Wintersonnenwende: Geburt des Lichts in der Dunkelheit

Rückkehr des Lichts

Die Sonne hat ihren tiefsten Stand im Jahr erreicht. Das neue Licht wird in der dunkelsten Nacht geboren. Es ist still und ruhig in der Natur. Und auch wenn das in der hektischen Weihnachtszeit verrückt klingt. Wenn wir im Einklang mit dem natürlichen Rhythmus leben wollen, dann sollten wir in Erwägung ziehen, uns für die wohltuende und lebensnotwendige Energie der Verlangsamung zu öffnen. Unser Geist und Körper sind in unserer schnelllebigen Welt so vielen Reizen ausgesetzt, dass es Ruhe braucht, um mehr Klarheit im Leben zu bekommen. Die Tage werden nun wieder länger. In der Natur ist die Rückkehr des Lichts aber noch nicht spür- und sichtbar. Sie steht still und regeneriert. Nun beginnt der Winter.

In früheren Zeiten ging es im Winter um nicht weniger als Leben und Tod. Die Menschen hatten notwendigerweise eine engere Verbindung zur Natur. Die Natur zu kennen sicherte das Überleben. Die große Bedeutung des Wiedererstarkens der Sonne für ihr Leben und ihr Überleben feierten sie an Jul, Yule oder Alban Arthuan. Die Wintersonnenwende ist seit altersher eines der heiligsten Sonnenfeste. Sie fällt auf den 21.-23. Dezember. In dieser dunkelsten und längsten Nacht des Jahres gebiert Mutter Erde das wiedergeborene Sonnenkind. Dieser Mythos findet sich in vielen Kulturen. Es ist auch kein Zufall, dass im Christentum in dieser heiligen Nacht das Weihnachtsfest als heilige Nacht gefeiert wird. Es ist davon auszugehen, dass die Christen diese alten Feste mit ihrer eigenen Geschichte überlagert haben. Die Geschichte von der Geburt Gottes Sohnes, der die Hoffnung auf Frieden und Liebe in die Welt bringt, ähnelt auch stark der alten Symbolik von der Geburt des Lichts in der dunkelsten Stunde.

Alte Symbole – Weihnachtsbaum, Kerzen und Adventskranz

Adventskranz und Weihnachtsbaum gehen zurück auf uralte heidnische Bräuche. Sie stehen für die Hoffnung auf die Rückkehr des Lichts und des Lebens. Die immergrünen Tannenzweige stehen für Lebenskraft und den Widerstand gegen den Scheintod des Winters. Bäume sind mit ihren Wurzeln, die tief in die Erde hineinreichen, und ihrer Größe, die in den Himmel ragt, ein uraltes Symbol für Lebenskraft. Im römischen Mithras-Kult wurde der Sonnengott Mithras zur Wintersonnenwende mit einem geschmückten Baum geehrt. In den nordischen Ländern wurde zur Wintersonnenwende das Julfest gefeiert. Der Name Jul, Yule oder Jol hat einen alten Bezug zum Namen Jolnir, einem der Namen des Göttervaters Odin. Auch der Brauch des Weihnachtsbaums hat Bezüge zur nordischen Mythologie – zu Yggdrasil, dem Weltenbaum. Bei den Kelten hieß das Fest Albhan Arthuan. Das heutige Anzünden der Kerzen auch am Weihnachtsbaum kann als Überbleibsel der Feuerfeste zu Mittwinter gesehen werden: Das Entzünden des Lichts in der dunkelsten Nacht. Symbolisch für den Tod und die Wiedergeburt der Sonne wurden an Jul alle Feuer gelöscht und in einer gemeinsamen Zeremonie wieder neu entflammt.

Auch wir können das gemeinsam oder allein in einem Licht-Ritual feiern. Ich versammle mich zur Wintersonnenwende gerne mit Familie und Freunden um ein Feuer, jeder mit einer Kerze. Einer entzündet seine Kerze in der Dunkelheit am Sonnenwendfeuer und gibt das Licht an seinen Nachbarn weiter, indem er dessen Kerze entzündet. Die Kerze kann jeder im Jahresverlauf in dunklen Stunden anzünden. Sie steht für jeden ganz individuell für das, was in der dunklen Stunde am meisten gebraucht wird.

An Yule oder Jul (hjol oder hol bedeutet im Germanischen auch Rad) hörte nach der Vorstellung der Germanen das Rad des Jahres auf zu drehen und die Sonne kam zum Stillstand. Das neue Licht ist zwar in der dunkelsten Nacht, am Wendepunkt von Dunkelheit und Licht, geboren. Noch ist dies aber kaum merkbar. Erst nach zwölf bzw. dreizehn ge/weih/ten Nächten („Weih“nachten und die heiligen Rauhnächte) ist das Wiedererstarken und der Beginn des neuen Lebenszyklus sichtbar. 

