hearts are open like the sky, vast as the ocean.
Jack Kornfield
Möget ihr voll leuchtender Freude und innerem Frieden mit euch und der Welt sein!
Die Sonne geht im Osten auf, und wir erwachen aus unseren Träumen der Nacht.
Sabine Simeoni
Den Träumen, Visionen und Plänen des Winters. Die Zeit des Rückzugs und der Innenschau geht dem Ende zu. Wir stehen auf und ein neuer Tag beginnt. Die Frühjahrs-Tag und Nacht-Gleiche markiert den kalendarischen Frühlingsbeginn. Der alte Name des März ist Frühlingsmond oder Lenz, das den Wortstamm Länge in sich trägt und auf die länger werdenden Tage Bezug nimmt. Die Kelten und Germanen feierten das Erwachen der Erde mit ausgelassenen Festen und Fruchtbarkeitsriten. Viele Bräuche besonders rund um Ostern haben bis heute überdauert.
Die Göttin Ostara und das Osterfest
Festlichkeiten und Bräuche zum Frühjahrsbeginn und der Rückkehr des Lebens haben sehr alte Wurzeln. Die christliche Kirche hat dieses Thema in der Natur und die uralte Symbolik mit dem christlichen Osterfest und der Geschichte der Auferstehung aus dem Reich des Todes aufgegriffen.
Der Name Ostern kann auf die germanische Göttin Ostara oder Eostre zurückgeführt werden. Ostara oder Ostern ist sprachlich außerdem verwandt mit der Himmelsrichtung Osten, dem Ort des Sonnenaufgangs. Ostara war die Göttin der Morgenröte, die als junge, weiße Göttin die Energie des Aufbruchs und Lebens verkörpert. Es wird vermutet, dass es sich hierbei um einen Beinamen der germanischen Göttin Freya handelt – Ostara also eine Verkörperung der Fruchtbarkeitsgöttin Freya ist. Diese Frühlingsgöttin fährt mit ihrem Wagen – gezogen von Hasen – durch das Land, fängt die warmen Sonnenstrahlen ein und erweckt die Erde zu neuem Leben. Es gibt zudem noch ältere Bezüge zu einer indoeuropäischen Göttin der Morgenröte, wie der indischen Usha, der griechischen Eos oder der römischen Aurora.
Am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrs-Gleiche wird das christliche Osterfest gefeiert. Mit dem Osterfest endet die 40-tägige Fastenzeit. Die Fastenzeit fällt in eine Zeit, in der sich früher die Wintervorräte dem Ende zuneigten und in der Natur nur wenig an Nahrung zu finden ist. Ostern ist das Fest des Todes und der Auferstehung. Thematisch sind damit die gleichen Themen angesprochen, wie bei den vorchristlichen Geschichten und Bräuchen zur Frühjahrs-Gleiche. Ende und Neubeginn, Wiedererstarken des Lichts nach der Dunkelheit. Und es geht auch um tiefe Zuversicht und Staunen. Das Wunder des Lebens wird aus dem Tod, aus dem Winter, der Nacht, dem Verborgenen geboren.
Alte Osterbräuche
Viele Osterbräuche ranken sich um das Erwachen des neuen Lebens aus der Dunkelheit und haben vorchristliche Ursprünge.
So ist das Ei ein uraltes Symbol für die Urquelle des Lebens, das im Dunkeln, im Verborgenen entsteht und ins Licht geboren wird. Der Brauch, Eier zu bemalen, ist ebenfalls uralt. Meist wurden die Eier rot als Zeichen der Erde, des Lebens und der Freude, gefärbt.
Der Oster-Hase mit seinen vielen Nachkommen und seiner großen Fruchtbarkeit wurde als heiliges Tier der Frühlingsgöttin Ostara bzw. Freya verehrt. Er zog ihren Wagen, mit dem sie über das Land zog und die Erde zu neuem Leben erweckte. In den Kulturen des Nahen Ostens hatte der Hase, der als eng verbunden mit dem Mond und seinen Kräften angesehen wurde, als Mondhase ebenfalls kultische Bedeutung. Zum Fest der Freya im Frühling wurden ihr Hasen geopfert und dienten als aphrodisische Opferspeise. Der Osterbraten ist auch heute nicht ein traditionelles Festtagsgericht zu Ostern.
In Süddeutschland wird zu Ostern aus sieben grünen Zweigen – Buchs, Eibe, Sadebaum, Thuja, Tanne, Fichte, Weidenkätzchen und Buche – ein Kranz gebunden und an einem Holunderkreuz auf einem Haselnussstock befestigt. Das vierspeichige Radkreuz wird mit bunten Ostereiern geschmückt. In der Kirche wird das Gebinde gesegnet. Im Anschluß wird es häufig am Gartentor aufgestellt, um die Bewohner des Hauses vor bösen Kräften zu schützen. Dieser Brauch geht schon auf die vorkeltische Bauernkultur zurück, die im Frühling Radkreuze mit grünen Pflanzen als Flursegen sonnenläufig um die Felder trugen.
Bei den Kelten und Germanen hatten Festlichkeiten zum Zeitpunkt der Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche eine große Bedeutung, die den Frühling und das wiedererwachende Leben feierten. Dieses Fest zum Wiedererstarken der Sonne und des Lichts wurde früher mit großen und von Weitem sichtbaren Leuchtfeuern gefeiert. Dieser Brauch ist noch heute in Form der großen Osterfeuer lebendig.
Gleichgewicht – Licht und Dunkelheit
Licht und Dunkelheit halten sich zur Frühjahrs-Gleiche die Waage. Tag und Nacht sind überall auf der Welt für einen kurzen Moment gleich lang. Die gegensätzlichen Pole befinden sich für kurze Zeit im Gleichgewicht: Tod und Leben. Sterben und (Wieder)Geburt bzw. Auferstehung. Licht und Dunkelheit. Tag und Nacht. Kälte und Wärme. Innen und Außen. Abschied und Neubeginn. Ende und Anfang. Stille und Lebendigkeit. Ruhe und Aktivität. Mond und Sonne. Im Mondzyklus spiegelt sich das Gleichgewicht von hell und dunkel im zunehmenden Halbmond wider.
Und es wird klar – das jede Seite der gegensätzlichen Pole ihre Berechtigung, ihre eigene Qualität und tiefe Schönheit Inne hat. Leben braucht Energie. Jede Bewegung braucht die Antriebskräfte, die durch den ständigen Wechsel und die Anziehungskraft bzw. auch den Widerstand der Gegenpole zueinander entsteht.
Gleichgewicht ist ein Zustand, der in vielen Gebieten eine Rolle spielt. Oft wird Gleichgewicht und Balance als „das“ erstrebenswerte Ziel dargestellt. Gleichgewicht in der Natur, der Gesellschaft, im Körper, Herz und Geist. Im Buddhismus wird der mittlere Weg zwischen zwei Extremen (bei Buddha zwischen Askese und Hedonismus) als Praxisweg zur inneren Befreiung gelehrt. Es wird davon ausgegangen, dass es ein Ausdruck von seelischer, psychischer und körperliches Gesundheit ist, wenn wir ausgeglichen und in Balance sind. Und das ist sicherlich auch nicht falsch. Wichtig ist aber, sich zu vergegenwärtigen das Gleichgewicht kein stabiler Zustand ist und als solcher vermutlich auch nicht gesund. Denn manchmal brauchen wir mehr Aktivität, beispielsweise um ein Ziel zu erreichen. Genauso gibt es Phasen in unserem Leben, wo wir mehr Ruhe benötigen.
Genau das spiegelt sich auch in der Natur wider. Die Natur – und so auch wir Menschen – sind voll von gegensätzlichen Kräften, Elementen und Qualitäten – heiß und kalt, hart und weich, flüssig und fest, stark und schwach, tot und lebendig, hell und dunkel. Die grundlegende Intelligenz der Natur bringt Gegensätzliches immer wieder in Balance. Dabei geht es aber nicht um das lineare Erreichen eines Ziels, dass einmal hergestellt für immer andauert. Im Gegenteil in der Natur ist Gleichgewicht als dynamischer Pendelprozess zu verstehen. Das können wir auch im Kreis der Jahreszeiten, im Tages- und Mondzyklus erkennen. Balance ist ein fließender Prozess der fortwährenden Anpassung, Veränderung und des Ausbalancierens. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass es auch nicht gesund und heilsam ist, einen fixen Zustand des Gleichgewichts anzustreben.
Damit sich der Kreislauf des Lebens weiterdrehen kann, braucht es Gleichgewicht, aber auch Ungleichgewicht – Wachstum und Stillstand und etwas dazwischen. Wir können von der Natur lernen, dass es bei Balance nicht darum geht, einen „perfekten Zustand“ zu erreichen. Viel wichtiger ist die Pendel-Fähigkeit, die Hochs und Tiefs mit Gelassenheit zu nehmen. Ebenso wichtig ist es, ein Gefühl dafür zu bekommen, was es gerade braucht – Gleichgewicht oder vielleicht auch ein „Mehr“ oder „´Weniger“ einer bestimmten Kraft. Hier dürfen wir von der Weisheit der Natur lernen. Im Jahreskreis bilden etwa die gegensätzlichen Kräfte der Jahreszeiten – Winter und Sommer, Frühling und Herbst – erst zusammen einen ganzheitlichen Wachstumsprozess. Ganzheit entsteht hier durch das Durchleben von unterschiedlichen und gegensätzlichen Qualitäten von Aktivität und Ruhe. Man kann hier ein Ineinanderfließen beobachten von Entstehen, Verwirklichung, Vergehen und Leere.
Wir können uns zur Frühjahrs-Gleiche daran erinnern, dass es letztlich darum geht, im Rhythmus der Natur und des Lebens zu sein. Wir sind natürliche Lebewesen. Damit ist diese natürliche Intelligenz des beständigen Pendelns und Ausbalancieren auch in uns vorhanden. Wir alle haben die Fähigkeit, mit dem Fluß des Lebens zu fließen, anstatt dagegen anzukämpfen.
Neubeginn
In der Natur stehen wir nun an der Schwelle eines neuen Lebenszyklus. Jetzt geht es los! Das was im Inneren und Verborgenen schlummerte, an Ideen, Projekten und Inspirationen drängt nun immer stärker an die Oberfläche. Aufbruchstimmung macht sich nun breit. Alles scheint nun möglich. Wir dürfen nun loslegen. Im Jahreskreis stehen wir symbolisch am Beginn einer neuen Zeit, im Osten, dem Sonnenaufgang. Der Frühling bringt das neue Leben in die Natur zurück.
In früherer Zeit wurde das Erwachen der Erde und der neue Wachstumszyklus mit Fruchtbarkeitsriten zu Ehren der jungen Erdgöttin (im deutschsprachigen Raum Erda, Erke, Berta, Hertha oder Gerda; in Nordeuropa Nerthus oder Jörg) gefeiert. Felder und Erde wurden gesegnet und ausgelassene Feste veranstaltet. Bei den Kelten war es der Hirschgott Cerunnos, der die Erdgöttin aus dem Winterschlaf wachküsste. Das Motiv der wiedererwachenden Lebenskraft ist in dem Märchen Dornröschen überliefert und findet sich auch in anderen Kulturen.
Ostern, Ostara bzw. die Frühjahrs-Gleiche stehen außerdem für die Zuversicht, dass wir zu Beginn eines jeden Zyklus, jedes Jahres, jeden einzelnen Tags und jeden einzelnen Augenblicks, neu beginnen können! Egal was war. Neustart! Das kann eine wundervolle und befreiende Haltung und Hoffnung sein.
Neue Lebenskraft und Erneuerung
Zur Zeit der Frühjahrs-Gleiche können wir die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen und eine Zeit des Umschwungs beobachten. Da ist Frühjahrsmüdigkeit UND da ist neue Lebenskraft. Doch das Pendel schwingt nun Richtung Kraft und Lebensfreude. Angesichts der Aufbruchstimmung in der Natur reißen uns die Frühlingsgefühle mit sich.
Wildkräuter sprießen überall und helfen die Frühjahrsmüdigkeit zu vertreiben. Das machen sich auch manche Tiere zu Nutze. Bären haben beispielsweise ein großes Wissen über die Wirkkräfte von Heilpflanzen bei Verwundungen oder Erkrankungen. Die Menschen früher wußten das und haben sich manches abgeschaut. Der Bärlauch ist eine solche Kraftpflanze der Bären, den die Bären zur Darmreinigung und Kräftigung nach dem Winterschlaf genutzt haben sollen.
Die Sonne gewinnt an Kraft und Wärme. Das Licht nimmt zu und verdrängt langsam die Dunkelheit. Die helle Hälfte des Jahres bricht nun an. Die Säfte fließen aus der Tiefe der Erde zurück in die Bäume und Sträucher. Sie bringen neues Leben und neue Farbe in die Welt. Bereits die Germanen zapften das im Frühjahr aufsteigende Wasser der Birken als Getränk. Falls ihr das Ausprobieren möchtet, achtet bitte gut auf die Birke und zapft nur kleinere Äste an.