In der Stille und Dunkelheit ist Raum, dass Neues entsteht. 

Ein leerer dunkler Raum steckt voller Möglichkeiten. Alles Leben wird aus der Dunkelheit geboren – wir Menschen, die Tiere und Pflanzen, Gedanken und Empfindungen, unser ganzes Universum. Dafür steht das Bild der Geburt des Lichtes, des Sonnenkindes zur Wintersonnenwende. Wenn wir so leer sind, wie die Natur im Winter, leer an Gedanken und Gefühlen, wenn da nichts ist an ablenkenden Geräuschen und Impulsen, wenn wir keine Konzepte, Ideen oder Pläne mehr festhalten, dann sind wir offen für das Neue, das jedem neuen Augenblick innewohnt. Damit kein Missverständnis aufkommt: Leere bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass da keine Gedanken, Empfindungen oder Geräusche sind. Es bedeutet vielmehr, dass wir diese Phänomene mehr aus einer Beobachter-Perspektive betrachten. Dass wir sie als das wahrnehmen können, was sie sind: flüchtige Gedanken, Körperempfindungen, Geräusche und Gefühle. Dass wir nicht verwickelt sind, im Autopiloten, in der Trance, so dass wir gar nicht mitbekommen, was gerade los ist. Dass wir die Gedanken und Empfindungen nicht festhalten und in ihre Geschichten einsteigen, sondern sie kommen und gehen lassen können, wie Wellen im Meer – kommen und gehen, entstehen und vergehen.

Wenn wir leer sind, dann haben wir die Offenheit, Empfänglichkeit und Klarheit, um neue Impulse und Wahrheiten zu empfangen (Yin-Kraft) – aus der Anderswelt, dem Unsichtbaren, Unbekannten und Unbewussten, aus unseren tiefsten inneren Seelenlandschaften, von den Lebewesen, die uns umgeben, aus unserer Umwelt, mit der wir verbunden sind, aus der Natur auf der Erde und aus dem Universum mit der Sonne, dem Mond und den Sternen.

Dies kann auch eine Begegnung mit unseren inneren Schatten oder „Dämonen“ sein, den Teilen von uns die uns unangenehm, nicht willkommen oder nicht bewusst sind. Eine solche Begegnung kann zu tiefer Heilung und innerem Frieden  führen – nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Umwelt. Und wer weiß, welcher Schatz sich da tief unserem Inneren verbirgt?

Der Grund, warum wir unser Herz so oft verschließen, liegt darin, dass wir nicht wirklich offen für uns selbst sind.
Große Teile von uns selbst sind uns so unwillkommen, dass wir jedes Mal davonlaufen, wenn sie auftauchen.
Und so schaffen wir es nie, wirklich und voll und ganz anwesend zu sein. 
Doch nur wenn wir bereit sind, voll und ganz zu uns zu stehen und uns selbst niemals im Stich zu lassen,
sind wir in der Lage, auch anderen Menschen beizustehen und ihnen unsere Hilfe mit einem offenen Herzen anzubieten.“

Pema Chödrön

Stille

Ich versuche in die Stille der Dunkelheit zu hören.

Was kann ich hören? Was kann ich spüren? Was wahrnehmen?

Stille heisst nicht, dass da kein Geräusch ist. 

Was bedeutet Stille für dich? Wie fühlt sich Stille für dich an?

Wir sind Stille. In jedem von uns ist diese Qualität von Stille. 

We are made from dust and silence.

Ayla Nereo, Turning Wake

Auch im kreativen Schaffensprozess kann (in der sog. Intuitiven Phase oder Inkubationszeit) eine Phase des Stillstands im schöpferischen Prozess bzw. Nicht-Beschäftigung mit dem Problem oder der Aufgabe dazu führen, dass durch Entspannung die Schaffenskraft und Kreativität steigt. Die bisher gesammelten Informationen und Ideen können dann im Unbewussten arbeiten. Wir alle werden viel mehr aus dem Unbewussten (in uns) gesteuert, als uns oft klar ist. Die Pause ermöglicht Distanz und damit einen Ausbruch aus festgefahrenen Denkmustern. Durch die Entspannung und den Raum für innere und intuitive Prozesse können wir im besten Fall neue schöpferische Impulse aus dem Unbewussten empfangen. Auch im Körper entsteht beim Sport etwas Neues, nämlich Muskeln, in der Regenerationsphase (Yin-Qualität) erst dann also, wenn der Ruhezustand erreicht ist.