Legt man den Zyklus des Menschenlebens über den Jahreskreis, so befinden wir uns nun an der Schwelle von der Kindheit in die Pupertät – den Übergang in das Erwachsenenleben. Dies ist eine Phase der radikalen Erneuerung. Gesellschaftlich gesehen bringen junge Menschen neue Ideen, Wertvorstellungen und kraftvolle Aufbruchstimmung ein. Dadurch wird für eine beständige Erneuerung der Gesellschaft gesorgt. Auf der persönlichen Ebene lassen wir in dieser Lebensphase viel zurück – unsere Kindheit mit allem, was dazu gehört. Wir erneuern sozusagen, wer wir sind, und werden nun langsam ein Erwachsener. Wir blicken – vielleicht auch mit ein wenig Unsicherheit und Angst – aber doch voller neuer Lebenskraft, Ideen und Träume in unsere Zukunft.
Erste Schritte – Verletzlichkeit und Mut
Man kann nun gut beobachten, dass die Knospen immer praller werden, bis sie aufplatzen und die ersten Blüten sich entfalten. Die ersten zarten hellgrünen Triebe und Keime kämpfen sich durch die Erde und zeigen sich. Sie sind verletzlich UND gleichzeitig voller neuer Kraft. Auch hier vereint sich wie so oft im Leben das scheinbar Gegensätzliche.
Die Tiere und Vögel kehren langsam aus dem Winterexil, der Winterstarre oder dem Winterschlaf zurück. Die Stille des Winters weicht lauten Vogelgesängen und Insektenbrummen. Die Küken und Vögel schlüpfen aus dem Ei und die Tiere bekommen ihre Babys.
Am Anfang braucht es oft viel Mut und Kraft, um erste Schritte in das Ungewisse und Unbekannte zu wagen. Ich kann in diesen Tagen die wackligen Schritte der jungen Kälber bei mir um die Ecke beobachten. Und es wird mir klar, dass es vollkommen natürlich ist, dass diese ersten Schritte vielleicht noch ängstlich und unbeholfen sind. Aber es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen, auch wenn wir jetzt vielleicht das genaue Ziel noch nicht kennen. Jetzt ist die Zeit, um etwas Neues zu beginnen, etwas Neues in die Welt zu setzen. Wir können ernst machen mit unseren Plänen, ernst machen mit unserem kostbaren Leben. Unsere Träume, Visionen und Wünsche dürfen nun Gestalt annehmen und in der realen Welt umgesetzt werden (Martina Kaiser). Wir können säen, nähren und wachsen.
Im Frühling gibt es auch Gegenkräfte. Das Wetter ist oft wechselhaft. Es kann nochmal richtig kalt werden und auch Nachtfröste sind nicht ausgeschlossen. Die ersten Pflanzen sind zart und ungeschützt. Und dennoch wagen sie es. Sie wachsen und die ersten Blüten und Blätter öffnen sich. Der Name April kommt vom lateinischen Wort aperire = sich öffnen. Es heißt, der April öffne die Knospen und Blüten ebenso wie die Herzen der Menschen. Das kann man gut spüren, wenn die Sonne die Seele und das Herz nach langer Dunkelheit erhellt.
Ohne die Bereitschaft zur Öffnung kommen wir nicht in Kontakt zu der Kraft des Lebens, zu dem, wie das Leben wirklich ist. In jedem von uns Menschen ist ein zutiefst verletzlicher Kern, eine natürliche Verletzlichkeit. Bedingt durch die evolutionäre Konditionierung des für das Überleben verantwortlichen Teils des Gehirns schlummern in jedem Menschen Ängste, Unsicherheit und Unbehagen. Das ist zutiefst menschlich, da sich unsere Gehirne jahrtausendelang so entwickelt haben, um zu Überleben. Eine gesunde Angst war und ist ein wichtiges Gefühl, um gut durch gefährliche Situationen zu kommen.
Wer sich öffnet, wird zwar auch verletzlich. In Kontakt mit der eigenen Verletzlichkeit zu kommen, heißt aber auch in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Und das bietet die Chance für Wachstum. Rückschläge und Widerstände gehören zum Wachstum dazu und fördern es sogar. Ihre Widerstandsfähigkeit bekommen die Pflanzen, in dem sie den Kräften der Natur ausgesetzt sind. Und auch in der Natur ist es so, dass nicht alle Pflanzen und Lebewesen es schaffen. So ist es auch mit unseren Ideen und Entwicklungen. Nicht alle Ideen erweisen sich als überlebensfähig. Das ist in Ordnung. Das Prinzip des „Try and Error“ ist tief in der Natur verankert. Wir dürfen immer wieder neu probieren.
Die Pflanzen im Frühling öffnen sich zunächst vorsichtig. Sie warten ab, wenn es kälter wird. Es kann klug sein, sich angemessen zu schützen. Auch wir Menschen legen uns Schutzstrategien zu, die zum Teil sehr sinnvoll und Überlebens notwendig sind. Manche Schutzstrategien können uns aber aus Angst vor Verletzung davon abhalten, uns zu öffnen und in Kontakt mit der Lebendigkeit des Lebens und mit uns selbst zu kommen. Solche Schutzstrategien – wie Wut, übermäßiges Essen, Ablenkung (Handy, Fernsehen) oder übermäßige Anpassung – können dafür sorgen, dass wir erstarren und in unserer Komfortzone bleiben. Wenn wir nie etwas Neues wagen, nie unsere Komfortzone verlassen, können wir nicht wachsen und uns lebendig fühlen.
Zur Frühjahrs-Gleiche kann ich mich damit auseinanderzusetzen, was „meine“ Schutzmechanismen und Verhaltensmuster sind. Das kann mir helfen, mich dafür zu öffnen, wer ich auch noch bin. Es geht darum mitzubekommen, was gerade da ist und liebevoll damit zu sein. Alles darf so sein, wie es ist – ob es angenehm oder unangenehm ist. Wir können behutsam einen Raum für unsere Ganzheit öffnen, in dem unsere Stärken, unsere strahlenden Seiten und unsere menschliche Verletztlichkeit sein darf. Dabei ist wichtig, dass wir uns hier nicht überfordern, sondern schauen, ob wir gerade Kapazitäten haben, uns unsere Verletzlichkeit und unsere Schutzschichten anzuschauen. .
Gute Wachstumsbedingungen und Wurzeln
Zu Beginn der neuen Wachstumsperiode geht es auch darum Wurzeln zu schlagen und das neue zarte und verletzliche Pflänzchen zu nähren. Wachstum ist nur möglich, wenn man über Wurzeln verfügt, die uns Halt und Stabilität und Nahrung geben. Es geht in dieser Zeit daher auch darum, sich eine stabile Basis und einen guten Nährboden zu schaffen und unser Augenmerk auf gute Bedingungen für inneres und äußeres Wachstum zu legen.
Vom guten Gedeihen der Pflanzen hing früher Leben und Überleben ab. Daraus haben sich wie oben bereits beschrieben zahlreiche Bräuche entwickelt- zum Segnen der Felder, etwa in Flurumgängen oder in vorchristlichen Frühjahrsriten zu Erweckung der Mutter Erde und zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttinnen und -götter.
Reflexionsfragen zur Frühjahrs-Gleiche
Der Jahreskreis kann uns gleich einem Kompass Orientierung geben, wo wir stehen und was für weitere Entwicklung gebraucht wird. In unserem Leben, unserer persönlichen Entwicklung, einer Beziehung, mit einem Projekt, einer Idee. Dazu können wir uns Reflexionsfragen stellen. Wir können Antworten auf die Fragen aufschreiben, mit den Fragen in die Natur gehen, sie mit in die Meditation nehmen. Zur Frühjahrs-Gleiche können folgende Fragen passen. Schau, was für dich gerade passend erscheint. Und nicht immer sind wir synchron mit den Jahreszeiten. Es kann auch sein, dass du feststellst, dass du dich gerade an einer anderen Stelle im Jahreskreis befindest.
Zunächst können wir nun bewusst Abschied nehmen von der Nacht, die eine liebevolle Lehrmeisterin in Geduld, Ruhe, Regeneration und Innerlichkeit ist:
Welche Schatten sind uns begegnet? Welche Ängste? Welche Träume sind in uns aufgestiegen? Welche Erkenntnisse hatten wir?
Dann können wir uns bewusst der Zeit des Lichts, der Wärme und des Liebens, des Handeln und Gestaltens und des Wachstums zuwenden:
Welche bislang verborgenen Wünsche und Visionen möchten jetzt an die Oberfläche ins Licht und gelebt werden? Welche im Winter geborenen Träume möchten jetzt erfahren, möchten gespürt und in mein reales Leben umgesetzt werden?
Welche Schutzstrategien habe ich, die mich davon abhalten, etwas Neues zu beginnen, meine Komfortzone zu verlassen und meine Träume zu verfolgen?
Was brauche ich, damit meine Vision, ein Projekt oder Plan in die Wirklichkeit umgesetzt werden und wachsen kann?
Passt alles oder kann ich noch etwas (auch etwas Kleines) verändern, eine neue Gewohnheit beginnen, die mir neue Räume für Wachstum und Lebendigkeit öffnet?
Was brauche ich, um im Frieden zu sein in meinem Leben, so wie es ist, mit allen hellen und dunklen Seiten?
Möget ihr durch die Höhen und Tiefen dieses Lebens mit Gelassenheit und Weisheit navigieren! Möget ihr den Mut haben, eure Träume Schritt für Schritt in die Wirklichkeit umzusetzen. Möget ihr eure Wurzeln und Träume nähren, damit sie zu starken Bäumen wachsen können, die den Himmel berühren.
Möget ihr den Frühling und die Rückkehr des Lebens feiern!
Eastern sun melt the cold from my bones Curtain rise, take the darkness from my eyes Breathing in, pulling life into my lungs as a child, I am born again.
Ayla Nereo
Quellen
Kaiser, Martina: Der Jahreskreis; Sabine, Simeoni: Wildes Naturhandwerk; Kirschgruber, Valentin: Von Sonnenwend bis Rauhnacht; Rätsch, Christian: Der heilige Hain; Storl, Wolf-Dieter, Pflanzen der Kelten.
In meinem Naturtagebuch halte ich meine Beobachtungen und Gedanken zu Bäumen fest – im Fall der Eibe zu einer ganz bestimmten Eibe. Mit meinem Baum-Journal lasse ich die uralte Verbindung unserer Ahnen zu den Bäumen wieder aufleben. Bäume sind uralte Lebewesen, die uns ähnlicher sind, als wir denken. Bäume warten für uns Menschen seit Urzeiten Götter, Lehrerinnen und Heiligtümer. Wir können viel von ihnen lernen – über die Welt, über Verbindung und uns selbst.
„Meine“ Eibe habe ich ein Jahr lang genau beobachtet – wie sie blüht, ob sie Früchte und Zapfen bildet. Wer ihre Nachbarn sind. Wer sie bewohnt, wer sie besucht und Spuren auf ihrer Rinde hinterlässt. Ich habe diese Eibe immer wieder ganz bewusst aufgesucht – sie ist mir nun sehr vertraut – „meine“ Eibe. Wir kennen uns. Sie ist meine Lehrerin und hat eine Bedeutung für mich.
Nature Journaling ist eine der Kernroutinen der Wildnispädagogik. Gleichzeitig ist sie eine wichtige Praxis der Naturachtsamkeit.
Beim Nature Journaling geht es nicht darum, besonders schöne Zeichnungen zu erstellen. Wir sind völlig frei darin, wie wir unser Naturtagebuch führen – mit Skizzen, Bildern, Worten oder auch Sammelstücken. Diese Freiheit sollten wir uns nehmen und uns frei von Erwartungsdruck und Konzepten von „Schön“ und „Wertvoll“ machen. Wichtig ist, dass wir unseren eigenen Weg und Ausdruck finden. Und wie bei jeder Praxis ist Regelmäßigkeit von entscheidender Bedeutung. Lieber weniger, aber häufiger. Beim Nature Journaling geht es um Naturverbindung, Verbindung zu uns selbst, Achtsamkeit, Neugier und Kreativität.
Wenn wir unsere Beobachtungen in Worte und Bilder fassen wollen, müssen wir uns Zeit nehmen und genau hinschauen. Das entschleunigt. In diesem Raum entstehen Fragen und Neugier. Wir kommen ins Erforschen und Entdecken. Weitere Fragen entstehen. Ich fange an, in Bestimmungsbüchern und Büchern über altes Pflanzenwissen nachzuforschen. Dadurch kann eine tiefe Verbindung zu den Lebewesen, Bäumen und Pflanzen entstehen. Im Fall meiner Eibe sogar zu einem ganz bestimmten Baumwesen.
Was macht die Eibe aus?
Die Eibe ist ein verhältnismäßig kleiner oft nur strauchartiger Baum mit einer Höhe bis zu 15 Metern. Im Alter ist sie oft mehrstämmig und stark verwachsen. Trotz ihrer geringen Größe ist sie in der Kultur der Menschen schon lange – etwa bei den Kelten, Germanen und Römern – ein mächtiger, alter Kulturbaum. Meist wird ihr eine eher düstere und unheimliche Bedeutung mit einer starken Verbindung zum Tod und zur Anderswelt, der Geisterwelt, zugeschrieben. Unzählig viele Geschichten, Mythen und Legenden ranken sich um diesen Baum. Kennst du auch welche?
Giftigkeit und Bogenholz
Ein Grund für die düstere Aura, die die Eibe umgibt, ist ihre Giftigkeit. Hierauf verweist auch der lateinische Name der Eibe Taxus baccata. Unter einem Toxikum versteht man ein Pfeilgift. Und genau so wurde das Gift der Eibe (Blätterabsud) früher auch verwendet. Bis auf den fleischigen Samenmantel der roten Scheinfrüchte sind alle Bestandteile der Eibe – Rinde, Nadeln und Kerne – hoch giftig (Alkaloid Taxin und Glykosid Taxicatin). Kleinste Mengen reichen für tödliche Vergiftungen, die zu Atemlähmung und Herzstillstand führen.
An warmen Tagen kann die Eibe psychoaktive Gase mit einer haluzinogenen Wirkung freisetzen. Bereits im Märchen Jorinde und Joringel von den Gebrüdern Grimm, in Shakespeares Romeo und Julia und alten Volksweisheiten wird von solchen Erfahrungen erzählt bzw. vor längeren Aufenthalten im Eibenhain gewarnt. Dies steht im Einklang mit der Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zur Anderswelt.
Das griechische Wort Toxon bedeutet Bogen. Das harte, aber sehr flexible Holz ist seit der Steinzeit als Bogen- und Speerholz beliebt und wurde schon von den Neanderthalern verwendet. Die hohe Nachfrage, etwa für englische Langbögen, und Übernutzung wird als Grund genannt, warum die Eibe auf der roten Liste für bedrohte Arten steht. Bei den Bauern wurde sie zum Teil auch aufgrund ihrer Giftigkeit für das Vieh gefällt.
Schwellenbaum – Leben und Tod
Die Kelten glaubten, dass die langsam wachsende Eibe, das langlebigste Lebewesen der Welt sei. Es wird vermutet, dass einige Bäume mehrere Tausend Jahre alt sind. Die Eibe ist in ihrer spirituellen Bedeutung für die Kelten und Germanen ein mächtiger Schwellenbaum – an der Schwelle vom Leben zum Tod, von der sichtbaren Welt zur nicht sichtbaren Anderswelt. Der keltische Name „ivo“, „ivos“ oder „ibar“ könnte mit dem alten Wort „ewa“ oder „ewig“ verwandt sein. Nach alten Mythen öffnet die Eibe die Pforte zur Ewigkeit, indem sie den Lebenskreislauf von Entstehen und Vergehen, von Raum und Zeit durchbricht.
„Raum und Zeit sind die Bedingungen der menschlichen Identität und Wahrnehmung. (…) Sobald die Seele aber den Körper verlässt, steht sie nicht mehr unter der zweifachen Bedingung von Raum und Zeit. Die Seele ist frei da zu sein, wo immer sie zu sein wünscht.“
John O’Donohue, Anam Caram
Die Eibe ist ein Symbol für den Tod und die Ewigkeit. Dies ist der Grund, warum sie heute noch häufig rund um Friedhöfe – so in meiner Nachbarschaft um den Waldfriedhof in Köln-Dellbrück – anzutreffen ist. Die Eibe gilt als einer der heiligsten Druidenbäume. Zauberstäbe der keltischen Druiden und magische Schutzamulette sollen aus Eibenholz hergestellt worden sein. Es wird vermutet, dass der Weltenbaum Yggdrasil aus der germanischen Mythenwelt nicht eine Esche, sondern immergrüne Eibe ist. Bei den Kelten war die Eibe der Todesgöttin Morrígan gewidmet, deren dunkle Zeit mit dem keltischen Jahreskreisfest Samhain – heute Halloween – im Oktober beginnt. Zu Samhain sollen die Schleier zur Anderswelt besonders dünn sein. Die Geister können leichter in unsere Welt kommen und auch wir haben leichteren Zugang zur nicht sichtbaren Welt. Mit dem Tod des Lebens im Herbst beginnt die Zeit der Erneuerung im Verborgenen der Erde. Aus dem Samen wird in der Dunkelheit neues Licht (Wintersonnenwende) und neues Leben geboren. Hierfür steht die Verbindung des keltischen Wald-Gottes Cernunnos, mit seinem Hirschgeweih, und der Göttin der Erde Ana oder Dana. Der Samen des Waldes spendet Leben auf der Erde. Die dunkle Seite der Eibe, der Tod, ist damit als Ausdruck von Ganzheit auch mit dem Neubeginn, der Wiedergeburt des Lichtes und Leben verbunden.
Was bedeutet die Eibe für mich? Was lehrt mich meine Eibe?
Ich habe meine Eibe in unserem Garten erst spät – nach ein paar Jahren – entdeckt und wirklich wahrgenommen. Sie war zunächst versteckt zwischen einigen Fichten. Die Fichten haben die heißen, trockenen Sommer (2018, 2019 und 2020) nicht überlebt. Aber meine Eibe hat tiefe Wurzeln. Sie hat diese Zeit völlig unbeschadet überstanden. Die Eibe steht im Schatten der großen Bäume – Kirsche, Götterbaum und Tanne. Das stört sie nicht. Die Eibe muss nicht im Mittelpunkt stehen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Langsam wächst sie und trotzt schwierigen Bedingungen. Sie ist eine gute Lehrerin in Durchsetzungsfähigkeit, Gelassenheit und Bescheidenheit. Sie lehrt mich, wie wichtig es ist, gut verwurzelt zu sein, damit man sich sicher fühlen kann und Halt in schwierigen Phasen hat. Tiefe Wurzeln machen uns resilient, so dass man sich nach Zeiten der Dürre und des Mangels wieder erholen kann.
Ich mag die spirituelle Bedeutung der Eibe als Schwellenbaum zwischen Leben und Tod, sichtbarer und nicht sichtbarer Welt. Sie ist für mich ein Symbol für die Vergänglichkeit. Nach den Buddhisten ist die Vergänglichkeit oder Veränderlichkeit – Anicca – eines der drei Merkmale, die unser Dasein auf dieser Welt prägen. Es lohnt sich, sich immer mal wieder zu vergegenwärtigen, dass alles im Leben entsteht und vergeht. Das kann sensibel machen für die Kostbarkeit des Lebens, des Moments, einer Beziehung oder Begegnung mit einem geliebten Lebewesen. Es motiviert mich, meine Zeit für die Dinge zu nutzen, die mir wirklich wichtig sind und nicht in Streit und Trennung zu bleiben.
Gleichzeitig steht die Eibe für mich für die tiefen Wurzeln und guten Ressourcen, die man manchmal braucht, um den Schmerz und die Traurigkeit halten zu können, die beim Abschied nehmen entstehen kann. Die Eibe ist für mich eine tröstliche Erinnerungan den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen (siehe hierzu auch: Keltischer Jahreskreis – Ein europäisches Medizinrad), daran, dass sich nach dem Tod etwas Anderes auftut. Die Physik lehrt uns, dass nichts für immer verschwindet. Alles wird nur zu etwas Anderem. Das gilt auch für uns. Vielleicht hat der Tod neben all dem Schmerzhaften auch etwas Befreiendes, wenn wir nicht mehr an Raum und Zeit gebunden sind. Vielleicht ist es dann vorbei mit dem Schmerz, der durch das Raumempfinden und das damit verbundene Gefühl der Trennung entstehen kann – ich bin Anne, ich bin allein in meinem Körper, mit meiner Wahrnehmung, auf meinem Anne-Planeten. Und auch mit dem Schmerz aufgrund unseres Zeitempfindens, dass alles wieder vergeht und nichts für immer ist – auch schöne Momente, Beziehungen, körperliche Kraft mit dem Altern. Die Eibe erinnert mich tröstlich daran, dass die Toten – in welcher Form auch immer – unter uns sind.
„Auf die Frage, wohin die Seele gehe, wenn der Mensch stirbt, antwortete Meister Eckhart: An keinen Ort. Wohin sonst könnte die Seele gehen? Wo sonst wäre die ewige Welt? Sie kann nirgendwo sein als hier. Unser begriffliches Denken macht die ewige Welt fälschlicherweise zu etwas Räumlichem und rückt sie dann in unermessliche Ferne, wie irgendeine unbekannte Galaxie. Doch die ewige Welt scheint gar kein Ort, sondern vielmehr eine andere Seinsebene zu sein. Die Seele der Verstorbenen geht nirgendwohin, weil es gar keinen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnte. Dies deutet darauf hin, dass die Toten hier bei uns sind, in der Luft, durch die wir uns ununterbrochen bewegen. Der einzige Unterschied zwischen uns und den Toten ist der, dass sie sich jetzt in einer unsichtbaren Form befinden. Wir können sie mit unserem menschlichen Auge nicht sehen, wohl aber können wir die Gegenwart jener Toten spüren, die wir zur Lebzeiten geliebt haben“ .
John O’Donohue, Anam Caram
Die Eibe steht für mich für Ganzheit. Ich spüre Widerstand und Angst wegen ihrer Giftigkeit. Die Eibe kann mich lehren, auch mit unseren Schattenseiten und den zerstörerischen Kräften in Kontakt zu kommen. Auch diese Seiten sind Teile von uns Menschen. Es ist eine lebenslange Übung einen Umgang mit den Schatten zu finden. Und Zerstörung hat etwas kraftvoll Reinigendes. Die Eibe erinnert daran, dass manchmal erst etwas gehen muss, damit etwas Neues entstehen kann.
In den Monaten der intensiven Beobachtung und des Nature Journaling hat sich etwas verändert – ich sehe meine Eibe mit anderen Augen, mit den Augen meines Herzens. Ich spüre eine persönliche Verbundenheit mit diesem konkreten Baum. Meinen Drillbogen habe ich den alten Traditionen folgend aus dem Holz meiner Eibe gefertigt. Dieser Bogen bedeutet mir etwas.
Quellen
Young, Jon / Hass, Ellen / McGown, Evan: Coyote-Guide, Grundlagen der Wildnispädagogik; Hillgärtner, Verena: Nature Journaling; Storl, Wolf-Dieter: Unsere fünf heiligen Bäume, S. 143 ff.; Urbanovsky, Claudia / Le Scouezec, Gwenc’Hlan: Der Garten der Druiden, S. 325 ff.; Krämer, Claus: Mythen und Sagen der Kelten, S. 90; Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden, S. 197.
Das Licht kommt zurück. Das Leben erwacht nun bald vom Rückzugsort im Inneren der Erde und wächst wieder nach außen. Aber noch ist es nicht soweit.
Noch ist das beginnende Leben nicht sichtbar. Die Samen wachsen in der Dunkelheit der Erde. Die weiße Göttin Brighid bereitet in dieser Schwellenzeit den Weg des Samens vor, um ihn aus der Dunkelheit, dem Unbewussten, in die Bewusstheit, das Tageslicht, zu führen. Begleitet wird sie von einem Bären, der noch nicht zu seiner wahren Gestalt als Sonnengott erstrahlt ist. Es ist eine Geschichte von Geduld und Vertrauen. Auch inneres Wachstum geschieht häufig langsam und zunächst unbemerkt.
Nicht mehr innen, noch nicht außen. Nicht mehr Winter, noch nicht Frühling. Nicht mehr dunkel, noch nicht hell. In dieser ZwischenZeit im Februar geht es um Reinigung und Bereinigung zur Vorbereitung auf den bald neu erwachenden Lebenszyklus. Es ist eine Zeit, in der diffuse Träume und Visionen konkreter werden dürfen, um dann im neuen Lebenskreis Wirklichkeit zu werden und Gestalt anzunehmen. Zu Imbolc reitet die strahlende Brighid auf ihrem Hirsch durch das Land und erweckt die erstarrte Erde aus ihrem Winterschlaf zu neuem Leben. Wo sie den Boden berührt, wachsen Schneeglöckchen.
Auf der Nordhalbkugel ist es die Zeit im Jahr mit dem knappsten Nahrungsangebot in der Natur. In dieser für unsere keltischen Vorfahren entbehrungsreichen Zeit feierten die Menschen zum Jahreskreisfest Imbolc (1. Februar oder 2. Vollmond) die Rückkehr des Lichts, das Vertrauen auf neue Lebenskraft und auf einen Neubeginn.
Dazwischen – ZwischenZeit
Das Licht kommt nun Tag für Tag mehr zurück. Die Geburt der ersten Lämmer war für die Menschen früher ein Zeichen dafür, dass der Frühling bevorsteht. Die Tiere bekommen bald ihren Nachwuchs. Die Erde wird wieder fruchtbar. Das Leben erwacht in Kürze vom Rückzugsort im Inneren der Erde und zeigt sich wieder im Außen. Aber noch ist es nicht so weit. Die Zeitqualität im Februar ist besonders: Dazwischen – ZwischenZeit – an der Schwelle. Der Winter ist vorbei, der Frühling noch nicht da. Für unsere Vorfahren, die Kelten, bedeutete dies: Die Wintervorräte gehen zu Ende, aber in der Natur gibt es noch nicht viel Neues. Nicht mehr Winter, noch nicht Frühling. Es ist die Zeit der Morgendämmerung. Die Nacht ist vorbei, aber die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber man spürt und sieht bereits ihre wachsende Kraft. Nicht mehr dunkel, noch nicht hell. Nicht mehr innen, noch nicht außen.
In dieser ZwischenZeit bereitet die weiße Göttin Brighid den Weg des Samens vor. Tief drinnen im dunklen Schoß von Mutter Erde liegt das Samenkorn. Es wächst im Stillen für uns noch nicht sichtbar. Brighid hütet diese Samen, um sie vom Unbewussten, aus der Dunkelheit, in die Bewusstheit, in das Tageslicht zu führen.
Zeitqualität und andere Zyklen
In der Natur kommt das Licht zurück, das neue Leben erwacht ganz langsam. Es ist die Zeit der Vorbereitung und Reinigung, Inspiration und Vision. Legt man den Tageszyklus über den Jahreskreis, ist es die Zeit der Morgendämmerung. Ihr entspricht die Himmelsrichtung Nord-Osten. Im Mondzyklus haben wir den zunehmenden Sichelmond. Das Licht nimmt nach dem Neumond zu. Es ist eine Zeit des Neubeginns, des ersten vorsichtigen und meist noch nicht sichtbaren Wachstums. Im Zyklus des Menschenlebens steht nun die Geburt des in der Dunkelheit herangewachsenen neuen Menschenlebens in unsere sichtbare Welt bevor. Aus dem Unbekannten kommt ein neues Lebewesen auf diese Welt. Noch wissen wir nicht genau, welches Wesen, mit welchen Eigenschaften und welchem Charakter hier Gestalt annimmt und Wirklichkeit wird. Noch ist das alles vages Glauben, Ahnen und Träumen.
Keltisches Jahreskreisfest Imbolc: Die Rückkehr der Lichtgöttin Brighid
Imbolc oder Imbolg ist ein altes keltisches Fest (gälische Tradition: Irland, Schottland), das im Jahreskreis zwischen der Wintersonnenwende und der Frühjahrstagundnachtgleiche gefeiert wird, an der Schwelle vom Winter in den Frühling. Es ist mit Samhain, Beltane und Lughnasad (siehe Keltischer Jahreskreis) eines der vier gälischen Feste, welche das Jahr in vier Zeiträume einteilen. Ursprünglich wurde Imbolc wohl als Vollmondfest zum zweiten Vollmond im Jahr, dem Eismond, gefeiert. In Irland feiert man heute noch zu Ehren der christlichen Heiligen Brighid am 1. Februar die Rückkehr des Lichts und Lebens. Die Christen fixierten das Datum der christlichen Adaption Maria Lichtmess auf den 2. Februar.
Genaue Riten, die geografische Verbreitung und lokale Bräuche des Frühlingsfestes in Europa sind aus der Zeit der Kelten mangels schriftlicher Aufzeichnungen nicht überliefert. Wir können uns heute einiges herleiten, aus archäologischen Funden (Kalender von Coligny), mittelalterlichen Aufzeichnungen insbesondere aus Irland und Schottland, aus christlichen Adaptionen und aus Brauchtum, Sagen und Märchen. Doch es bleibt sehr lückenhaft. Ich finde, wir dürfen deswegen stärker unsere eigene Fantasie nutzen. Kultur hat sich im Laufe der Zeit schon immer weiterentwickelt. Ich sehe den Nutzen im keltischen Jahreskreis heute vor allem darin, dass er uns rückverbindet mit unseren europäischen Wurzeln, dem Brauchtum und den Geschichten, die aus einer engen Verbundenheit mit der Natur, der Landschaft und den Jahreszeiten, entstanden sind. Dadurch können wir uns heute in Zeiten immer stärkerer Individualisierung und Entwurzelung wieder in unserem europäischen Kulturgut verwurzeln und ein stärkeres Bewusstsein für die jahreszeitlichen Kreisläufe und die Vorgänge in der Natur entwickeln.
Im Einklang mit den Vorgängen der Natur und den Schneeglöckchen kehrt zu Imbolc die weiße Göttin Brighid aus den Tiefen der Erde zurück. Brighid wird mit „die Strahlende“ übersetzt. Sie ist die weiße jugendliche Göttin, die das Licht zurückbringt. Die weiße Birke ist der Baum der Göttin Brighid. Er symbolisiert den Neuanfang im Vorfrühling. Die wohlschmeckenden Birkensäfte fließen nun wieder aus der Erde in den Stamm und die Äste bereiten den Austrieb vor. Die Birke ist der erste Baum, der grüne Blätter bekommt. Auf kahlen Flächen ist die Birke die Pionierin, die die Bewaldung vorantreibt.
Im Vorfrühling kam in früheren Zeiten in Europa der Bär nach seinem Winterschlaf aus der Höhle. Er ist Brighids Götter-Gatte, auch wenn das in seiner Bärengestalt nicht sichtbar ist. Das wird in dem alten Märchen Schneeweißchen und Rosenrot überliefert. Die schneeweiße jugendliche Göttin Brighid vermählt sich mit dem in einen Bären verwandelten Königssohn, der nichts anderes ist als der noch ungezähmte wilde Sonnengott der keltischen Stämme. Im Märchen wird das deutlich, wenn das goldene Licht aus dem Fell des Bären strahlt, als er am Türhaken hängenbleibt. Diese Symbolik des Gestaltwandlers zeigt auch die enge Verbindung und Bedeutung, die Tierwesen für die keltischen Stämme hatten.
Brighid wird häufig als eine Seite einer dreigestaltigen Göttin angesehen. Die Zahl drei hatte bei den Kelten eine besondere mystische Bedeutung und stand für die Ganzheit trotz unterschiedlicher sie verkörpernder Aspekte. Zusammen mit den alten keltischen Göttinnen Dana, der Mutter, und Anu, der Greisin, bildet Brighid als Jungfrau den gesamten menschlichen Lebenszyklus mit seinen jeweiligen Themen und Qualitäten, Jugend, Fruchtbarkeit und Alter, ab. Wir sehen hier wieder, dass es nicht die eine keltische Kultur und Religion gab (siehe hierzu den Blog-Beitrag: Der Keltische Jahreskreis). Für diese dreifaltige Gottheit gab es verschiedene Namen, doch die Geschichte ist immer ähnlich. Einer anderen Quelle zufolge wird Brighid etwa gemeinsam mit der Muttergöttin Modron und der dunklen Göttin Cailleach genannt, als dreifache Göttin, die über die Jahreszeiten bestimmt. Cailleachs Herrschaft beginnt zu Samhain (1. November). Sie steht für den dunklen und zerstörerischen Winteraspekt der Großen Göttin. Die Sommer-Göttin Modron legt zu diesem Zeitpunkt ihre Zauberrute unter einen Holunderbusch, wäscht sich in einem Becken und verwandelt sich in Cailleach. Die Wintergöttin Cailleach beendet ihre Herrschaft, indem sie die Schlange weckt. Die Schlange verkörpert den natürlichen Zyklus von Sterben und Neubeginn. Sie ist ein Symbol für den Zerfall, aber auch für die Naturkräfte des Wachstums und der Erneuerung. Das Motiv der Schlange macht zudem den in der keltischen naturverbundenen Kultur stark verbreiteten Totemismus deutlich. Die Schlange beendet im Februar zu Imbolc den Winter. Cailleach legt dann die Zauberrute unter einen Hollerstrauch (Holunder) und erstarrt zu einem Stein. Die Göttin Brighid nimmt den Stab auf. Mit den ersten Schneeglöckchen wird nun der Vorfrühling angezeigt. Jede Göttin steht für eine bestimmte Phase im menschlichen Leben und übernimmt für die ihr entsprechende Jahreszeit die Herrschaft.
Inspiration: Kessel der Verwandlung
Die Göttin Brighid symbolisiert, passend zu dieser Zeit im Jahreskreis an der Schwelle zum neuen Wachstumszyklus, den Wandel. Es ist die Zeit, in der das Eis langsam taut und die Flüsse und Bäche wieder zu fließen beginnen. Das Element der Brighid ist das Wasser. Als Lichtgöttin und Göttin der Inspiration ist ihr Element jedoch auch das Feuer. Beide Elemente kommen zusammen im Symbol des Kessels. Der Kessel ist ein uraltes Symbol der Verwandlung und Inspiration, das sich in zahlreichen Mythen und Märchen wiederfindet. Auch bei den keltischen Druiden (aufgegriffen bei Asterix und Obelix und dem Druiden Miraculix) war er ein wichtiger kultischer Gegenstand. Die beiden gegensätzlichsten Elemente, Feuer und Wasser, bringen im Verborgenen des Kessels und durch das Vermischen von verschiedenen Zutaten etwas völlig Neues hervor. Es findet eine Verwandlung statt. Nach demselben Prinzip entstehen Inspiration, Vision und neue Ideen. Der kreative Schaffensprozess vollzieht sich zu großen Teilen in unbewussten Phasen (sog. Inkubationsphase nach dem Vier-Phasen-Modell nach Graham Wallace oder Intuitive Phase nach dem Drei-Phasen-Modell). Neurowissenschaftliche und psychologische Modelle gehen davon aus, dass das Gehirn im Unbewussten an einer Idee weiterarbeitet, wenn man sich nicht mehr mit der eigentlichen Aufgaben- oder Fragestellung beschäftigt. Das Default-Mode-Netzwerk ist im wachen Ruhezustand aktiv, wenn wir nicht mit einer konkreten Aufgabe beschäftigt sind. Es ist durch eine nach innen gerichtete Aufmerksamkeit gekennzeichnet, wie beim Tagträumen, bei der Selbstreflexion und Meditation. In diesem Zustand sortieren sich unsere Erinnerungen, unsere Gedanken über uns selbst und die Welt, soziale Vorstellungen und Pläne für die Zukunft und verbinden sich zu einer für uns stimmigen inneren Erzählung. Durch eine Neukombination von Vorhandenem kann so eine neue Idee entstehen. Der Kessel der Verwandlung ist ein wunderbares Symbol dafür.
Visionssuche: Welche Samen schlummern in dir?
Wenn man an die Samen und anschwellenden Knospen denkt, ist der Februar die Zeit des Heranwachsens im Verborgenen. Eine kreative Schaffensphase. Eine Schwangerschaft. Wenn man etwas schaffen oder erschaffen will, und sei es nur ein noch vages anderes Lebensgefühl, dann braucht man eine klare Vision. Um ins Handeln kommen zu können, braucht es Begeisterung, Freude, eine Inspiration, ein inneres Feuer, einen Traum, eine Idee, eine Vorstellung davon, was man in die Welt, in die Wirklichkeit bringen möchte. Hier zeigt sich wieder, wie ein am natürlichen Verlauf der Jahreszeiten orientierter Keltischer Jahreskreis (siehe hierzu den Blog-Beitrag: Der Keltische Jahreskreis) uns Orientierung auf unserem Lebensweg, aber auch für bestimmte Projekte oder neue Routinen geben kann. Wir können die Kraft des Februars, des Nord-Ostens nutzen und unseren Traum, unsere Vision in eine konkretere Gestalt bringen. Wir dürfen nun Klarheit gewinnen und ihn für uns langsam sichtbar machen.
Folgende Reflexionsfragen können dabei helfen:
🌱 Welche Samen, Ideen und Träume wachsen in deinem inneren Raum?
🌱 Was möchte Gestalt annehmen und Wirklichkeit werden?
🌱 Was will in diesem neuen Jahreskreis erwachen, möchte ans Licht, wachsen, aufblühen und leben?
Erwachen des neuen Lebens
Auf der Nordhalbkugel ist es die Zeit im Jahr mit dem knappsten Nahrungsangebot in der Natur. In dieser kargen und für unsere keltischen Vorfahren entbehrungsreichen Zeit feierten die Menschen das Vertrauen auf neue Lebenskraft, auf einen Neubeginn. Sie feierten das zurückkehrende Licht. Die Tage werden wieder spürbar länger, ungefähr 2 1/2 Stunden länger als zum Jahresbeginn. Die Zeit der Dunkelheit geht dem Ende zu. Das können wir alle spüren.
Die keltischen Jahreskreisfeste spiegeln die genaue Beobachtung und konkrete Erfahrung der Natur durch die Kelten und ihre Vorfahren wider. Imbolc (Herkunft: oimelc) kann übersetzt werden mit der „Zeit, in der die Frühjahrslämmer geboren werden und es wieder Milch gibt“. In diesem Namen kommt der Übergang von der kargen Winterzeit zum Erwachen des neuen Lebens zum Ausdruck.
Das wird in der Natur nun langsam sichtbar. Die Hasel blüht bereits. Schneeglöckchen und Frühblüher suchen langsam den Weg ans Licht und kündigen den Vorfrühling an. Die Schneeglöckchen können auch als Symbol für die weiße Frühjahrsgöttin Brighid gedeutet werden. Zu Imbolc reitet die strahlende Brighid auf ihrem Hirsch durch das Land und erweckt die erstarrte Erde aus ihrem Winterschlaf zu neuem Leben. Überall, wo sie den Boden berührt, sprießen Schneeglöckchen, Krokusse und andere Frühblüher aus der Erde.
Die Knospen vieler Bäume und Sträucher schwellen an und stehen kurz vor dem Austreiben, an der Schwelle. Die Säfte schießen nun mit neuer Lebenskraft zurück nach oben in die Sträucher und Bäume. Früher zapften die Menschen zu dieser Zeit den nahrhaften Saft der Birke an, um die nahrungsarme Zeit am Ende des Winters zu überbrücken. Tiere wie der Specht (sog. Ringeln) machen dies heute noch.
Reinigung
In der Natur können wir nun die reinigende Kraft der letzten Winterstürme sehen. Sie befreien die Natur von altem Ballast (Blätter, Abgestorbenes) und dem, was nicht mehr trägt (Äste und Bäume). Der Weg wird freigeräumt für den Neubeginn, das wiedererwachende Leben. Regen und Hochwasser helfen dabei. Sie spülen Überflüssiges davon und bereiten den Boden für die ersten keimenden Samen.
Es ist eine Zeit des Übergangs und Umschwungs, der Wandlung, Transformation und Veränderung. Eine Zeit der Reinigung, in der Altes und Ausgedientes zurückgelassen werden kann, um sich zu erneuern und sich auf Neues vorzubereiten (Element Wasser und Feuer). Eine Zeit der Rückkehr des Lichtes, des Aufbruchs und Neubeginns, der Inspiration und Vision (Element Feuer).
Unsere Vorfahren bereiteten sich in dieser Zeit durch Reinigung auf diesen Neubeginn vor, innere Reinigung wie Fasten, Neuausrichtung, Visionssuche und äußere Reinigung wie Wäsche waschen, Haus- und Hofputz mit dem rituellen Birkenreisig. Das Jahreskreisfest Imbolc kann in einen klaren Bezug zu den Vorgängen in der Natur, Reinigung, Neubeginn und Licht, und den Bedürfnissen der Menschen am Ende der Winterzeit gesetzt werden. Und so gibt es zahlreiche Überschneidungen und vielleicht auch (wechselseitige) Beeinflussungen mit Festen anderer Kulturen.
So kannten etwa die Römer zum Ende des Winters Reinigungsfeste, nämlich das für den Monat Februar namensgebende Reinigungsfest Februa. Zu dieser Zeit wurden Kerzen geweiht und es gab Lichterprozessionen. Das lateinische Wort „februare“ bedeutet reinigen.
In Irland haben die alten keltischen Bräuche im christlichen Gewand überdauert. Zu Ehren der christlichen Heiligen Brighid brennt ein ewiges Feuer in ihrem Heiligtum in Kildare und die Brunnen werden für ihr Wasser der Reinigung und Erneuerung verehrt.
Christliche Adaption: Maria Lichtmess oder die Darstellung des Herrn
Maria Lichtmess ist ein christlicher Feiertag am 2. Februar. Er geht zurück auf jüdische Bräuche, hat vermutlich aber auch Ursprünge in älteren Frühlingsfesten. Maria Lichtmess knüpft an die alte jüdische Tradition an, wonach Frauen nach der Geburt eines Sohnes 40 Tage unrein sind und am Ende dieser Zeit durch Reinigungszeremonien wieder in die Gemeinschaft eingeführt wurden. Lichtmess wurde daher zunächst am 14. Februar (40 Tage nach Weihnachten) gefeiert. Es ist außerdem die Zeit, in der Kinder getauft bzw. beschnitten wurden. Die Taufe wurde auch als Darstellung des Herrn bezeichnet. Ursprünge des christlichen Feiertags sind aber wohl auch in den römischen Reinigungsfesten Februa und den Feierlichkeiten zu Ehren keltischen Göttin Brighid zu finden. Die Datierung auf den heutigen 2. Februar lässt jedenfalls römische bzw. keltische Einflüsse vermuten. Im Zuge der Christianisierung kam es häufig vor, dass heidnische Bräuche christianisiert wurden. Denn die Bevölkerung hatte diese Bräuche und Rituale tief verinnerlicht und gab diese häufig nicht ohne Weiteres auf. Zu Maria Lichtmess wurden Lichterprozessionen und Freudenfeuer gemacht und es gab die Kerzenweihe. Kerzen wurden gesegnet, als Wetterkerzen gegen schlechtes Wetter oder als Schutz vor Krankheiten.
Rituale zu Imbolc
Es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen von Zeitzeugen aus der Zeit der Kelten und Germanen zu den Feierlichkeiten, Zeremonien oder Ritualen, die zu Imbolc verbreitet waren. Mehr und mehr verbreiten sich jedoch Ideen, die eine naturverbundene Spiritualität jenseits der großen Religionen wiederbeleben. Hier kann man sich inspirieren lassen, wie man sich zu Imbolc mit der Zeitqualität dieser Jahreszeit verbinden kann. Solche modernen Rituale können uns bei der Selbstreflexion helfen, wenn wir den Jahreskreis als inneren Kompass für Lebens- und Lernprozesse nutzen. Wir können so auch wieder eine stärkere Naturverbundenheit und Beziehung zur Natur fördern. Hier werden einige Ideen vorgestellt. Wir alle sind eingeladen, solche moderne Rituale für unsere Bedürfnisse und an unsere Vorstellungen anzupassen oder auch eigene zu entwickeln. Das Ritual soll dem Menschen dienen und nicht der Mensch dem Ritual.
Morgendämmerung: Das Licht ist großzügig
In der Morgendämmerung vor Sonnenaufgang in die Natur gehen und auf den Sonnenaufgang warten. Die Schwellenzeit bewusst wahrnehmen.
🌱 Kannst du bemerken, dass es vor der Dämmerung noch einmal richtig dunkel wird?
🌱 Kannst du die besondere Energie des Anfangs spüren, der noch nicht richtig sichtbar und greifbar ist?
Gehe in der Dunkelheit hinaus und stell dir vor, du bist zum ersten Mal auf dieser Erde und weißt nicht, was Licht ist.
🌱 Wie ist es für dich, wenn du mit diesem Anfängergeist bemerkst, wie das Dunkel aufreißt und lautlos das Mysterium und die Farbe eines neuen Tages anbricht?
Das Licht ist großzügig und es ist sanft. Zart und behutsam streift es den Mantel der Nacht von der Welt.
Brighids Kreuz – Sonnenkreuz: Die Sonne ins Leben holen
Zu Imbolc werden im Brauchtum Strohfiguren oder Brighids Kreuz geflochten. Das Kreuz ist ein altes keltisches Sonnensymbol. Brighids Sonne wird über die Türschwelle gehängt und beschützt das Haus und seine Bewohner für ein Jahr. Dann wird es verbrannt und ein neues geflochten.
Zeit für innere und äußere Reinigung, Aufräumen, Altes loslassen, Befreiung, von dem, was nicht mehr trägt. Wenn wir unbeschwert etwas Neues beginnen wollen, hilft es, sich vorzubereiten und von altem Ballast zu befreien. Auch die Fastenzeit als Form der inneren Reinigung fällt in diesen Zeitraum. Unsere keltischen Vorfahren banden aus Birkenreißig rituelle Birkenbesen zur Reinigung von Haus und Hof.
🌱 Was hindert dich noch daran, unbeschwert etwas Neues zu beginnen?
🌱 Welche Selbstbilder, Konzepte und Meinungen stehen dir noch im Weg?
Visionssuche und intuitiver Spaziergang
Zeit für neue Pläne, Inspiration und Neuausrichtung oder Bestärkung von Bewährtem. Wenn man etwas schaffen oder erschaffen will, und sei es nur ein anderes, besseres Lebensgefühl, dann braucht es eine klare Vision. Um ins Handeln zu kommen, braucht es Inspiration, einen Traum, eine Idee, eine Vorstellung davon, was man in die Welt bringen möchte.
🌱 Welche Samen, Ideen und Träume schlummern in deinem inneren Raum?
🌱 Welche davon sind bereit, ans Licht zu kommen?
🌱 Was möchtest du in dein Leben holen? Was will Gestalt annehmen und Wirklichkeit werden?
🌱 Was will in diesem neuen Jahreskreis ans Licht, wachsen, erblühen und leben?
Es ist eine günstige Zeit für eine Visionssuche. In der naturbezogenen Prozessbegleitung ist die Visionssuche ein modernes Übergangsritual zur bewussten Gestaltung von Wendepunkten im Leben. Ähnliche Initiationsbräuche sind aus verschiedenen indigenen Kulturen weltweit, aber auch über die Märchen von unseren keltischen und germanischen Vorfahren überliefert. Meist verbringt man mit einer mehrtägigen Vor- und Nachbereitungszeit mehrere Tage (meist vier) fastend und allein im Wald oder anderen Orten in der Natur. Eine Visionssuche folgt in der Regel drei Phasen: dem Aufbruch aus der vertrauten Welt, der Schwellenzeit in der Natur als Zeit der Prüfung und der Rückkehr in die Gemeinschaft mit einer neuen Wahrheit über mich selbst. Diese Struktur orientiert sich an dem von Joseph Campbell aus den alten Geschichten unterschiedlicher Kulturen herausgearbeiteten Grundmotiv einer Held:innenreise. Europäische Märchen, wie Frau Holle, Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und viele andere weisen dieselbe Grundstruktur einer solchen Initiation auf.
Eine Visionssuche kann aber auch weniger aufwendig in der Vorbereitung und für einen kürzeren Zeitraum durchgeführt werden. Man kann sich einfach selbst einen Zeitraum bestimmen, in dem man sich mit einer bestimmten Fragestellung auseinandersetzt.
Mache zum Beispiel einen Spaziergang allein in der Natur. Versuche nicht, die ganze Zeit über die Frage nachzudenken, sondern gehe offen durch dein Leben, am besten für einen bestimmten Zeitraum. Mache dir deine Intention bewusst. Es kann Klarheit bringen und kraftvoll sein, deine Frage aufzuschreiben oder laut auszusprechen. Wenn du magst, gehe symbolisch etwa bei einem intuitiven Naturgang über eine Schwelle, einen Ast, einen Durchgang oder Ähnliches. Beobachte die Zeichen, die dir in der Natur begegnen, ein kreischender Vogel, ein besonderes Muster in der Rinde eines Baumes, ein Sonnenstrahl der durch das Blätterdach fällt.
🌱 Was zieht deine Aufmerksamkeit auf sich?
🌱 Was können dir diese Zeichen über dich und deine Fragestellung erzählen?
Die Natur kann ein Spiegel für unsere inneren Vorgänge sein. Denn wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie ist, sondern so, wie wir sind (alte Weisheit, Herkunft unbekannt). Wir können davon ausgehen, dass das, was wir draußen wahrnehmen, bedeutsam für uns ist. Durch die Psychologie und Neurowissenschaften wissen wir, dass der Mensch nur einen Bruchteil der unzähligen Reize in seiner Umgebung wahrnehmen kann. Wir können daher davon ausgehen, dass das Gehirn aus diesen vielen Reizen das herausfiltert, was für uns wichtig ist. Die Natur kann so eine Projektionsfläche für unsere inneren Vorgänge sein. Antworten in uns, die uns vielleicht noch nicht richtig bewusst waren, können so sichtbar werden.
Achte auf deine Wahrnehmung, deine Gedanken, Ideen und Träume in dieser Zeit. Schließe deine Visionssuche bewusst ab. Wenn du magst, kehre wieder symbolisch über deine Schwelle zurück. Du kannst deine Eindrücke, Erkenntnisse und Erfahrungen aufschreiben, auch wenn sie dir nicht besonders vorkommen mögen. Auch eine Meditation bietet sich zur Integration an.
Visionboard: Deine Vision konkret und sichtbar machen
Make your VISION so clear, that your fears become irrelevant!
Cygnet Folk Festival, 2020
Ein Visionboard ist eine wunderbare Möglichkeit, deine Vision klar, konkret und sichtbar zu machen. Nach meiner Erfahrung entfaltet das viel Kraft zur Umsetzung. Du kannst immer wieder daraufschauen, dich erinnern und neu ausrichten. Bei der Gestaltung des Visionboards sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Jeder darf seinen ganz eigenen Stil finden. Ich persönlich liebe es, mit Bildern und Text zu arbeiten. Ich stöbere in Zeitschriften und Fotos und lasse mich intuitiv im Schaffensprozess davon überraschen, was mich anzieht und Resonanz in mir hat. Dieser Prozess ist wunderschön und geht oft über mehrere Tage. Manchmal spüre ich Freude und Inspiration. Manchmal merke ich Ängste oder Unbehagen, eine neue Wahrheit über mich und meine Träume anzuerkennen. Die Bilder und Texte ordne ich für mich im Jahreskreis. Dabei orientiere ich mich auch an den vier Schilden der menschlichen Entwicklung nach Steven Foster und Meredith Little (Foster, Steven / Little, Meredith: Die vier Schilde):
🌱 Osten / Frühling / Inspiration und Spiritualität / Sterben und Neubeginn
🌱 Süden / Sommer / Körper, Fühlen und Tun / Kind sein
🌱 Westen / Herbst / Reflexion, Herausforderung und Wachstum / Jugend
🌱 Norden / Winter / Verantwortung und Gemeinschaft / Erwachsen sein
Kerzen und Freudenfeuer: Das Licht feiern
Zünde weiße Kerzen an, ein Feuer, oder segne eine Schutzkerze mit deinen Wünschen für das Jahr. Besonders wirkungsvoll ist dies in einer dunklen Nacht. Bei meinen Soloübernachtungen draußen alleine habe ich immer wieder die kraftvolle Erfahrung machen dürfen, dass ein Licht oder Feuer in der dunklen Nacht unmittelbar spürbar Sicherheit und Zuversicht vermittelt (siehe hierzu meine Beiträge https://wildesleben.blog/wurzeln-wandel-und-ortsverbundenheit/ und https://wildesleben.blog/alone-draussen-schlafen/).
Mögen wir im dunklen Winterraum, im Verborgenen Samen und Visionen empfangen und nähren, die nun ans Licht, in die Verwirklichung wollen. Möge die Kraft der Inspiration und Veränderung uns tragen.
„Tell me, what else should I have done. Doesn’t everything die at last and too soon. Tell me what is it that you plan to do with your one wild and precious life?”
Mary Oliver
Quellen
Kaiser, Martina: Der Jahreskreis; Storl, Wolf Dieter, Pflanzen der Kelten; Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden; O'Donohue, John: Anam Cara, Das Buch der keltischen Weisheit; Wikipedia: Default Mode Network, Abruf zuletzt am 31.01.2026; Wikipedia: Phasen des kreativen Prozesses, Abruf zuletzt am 31.01.2026; Campell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten; Foster, Steven / Little, Meredith: Visionssuche, Das Raunen des heiligen Flusses; Seghezzi, Ursula: Naturmystik - Vom Zauber der Naturmystik und der Dringlichkeit, dem Leben zu dienen; Foster, Steven / Little, Meredith: Die vier Schilde.
Überall auf der Welt symbolisieren seit Urzeiten Kreise, Medizin- und Lebensräder den universellen Kreislauf des Lebens von Entstehen und Vergehen. Unsere keltischen Ahnen waren noch eng verbunden mit dem Kreislauf der Jahreszeiten. Für sich verlief die Zeit im Kreis. So bewegt sich auch das Jahr im Kreis vom Frühling zum Winter und wieder vom Frühling zum Winter. Die Qualitäten dieser Zeiträume im Zyklus der Jahreszeiten und die Bedeutung für ihr Leben feierten unsere Vorfahren mit Ritualen und Festen. Der keltische Jahreskreis setzt sich aus insgesamt acht Jahreskreisfesten zusammen, die für die unterschiedlichen Phasen und Zeitqualitäten im universellen Kreislauf und im natürlichen Jahresverlauf stehen.
Auch wenn wir heute nicht viel wirklich sicher über unsere keltischen Vorfahren wissen, können wir einiges von ihnen lernen. Der Keltische Jahreskreis ist ein europäisches Medizinrad, dass uns als Spiegel und Kompass für unsere inneren Landschaften dienen kann. Er spricht die tief in uns verwurzelte Symbol- und Bildsprache der europäischen Landschaft.
Dadurch kann Verbindung und ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Natur und zu einem größeren Ganzen, dem Netz des Lebens entstehen. Die Rückbindung an den natürlichen Rhythmus des Lebens hat in der modernen Welt zwar nicht mehr die gleiche Dringlichkeit, wie für unsere Vorfahren, deren Überleben davon abhing. Vielleicht hat es aber nicht viel an Dringlichkeit eingebüßt. Denn in unserer modernen einseitig Intellekt-orientierten Welt voller Entfremdung und seelischer Verarmung, sichert die Rückbindung an den natürlichen Kreislauf das Überleben unserer Seele. Der Keltische Jahreskreis kann uns helfen, wieder im Einklang mit dem universellen Rhythmus des Lebens zu leben, der auch unser eigener Lebensrhythmus ist. Wir können heimisch werden auf dieser Welt. Eingebettet in den ewigen Kreislauf wiegt uns der Rhythmus des Lebens – auf und ab und auf und ab.
Der universelle Kreislauf von Entstehen und Vergehen
Überall auf der Welt symbolisieren seit Urzeiten Kreise, Medizin- und Lebensräder den universellen Kreislauf des Lebens von Entstehen und Vergehen, Entstehen und Vergehen. Unser Atem folgt diesem Rhythmus genauso, wie die Gezeiten des Meeres. Alles bewegt sich nach demselben universellen Rhythmus und Kreislauf. Alles Leben entsteht aus der Dunkelheit, dem Verborgenen, dem Unbekannten, dem tiefen Winter. Der keimende Pflanzensamen aus der Dunkelheit der Erde genauso wie wir Lebewesen aus dem dunklen Körper unser Mutter. Das neue Leben wird erst mit der Geburt, dem Keimen sichtbar. Es wächst dann und blüht auf. Es kommt zur Befruchtung, zur Reife und Vollendung, zur äußeren oder inneren Ernte. Das Sterben der Pflanze bereitet dann den Weg für das Samenkorn durch die Dunkelheit – den Stillstand – die Leere in einen neuen Kreislauf. Der Kreis steht dafür, dass das Ende zugleich der Anfang ist. Wir bewegen uns in einem ewigen Kreislauf des Wandels und der Veränderung. Jedes Jahr gleich und jedes Jahr anders. Nichts verschwindet für immer, alles verändert sich und wird zu etwas anderem. Auch der Tod ist nur der Anfang von etwas Neuem, Unbekannten.
Das Jahr mit seinen Jahreszeiten ist ein solcher wilder rhythmischer Kreis. Das gleiche gilt für den Verlauf der Sonne im Tag- und Nachtrhythmus, den Mondzyklus, die Vegetationsphasen von Pflanzen und Bäumen. Auch der weibliche Menstruationszyklus folgt dem Zyklus der inneren Jahreszeiten. Und wie sollte es anders sein – dieser ewige Rhythmus gilt auch für das menschliche Leben und Sterben. Wir sind aus denselben Atomen und Teilchen wie das Universum und alles, was sich darin befindet. Wir sind nicht getrennt von der Natur. Auch wenn wir das heute oft vergessen: Wir sind Natur und unterliegen als solche den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie alle anderen Lebensformen.
„Alle Kräfte der Welt wirken in Kreisen. Der Himmel ist rund und wie ich höre, ist die Erde rund wie eine Kugel und ebenso alle Sterne. Wenn der Wind am heftigsten weht, bildet er runde Wirbel.
Die Vögel bauen ihre Nester kreisrund, denn sie haben die gleiche Religion wie wir. Die Sonne geht in einem Kreis auf und wieder unter – der Mond macht es ebenso – und beide sind rund.
Sogar der Wechsel der Jahreszeiten bildet einen großen Kreis und kehrt immer wieder dahin zurück wo er begann. Das Leben der Menschen ist ein Kreis – von Kindheit zu Kindheit – und so ist es mit allem, worin sich die Kraft regt.“
Black Elk, Medizinmann der Lakota Sioux
Der keltische Jahreskreis
Unsere vorchristlichen Ahnen in Europa waren als Jäger- und Sammler und später als Bauern- und Hirten notwendigerweise eng verbunden mit dem Kreislauf der Jahreszeiten, dem Klima, der Vegetation und der einheimischen Tierwelt. Das eigene Überleben hing davon ab. Dies galt auch für unsere keltischen und germanischen Vorfahren. Für unsere mitteleuropäischen keltischen Ahnen bewegt sich die Zeit im Kreis. So bewegt sich auch das Jahr im Kreis vom Frühling zum Winter und wieder vom Frühling zum Winter. Die unterschiedlichen natürlichen Zeiträume in diesem Jahreskreis wurden von Natur-Gottheiten verkörpert und „beherrscht“. Die Qualitäten dieser Zeiträume im Zyklus der Jahreszeiten und die Bedeutung für ihr Leben feierten unsere Vorfahren mit Ritualen und Festen. Der keltische Jahreskreis setzt sich aus insgesamt acht Jahreskreisfesten zusammen, die für die unterschiedlichen Phasen im universellen Kreislauf stehen.
Die Kelten – naturverbundene Ureinwohner Europas
In unseren modernen Welt schauen wir heute manchmal sehnsüchtig und etwas verklärt zu den letzten indigenen Kulturen auf dieser Welt, die sich ihre tiefe Verbindung zur Natur, zu sich selbst und zu einer funktionierenden Gemeinschaft bewahrt haben. Doch wenn wir zu unseren eigenen Wurzeln schauen, können wir feststellen, dass wir auch mal naturverbundene Stammesmenschen, auch mal „Indianer“ oder „Ureinwohner“ waren.
Das gilt natürlich für unsere steinzeitlichen Jäger- und Sammlervorfahren, die ersten Bauernkulturen, aber auch noch für die danach in Nord- und Mitteleuropa verbreiteten Kelten und Germanen. Dabei muss man sich immer wieder bewusst machen, dass es „die“ Kelten und „die“ Germanen nicht gibt. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Vielzahl an Stämmen und Clans. Vereinfacht gesagt, waren die keltischen Stämme in Mitteleuropa um etwa 800 v Chr. bis kurz vor Beginn unser Zeitrechnung heimisch, während die germanischen Stämme ursprünglich in Nordeuropa, Skandinavien zu Hause waren und sich kurz vor Beginn unser Zeitrechnung immer wieder bis zum Beginn des Mittelalters Richtung Süden ausbreiteten. Im Laufe der Zeit kam es zu zahlreichen Wanderbewegungungen und damit der Vermischung von keltischem und germanischem Kulturgut. Das und die wenigen Überlieferungen von diesen Stämmen selbst, kann es teilweise schwer machen, diese beiden naturverbundenen Stammeskulturen auseinanderzuhalten.
Die keltischen Stämme prägten die Kulturgeschichte in Europa über gut 800 Jahre bis kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die Siedlungsgebiete der keltischen Stämme erstreckten sich in ihren Blütezeiten fast über ganz Mitteleuropa. In der Hallstatt-Zeit ab ca. 800 v. Chr. siedelten keltische Stämme in einem Kerngebiet von Ungarn über den gesamten Alpenraum bis nach Ostfrankreich. In der La Téne-Zeit, einer zweiten Blüteperiode der keltischen Kultur ab ca. 450 v. Chr. breiteten sich keltische Stämme bis in den Mittelmeerraum nach Griechenland und Kleinasien und im Westen bis nach Spanien und um ca. 200 v. Chr. bis auf die britischen Inseln aus.
Das Ende der keltischen Blütezeit begann mit dem Vordringen der Römer kurz vor Beginn unserer Zeitrechnung über die Alpen, von germanischen Stämmen aus dem Norden in Richtung Süden und von slawischen Völkern aus dem Osten. Von nun kam es zu einer starken wechselseitigen kulturellen Beeinflussung, Vermischung, aber auch Verdrängung und Überlagerung. Der starke Missionierungsdruck der aufstrebenden christlichen Kirche spielt ebenfalls eine große Rolle. Damit wurde das Ende der naturverbundenen Stammeskulturen in Europa eingeläutet, die langsam in anderen Kulturen aufgingen.
Wer waren die Kelten?
Im europäischen Kulturraum war es immer schon zur Vermischung und wechselseitigen Beeinflussung von aufeinander treffenden unterschiedlichen Kulturen gekommen. So entstand auch die keltische Kultur, nachdem viehzüchtende indoeuropäische Reitervölker aus den Steppen des Ostens auf der Suche nach Weideflächen im Westen auf archaische Waldbauern in Mitteleuropa stießen. Diese Wanderfeldbauern lebten auf gebrandrodeten Lichtungen in dem von dichten Urwäldern bewachsenen Mitteleuropa. Wenn der Boden nichts mehr zum Leben hergab, zogen sie weiter. Die Kultur dieser patriarchalisch organisierten Hirten- und Steppenkrieger verschmolz nun ab ca. 1500 v. Chr. mit der Kultur der matriarchalisch organisierten Waldbauern. Dabei vermischten sich auch die Erd- und Pflanzen-Gottheiten der erdverbundenen Waldbauern mit den Himmels- und totemischen Tier-Gottheiten der indoeuropäischen Steppenvölker.
Die keltischen Stämme hatten weder ein zusammenhängendes Reich, noch eine einheitliche Sprache, Religion oder Kultur. Daher gibt es auch nicht den einen keltischen Jahreskreis. Die Kelten waren durch miteinander über die Väterlinie patrilinear verwandte Sippen und Klans innerhalb eines größeren Stammesverbandes organisiert. Als Erbe der matriarchalisch organisierten Waldbauerkulturen spielte jedoch auch die Mutterlinie eine große Rolle, etwa beim Aufziehen der Söhne. Die keltische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen hat sich bis lange in unsere Zeit gehalten: Die Männer machten die schwere körperliche Arbeit mit dem Pflug und Vieh, betrieben Handel und Krieg, während die Frauen für den Haushalt, Garten und die Heilkunde zuständig waren. Diese Rollen waren jedoch durchlässig. So wurde auch von kriegerischen Frauen berichtet. Frauen hatten sowohl bei den Kelten, als auch Germanen einen recht gleichberechtigten Status. Ihr Rat als Seherinnen (Veleda) wurde hoch geachtet. Die Kelten lebten in Großfamilien mit ihrem Vieh auf Einzelhöfen oder in kleinen Weilern. Sie betrieben auch aufgrund einiger Erfindungen äußerst erfolgreich eine Mischung aus Viehzucht und Ackerbau. Die keltische Landschaft bestand daher aus einem Flickenteppich aus Wald, Wiese, Weide und Ackerland. Auf Anhöhen gab es befestigte Flieh- und Wehrburgen (oppida), die später bereits teilweise städteähnlichen Charakter hatten.
Nicht-Wissen und die Freiheit der eigenen Interpretation
Sicher wissen wir heute nur sehr wenig über unsere keltischen Vorfahren. Das muss man sich immer bewusst machen. Denn es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen der Kelten, die uns Einblicke in das Leben aus erster Hand erlauben würden. Gleiches gilt im Übrigen auch für unsere germanischen Vorfahren. Das Wissen der Kelten wurde aus kultischen Gründen von Druiden an Druiden in mehrjährigen Ausbildungen mündlich überliefert. Was wir heute wissen, haben wir uns aus archäologischen Funden zusammengereimt oder aus den schriftlichen Aufzeichnungen der Römer, Griechen und der irischen Mönche entnommen. Bei diesen Berichten sind gewisse Ungenauigkeiten zu vermuten – sowohl aufgrund von fehlenden genauen Kenntnissen der keltischen Stammeskulturen, als auch aufgrund der jeweiligen Intentionen und subjektiven Sicht der römischen Kriegsherren und christlichen Missionare. Einiges von dem, was wir wissen, entstammt aus den heute noch lebendigen Überlieferungen und gelebten Bräuchen aus Irland. Hier ist der Zeitversatz zu den vor mehr als 3.000 Jahren lebenden Kelten zu beachten und auch, dass es sich um Überlieferungen aus einem geografischen Randbereich der sehr inhomogenen keltischen Stammeskulturen handelt, die vermutlich nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf alle Siedlungsgebiete und unterschiedlichen Stämme erlauben dürfte. Eine weitere Quelle sind auch die in Mitteleuropa und Deutschland noch teilweise überlagerten oder von der christlichen Kirche adaptierten Bräuche, Rituale und Feste. Besonders spannend finde ich die Entdeckung, dass unsere Märchen und Mythen, die viele hunderte und vermutlich tausende Jahre mündlich überliefert wurden, bevor sie von den Gebrüder Grimm und anderen aufgeschrieben wurden, Elemente, Geschichten und Weisheit unserer Vorfahren enthalten.
Wenn wir etwas über die Kelten erfahren wollen, müssen wir also detektivisch auf Spurensuche gehen und die Spuren auch lesen lernen. Das ist bei der menschlichen Spurensuche nicht anders, als bei der tierischen Spurensuche. Und nicht zuletzt dürfen wir uns bewusst sein, dass wir vieles über unsere keltischen Vorfahren nicht wissen. Vieles bleibt daher letztlich unserer eigenen subjektiven Interpretation überlassen. Und das ist auch in Ordnung und eröffnet gerade im Hinblick auf den keltischen Jahreskreis viele Möglichkeiten. Immer schon haben sich Kulturen weiterentwickelt und ihre Sichtweisen, Geschichten, ihren Glauben, ihre Rituale und Lebensweise ihren eigenen Vorstellungen angepasst. Wir dürfen uns hier guten Gewissens eine gewisse Interpretations-Freiheit herausnehmen und selbstverantwortlich entscheiden, welche Sichtweise, welches Ritual und welche Praxis uns heute in unserer Lebenssituation gerade gut tut.
Natur-Spiritualität – Was wir von den Kelten lernen können
Die keltischen Stammeskulturen lebten als Vieh- und Ackerbauern eng verbunden mit den Zyklen der Natur. Mit dem Vordringen der Römern und wissenschaftsorientierten Griechen, der Aufklärung und schließlich fortschreitenden Industrialisierung ist eine starke Betonung von Objektivität, Intellekt, Rationalität, Wissen und Vernunft (Nord- bzw. Winter-Qualität im Jahreskreis) einhergegangen. Dem haben wir sicher viel Fortschritt, Wohlstand und ein Höchstmaß an individueller Freiheit zu verdanken.
Mir ist in den letzten Jahren aber klar geworden, dass durch den starken Fokus auf diesen Nord- und Winterqualitäten auch ein großes Ungleichgewicht entstanden ist. Ich konnte es lange nicht genau fassen: Es ist die Sehnsucht nach dem spirituellen Osten und dem körperlichen und sinnlichen Süden, den ich mein ganzes Leben gespürt habe. Eine Sehnsucht und ein Bedürfnis nach Subjektivität, nach dem nicht Sichtbaren, nach Gefühlen, Träumen, nach Nicht-Wissen, sondern nur vage Ahnen, nach Spüren, nach Zauber, Wunder und Staunen.
Die Medizin (im Sinne von Kraft) der Kelten, die wir heute brauchen, ist ihre tiefe Naturspiritualität, ihre naturmystische Wahrnehmung von der Welt und dem Universum. In unserer einseitig intellektuellen und wissensorientierten Kultur ist es zu einer seelischen Verarmung gekommen, die viele bewusst oder unbewusst fühlen. Auch die in Dogmen erstarrte christliche Religion kann dem immer weniger etwas entgegen setzen. Ich beobachte und erfahre oft, dass meine Mitmenschen nur das als Wirklichkeit wahrnehmen, was sie sehen und sich wissenschaftlich erklären können. Der Glaube an eine nicht sichtbare Welt wird oft als „esoterisch“ verlacht. Dass aber auch die Wissenschaften, bei all den wunderbaren Errungenschaften, vieles nicht sicher wissen und in ihren Erkenntnismöglichkeiten stark eingeschränkt sind, machen wir uns in unserer starren Wissenschaftsgläubigkeit oft nicht klar.
Um mehr Ganzheit und Balance in unserer Leben zu bekommen braucht es neben der Rationalität, der Wissenschaft und der Vernunft auch Irrationalität, subjektiven Glauben, das Wahrnehmen von mehr als der nur sichtbaren und beweisbaren Welt. Und um das nochmal klarzustellen. Mir geht es nicht um „Esoterik“. Denn heute dürfte kein ernsthafter Wissenschaftler mehr bestreiten, dass unsere menschliche Wahrnehmung und unser menschlicher Verstand zu begrenzt sind, um alles mit unseren Augen und unserem Verstand intellektuell wahrnehmen und verstehen zu können. Das geflügelte Wort „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ bringt dieses Bewusstsein zum Ausdruck.
Was wir modernen Menschen häufig aberzogen und verlernt haben, ist die Wahrnehmung der nicht sichtbaren Welt. Wenn wir uns darauf einlassen und Konzepte – besonders auch menschliche Konzepte von der sichtbaren und nicht sichtbaren Welt – hinter uns lassen, dann können wir spüren, dass da mehr ist. Hier können wir uns von den Kelten inspirieren lassen. Etwa wenn nach der Vorstellung der Kelten zu bestimmten Zeiten im Jahreskreis – den Mondfesten – die Vorhänge zur Anderswelt, der Welt der Geister und Verstorbenen, dünn wird. Oder, wenn „hell“seherische Menschen Zeichen in der Natur und dadurch ihr Innerstes und das der Welt erkennen. Und auch hier zur Klarstellung: Hellseher sind für mich einfach Menschen, die eine besonders offene und feine Wahrnehmungsfähigkeit haben. Wenn wir uns in der Natur erkennen, entdecken wir, dass wir nichts anderes als Natur sind und alles letztlich Eins ist und demselben Rhythmen folgt. Immer und immer wieder.
Der keltische Geist war weder rationalistisch, noch systematisch. Er war frei von jeder Dualität und Trennung, sondern begriff den Mensch, die Natur, eine höhere Kraft oder Göttlichkeit und die innere und äußere Unter- oder Schattenwelt als Eins. Der keltische Geist trennte nicht zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Zeit und Ewigkeit, Menschlichem und Göttlichem. Die Kelten begegneten einem solchen Gefühl des Getrenntseins mit dem gefühlsmäßigen Wissen der verbindenden Kraft der Freundschaft. Es geht hier um vor allem um Freundschaft mit sich selbst und der Natur, was letztlich für die Kelten dasselbe ist. Diese Freundschaft konnte Andersartigkeit, Ambivalenz und Widerspruch aushalten und war geprägt von Symbolismus und Phantasie.
Wie bei den meisten indigenen Naturvölkern galt bei den Kelten und Germanen alles als beseelt und heilig (Animismus), nicht nur die Pflanzen und Bäume, sondern auch die Erde, die Steine, Flüsse und Bäche – die gesamte Landschaft. Es gab unzählige Naturgottheiten und eine Vielzahl an besonderen Kraftorten, wie Quellen und Bäche, Höhlen, besondere Bäume oder Felsen. Die Kelten und Germanen verehrten ihre Götter nicht in Monumentalbauten, sondern in der Natur. Jeder Stamm hatte seinen heiligen Hain (Nemeton), für den häufig besondere Verhaltensregeln galten und wo man dem Göttlichen ganz konkret begegnen konnte. Auch Tiere hatten häufig eine besondere symbolische Bedeutung und waren Gefährten, Ratgeber und Lehrer für Kelten (Totemismus). Viele Gottheiten konnten die Gestalt von Tieren annehmen und so ihre Symbolkraft verkörpern.
Für die Kelten war das Sichtbare und das Unsichtbare Eins. Die Luft – der Osten ist der Ort des Unsichtbaren, des Spirituellen, der Seele. Alles, was in der Welt der Seele ist, sehnt sich danach in einen Ausdruck zu kommen und eine sichtbare Form im Süden zu finden. Tanz und Gesang sind Beispiele dafür. Die Natur ist der unmittelbarste Ausdruck einer göttlichen Vorstellungskraft. In ihr kommt der Schönheitssinn einer göttlichen Kraft zum Ausdruck – eine Schönheit, die so schön ist, dass es manchmal schon schmerzt. Die keltischen Stammeskulturen sind mit ihren heiligen Orten und ihrer Vorstellung einer beseelten und belebten Welt ein wunderbares Vorbild, wie das Sichtbare und das Unsichtbare in unserer Wahrnehmung auseinander hervor- und ineinander übergehen kann.
Wir können von unseren keltischen Vorfahren lernen, die in unserer Gesellschaft dominierenden Nord-Qualitäten im Jahreskreis von Intellekt und Wissen in eine gute Balance zu bringen mit den Ost- und Süd-Qualitäten einer sinnlichen und körperlichen Natur-Spiritualität. Wir können uns dabei vom keltischen Jahreskreis inspirieren lassen, wie er heute überliefert ist und dürfen uns dabei die Freiheit nehmen, einen für uns fühlbaren und stimmigen Weg zu mehr Ganzheit und Eins-sein zu finden.
Und wenn du ganz tief in dich reinspürst, dann kannst du vielleicht merken, dass die Naturspiritualität und Naturverbundenheit unserer keltischen Vorfahren auch noch in dir steckt.
Der keltische Jahreskreis als Spiegel und Kompass der inneren Landschaften
Was bringt dir ein Lebensrad, wie der keltische Jahreskreis?
Der Keltische Lebenskreis ist wie alle Lebensräder ein Modell, dass die Komplexität des Lebens und seiner Rhythmen vereinfacht. Lebensräder können als Spiegel dienen, für die verschiedenen Prozesse, die dem universellen Kreislauf im Rhythmus von Entstehen und Vergehen folgen. Dadurch können wir erkennen, wo wir gerade in dem Prozess, in unserem Leben stehen. Der Jahreskreis gibt uns Erkenntnis und Orientierung. Die Bezeichnung als Lebens-Kompass (Ursula Seghezzi) finde ich daher sehr passend. Wir können uns immer wieder im Jahreskreis verorten. So können wir in all der Komplexität und den Schwierigkeiten des Lebens nicht verloren gehen. Der Jahreskreis gibt uns Sicherheit. Und nicht nur das. Er kann uns auch Vertrauen und Gelassenheit, gerade in schwierigen Phasen geben. Im ewigen Kreislauf können wir darauf vertrauen, dass sich das Rad weiterdreht. Es gibt keinen ewigen Stillstand. Nach dem Winter kommt der Frühling. Nach der Dunkelheit das Licht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Das ist sicher! Ja und selbst für unsere letzte Station auf dieser Erde kann uns der Jahreskreis Trost spenden. Denn wir können sicher sein, dass sich auch hier das Rad weiterdreht. Aus der reifen Frucht wird nach dem Tod der Samen. Nichts verschwindet für immer, alles verwandelt sich nur in etwas anderes. Auch wenn wir nicht genau wissen, was passiert, darauf können wir vertrauen. Und dieses Vertrauen kann uns die Angst vor dem Unbekannten mildern.
Das Bild vom Lebens-Kompass finde ich auch deswegen schön, weil es uns auch ins Handeln bringen kann. Er bringt Klarheit, über das, was zu tun ist. Wir wissen nicht nur, wo in unserer inneren Landschaft wir stehen, sondern wir können auch erkennen, wohin wir müssen. Im Jahresrad können wir ablesen, welchen Schritt wir nun gehen müssen, um weiter zu kommen, um zu wachsen, aufzublühen, zu reifen oder loszulassen, um neu zu beginnen. Der Lebens-Kompass hilft uns, uns bei all der ständigen Veränderungen im Leben wieder auszurichten, damit wir in die Richtung gehen können, die es nun braucht. Schon die Buddhisten erkannten, dass es sehr herausfordernd sein kann, dass sich alles im Leben ständig verändert und nichts auch nur eine Sekunde gleich bleibt (Prinzip von Anicca – Veränderlichkeit). Das kann sich sehr verunsichernd anfühlen. Der Lebens-Kompass kann uns hier helfen, Orientierung und damit Sicherheit zu finden.
Der Kreislauf der Jahreszeiten den der Keltische Jahreskreis beschreibt, spiegelt unsere menschliche Entwicklung bezogen auf das ganze Leben – von der Geburt bis zum Tod. Der Jahreskreis spiegelt aber auch unsere vielfältigen inneren Landschaften – bezogen auf einzelne Lebens-, Entwicklung-, Veränderungs- und Wachstumsprozesse. Und sogar im ganz Kleinen können wir entdecken, dass unsere tagtäglichen Stimmungslagen einem inneren Frühling, Sommer, Herbst oder Winter entsprechen. Gleiches gilt für den weiblichen Menstruationszyklus, wo die Phase bis zum Eisprung, die Follikelphase unser innerer Frühling, der Eisprung der Sommer, die darauf folgende Lutealphase der Herbst und die Menstruation der Winter ist. Die Parallelen und Einsatzbereiche sind unglaublich vielfältig. Der Keltische Jahreskreis kann beispielsweise auch als Rad der Kreativität genutzt werden und die Phasen des kreativen Schaffens- oder Lernprozesses beschreiben. So gestalten auch die wildnispädagogischen Wildnisschulen nach dem Vorbild von solchen Rädern und Kreisläufen Lernräume für die persönliche Entwicklung. Selbst mein Lauf-Training folgt immer und immer wieder dem Rhythmus des Rades, von Motivation, Aktion und Regeneration.
Auch das gibt Vertrauen und Sicherheit: Mit der Zeit erfahren wir, dass der ewige Rhythmus von Entstehen und Vergehen sich ständig wiederholt und in ganz vielen Bereichen wirksam ist. Dadurch kann Verbindung und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen, dem Netz des Lebens entstehen. Die Rückbindung an den natürlichen Rhythmus des Lebens hat in der modernen Welt zwar nicht mehr die gleiche Dringlichkeit, wie für unsere Vorfahren, deren Überleben davon abhing. Vielleicht hat es aber nicht viel an Dringlichkeit eingebüßt. Denn in unserer modernen Welt voller Entfremdung und seelischer Verarmung, sichert die Rückbindung an den natürlichen Kreislauf das Überleben unserer Seele. Wir können wieder im Einklang mit dem universellen Rhythmus des Lebens leben, der auch unser eigener Lebensrhythmus ist. Wir können heimisch werden auf dieser Welt. Eingebettet in den ewigen Kreislauf wiegt uns der Rhythmus des Lebens – auf und ab und auf und ab.
Naturverbindung – Zurück zu unseren europäischen Wurzeln
Was das Thema Naturspiritualität und Naturverbundenheit angeht, gibt es viele gute Anregungen und Impulse, die sich in allen Kulturen rund um den Globus finden. Wie es schon immer das Wesen des Menschen war, können wir selbstverständlich von anderen Kulturen lernen. In unserer heutigen modernen Zeit sind dies vor allem die noch lebenden Nachfahren der letzten indigenen und naturverbundenen Stammeskulturen in Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Australien.
Warum aber, macht es großen Sinn, dabei nicht die eigenen europäischen Wurzeln zu vergessen?
Lebensräder wie der keltische Jahreskreis sind der Ausdruck konkreter Naturerfahrung in kulturell gefasste Bilder (Ursula Seghezzi, Der Lebenskompass). Es gibt einen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Natur und Kultur. Menschen und ihre Kultur sind geprägt von der Landschaft, in der sie wohnen und deren klimatischen und jahreszeitlichen Besonderheiten, den einheimischen Pflanzen und Lebewesen. Wenn man sich das klar macht, versteht man auch, warum sich viele Lebensräder voneinander unterscheiden, auch wenn der universelle Rhythmus von Entstehen und Vergehen immer gleich bleibt. So ordnen manche Räder das Element Feuer dem Sommer und manche dem Herbst oder Frühling zu. Gleiches gilt für das Element Wasser. Auch die Zuordnung der Zeitqualitäten und der Menschheitsphasen unterscheiden sich teilweise im Detail. Was gleich bleibt ist aber die Funktion und Bedeutung, die solche Lebensräder für uns Menschen haben können. Sie sind Modelle, Vereinfachungen der Komplexität des Lebens, die uns Orientierung, Vertrauen und eine Rückbindung an die Natur geben.
Auch unsere keltischen Vorfahren, ihre Götter und Geschichten, ihre Wahrnehmung von der Welt waren zutiefst geprägt von der Landschaft, dem Klima, den Pflanzen und Lebewesen in Mitteleuropa. Wenn es in unserer modernen Welt bei der Verwendung von Lebensrädern vor allem um eine Rückbindung an die Natur und die natürlichen Kreisläufe des Lebens geht, dann macht es Sinn sich an Lebensrädern zu orientieren, die die Bild- und Symbolsprache unserer Vorfahren und der natürlichen Umgebung, in der wir leben, sprechen. Die Bild- und Symbolsprache unserer keltischen Vorfahren ist vermutlich noch tief gespeichert in unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele.
Der Keltische Jahreskreis ist ein europäisches Medizinrad. Er orientiert sich an der europäischen Landschaft und am europäischen Kulturgut, auch wenn wir um die Ungenauigkeiten in der Überlieferung wissen. Denn den einen keltischen Jahreskreis gibt es nicht. Wir müssen selbst Verantwortung für uns übernehmen. Wenn wir den Keltischen Jahreskreis leben, geht es nicht um ein schematisches oder dogmatische Abarbeiten von vermeintlich feststehenden und genau zu beachtenden Vorgaben. Wir müssen immer selbst spüren und erfahren und beobachten, wo uns der Weg hinführt.
Gleichgewicht und Polarität im achtspeichigen Rad
Die Jahreskreisfeste entstanden aus dem Leben in der Natur und der genauen Beobachtung der natürlichen Vorgänge und des Verlaufs der Sonne und der Himmelskörper. Der keltische Jahreskreis setzt sich aus insgesamt acht Festen im Jahresverlauf zusammen, die sich an den Jahreszeiten und dem Verlauf der Himmelskörper im Jahresverlauf orientieren. Die Feste liegen sich im Jahreskreis jeweils gegenüber und bilden so ein achtspeichiges Rad. Dadurch drückt sich auch eine gewisse Polarität im Jahreskreis aus, in der sich gegensätzliche Kräfte – Leere und Fülle, Entstehen und Vergehen, Wachstum und Rückzug, Aktivität und Stillstand – über den Jahreslauf gesehen wieder in einem Gleichgewicht miteinander finden.
Sonnen- und Mondfeste
Im Jahreskreis der Kelten sind vier Sonnenfeste fest durch den Verlauf der Sonne auf der Nordhalbkugel vorgegeben: die Sonnenwenden im Sommer (längster Tag und kürzeste Nacht) und Winter (längste Nacht und kürzester Tag) und die Tag- und Nachtgleichen im Frühling und Herbst. Sie kennzeichnen den Höhepunkt der jeweiligen Jahreszeit und zugleich einen Wendepunkt. Durch sie entsteht das keltische Kreuz im Jahreskreis.
Zwischen diesen Festen liegen vier Mondfeste, die früher zu einem bestimmten Voll- bzw. Neumond im Jahr gefeiert wurden. Mit der Einführung des römischen Kalenders und der Christianisierung der vor-christlichen Bräuche der Kelten, wurden die Mondfeste auf einen bestimmten Kalendertag festgelegt. Die Mond-Feste wurden je zu Ehren eines Götterpaares gefeiert. Dieses Gottheiten übernahmen an dem Fest die Vorherrschaft über den Zeit-Raum bis zum nächsten Mondfest. Die Kelten nannten diesen Zeitraum das Reich der jeweiligen Gottheit. Jede dieser Gottheiten verkörpert die natürliche Zeitqualität im Jahresverlauf. Häufig sind sie eng verbunden mit bestimmten Tieren oder jahreszeitlichen Pflanzen.
Jahreskreisfeste im Überblick
Der Jahreskreis lässt sich in Orientierung an die Lichtverhältnissen im Jahresverlauf in eine dunkle und eine helle Seite einteilen. Für die Kelten begann das Jahr und auch der Tag (als Einheit von Tag und Nacht) jeweils mit der dunklen Hälfte, dem Herbst oder der Dämmerung. Das keltische Jahr startet daher Anfang November mit dem Mondfest Samhain zu Ehren des Totengottes Samhain und der schwarzen Göttin Morrigan. Es wurde als einziges der vier Mondfeste zum Neumond gefeiert, dem Neumond, der der Herbst-Tag und Nachtgleiche am nächsten ist. Die anderen drei Mondfeste wurden jeweils zum Vollmond gefeiert. Die Wintersonnenwende ist die dunkelste Nacht, in der die Geburt des Lichts, des Sonnengottes gefeiert wird. Die Zeit zwischen den Jahren – die Rauhnächte – diente der Angleichung des Sonnen- und des Mondkalenders. In diesen besonderen Nächten stand alles still. Es ist eine Zeit für Reflexion. Zum Februar-Vollmond übernimmt die weiße Göttin Brighid mit ihrem Bären die Herrschaft. Sie bringen das Licht zurück und erwecken die Erde zu neuem Leben. Ihr zu Ehren wird das Fest Imbolcgefeiert. Die Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche ist der Höhepunkt des Frühlings. Die Natur ist geprägt von Aufbruch und Wachstum. Licht und Dunkelheit sind im Gleichgewicht. Im Mai beginnt zu Beltane oder Walpurgis mit wilden und ausgelassenen Mai-Feierlichkeiten zum Mai-Vollmond die helle und warme Hälfte des Jahres. Es ist die Zeit des Sonnengottes Bel oder Belenos und seiner fruchtbaren Blumengöttin Belisama (Dana), die sich bei der heiligen Hochzeit vermählen. Die längsten Tage des Jahres und lauen Mittsommernächte laden zur Sommersonnenwende zu Freudenfeuern ein. Die Pflanzengöttin ist nun schwanger mit Früchten der Erde. Der August-Vollmond leitet mit dem Fest Lughnasad oder Lammas die Ernte-Zeit ein. Es ist die Zeit der Verwandlung. Der Fruchtbarkeitsgott Bel verbrennt bei diesem Erntefest in den heißen Augustfeuern und verwandelt sich in den feurigen und leuchtenden Gott Lugus oder Lug. Zusammen mit seiner Ernte- oder Korngöttin steht er für die Vollendung des Wachstumszyklus, für das Vergehen und das Verblühen und Versamen, das den neuen Lebenszyklus erst möglich macht. Die Herbst-Tag- und Nachtgleiche stellt den Höhepunkt der Erntezeit dar. Diese Zeit ist geprägt von Erntedankfesten und der Vorbereitung auf den kommenden Winter.
Hier sind die acht Feste im Überblick mit ihrer kalendarischen Verortung und der entsprechenden Zeitqualität:
Samhain
Neumondfest – 1. November
Ahnen, Wurzeln, Rückzug, Sterben, Loslassen
Wintersonnenwende / Jul
Sonnenfest – 21./22. Dezember:
Geburt des Lichts in der Dunkelheit, Stille, Leere, Regeneration, Hoffnung, Vertrauen
Rauhnächte
25. Dezember bis 06. Januar
Zeit zwischen den Jahren: Übergang, Grenzwanderung, Anderswelt, Rückschau und Vision
Auch heute können wir, wenn wir auf detektivische Spurensuche gehen, vieles entdecken, was keltischen oder germanischen Ursprungs ist. Keltische Weisheit, Naturspiritualität und Naturverbundenheit ist noch nicht verschwunden. Sie ist zum Teil überlagert vom Christentum und anderen Kulturen. Auch das ist nichts Negatives, sondern ist der ewige Lauf der Dinge, dass alles sich verändert und nichts gleich bleibt.
Es macht Spass, die Augen offen zu halten, nach uralten vorchristlichen Bräuchen und Ritualen. Dann können wir feststellen, dass sie uns nicht nur im Märchen begegnen. Keltisches Kulturgut und keltische Weisheit begegnet uns fast tagtäglich im Alltag – in der Sprache, der Landschaft, den (Heil-)pflanzen und Bäumen. Wir können, dass als Anlass nehmen und uns an unsere indigenen Vorfahren erinnern und daran, wie die tief verwurzelt sie waren in den Kreisläufen der Natur und des Lebens.
Quellen: Storl, Wolf Dieter: Pflanzen der Kelten; Ursula Seghezzi, Der Lebenskompass, in: Bögele/Heiten, Räder des Lebens; Kaiser, Martina: Der Jahreskreis; O’Donohue, John: Anam Cara, Das Buch der keltischen Weisheit; Das Buch der keltischen Mythen, Von Göttern, Kriegern, Feen und Druiden; Bögele, Robert / Heiten, Gesa: Räder des Lebens