When the mind becomes more still, tranquil, not seeking any answer, neither resisting nor avoiding,
it is only then, that there can be some regeneration, that something new is borne.
Because in that stillness, in that quietness the mind is capable of perceiving of that which is true.
And it is the truth, that liberates, not our efforts to be free.

Unbekannt

Das Feuer der Zuversicht

Ich glaube, dass wir einen Funken jenen ewigen Lichts in uns tragen, das im Grunde des Seins leuchten muss und welches unsere schwachen Sinne nur von Ferne ahnen können.
Diesen Funken in uns zur Flamme werden zu lassen und das Göttliche in uns zu verwirklichen, ist unsere Pflicht, ja der einzige tiefe Sinn unseres Daseins.“

Johann Wolfgang von Goethe

In der kalten und dunklen Zeit um die Wintersonnenwende geht es darum, das innere Feuer der Hoffnung auf Überleben, auf neues Leben zu entfachen. Natürlich auch im übertragenen Sinn. Wenn etwas vergeht, wird etwas Neues entstehen und den leer gewordenen Raum wieder füllen. Das ist der ewige Kreislauf – von Tod und Geburt, Ruhe und Aktivität, Dunkelheit und Licht, Leere und Fülle, Nehmen und Geben.

Zur Wintersonnenwende können wir uns voller Zuversicht daran erinnern, dass aus der Dunkelheit, dem Stillstand, aus dem Tod etwas Neues, neues Leben entsteht. Denn nichts verschwindet ganz, alles wird nur zu etwas anderem – Transformation und Verwandlung. Das ist auch in der Physik und Chemie anerkannt. Damit wird der ewige Kreislauf am Leben gehalten.

Möget ihr in der Stille und Dunkelheit der Winternacht Raum für die Begegnung mit dem, was gerade da ist, finden – mit der Wahrheit, den Möglichkeiten, dem Schatten und dem Licht. Möge unser inneres Feuer uns durch die dunkelsten Nächte begleiten.

Search the Darkness 
Sit with your friends; don’t go back to sleep
Don’t sink like a fish to the bottom of the sea.
Life’s water flows from darkness.
Search the darkness don’t run from it.
Night travelers are full of light,
and you are, too; don’t leave this companionship.
Be a wakeful candle in a golden dish,
don’t slip into the dirt like quick silver.
The moon appears for the night travelers,
be watchful when the moon is full.

Rumi

Mutternacht – Modraniht

Die Wintersonnenwende wird auch als Mutternacht bezeichnet. In früheren Kulturen wurde zu dieser Zeit auch die Mutter besonders geehrt und gewertschätzt. Sie ist es, die das neue Leben, das Licht auf die Welt bringt. Die Geburt neuen Lebens ist immer wieder ein Wunder. Und so heißt es auch heute noch das Weihnachtswunder.

Wir können uns inspirieren lassen und uns daran erinnern, welche Kraft eine Wertschätzungs- und Dankbarkeitspraxis haben kann. Wir können uns zum einen bewusst all die kleinen Dinge und Gesten, freundlichen Worte und Blicke wertschätzen, die Liebe und Licht in unser Leben und diese Welt bringen.

„In a world where we can be everything, be kind.
Every act of kindness makes a difference.“

Unbekannt

Und genauso wichtig ist es, unsere Wertschätzung gerade auch für diese vermeintlich kleinen Gesten mit anderen zu teilen und ihr Ausdruck zu geben.

Die Mutternacht zur Wintersonnenwende ist zudem die Nacht, in der sich nach Überlieferungen die Tore zur Anderswelt öffnen sollen und die heilige und kostbare Zeit der Rauhnächte beginnt. Zwölf Nächte und dreizehn Tage zwischen der Zeit, dem alten und dem neuen Jahr, die wir als Einladung zur Reflexion und Innenschau verstehen können.

Öffnen für das Wunder der Weihnacht

Vieles von der ursprünglichen Bedeutung des Wintersonnenwendfestes und heutigen Weihnachtsfests, als Fest des Lichts, der Hoffnung auf Frieden und der Liebe und Gemeinschaft ist heute verloren gegangen. Die Erwartungen an dieses emotional aufgeladene Fest der Liebe sind oft hoch. Das kann uns unter Druck setzen und Enge erzeugen.

„When we hold on too tightly in life (Anmerkung: auch an unsere Erwartungen, wie eine Situation oder jemand sein soll),
there is no room for love.
It‘s only when we choose to let go that we discover that space.“

Andi Puddicomb

Deswegen ist es gut, wenn wir unser Innenleben – mit Wohlwollen und Nachsicht – beobachten und uns Öffnen für die Freude und Liebe. Wir können wieder versuchen, uns berühren zu lassen von dem Wunder der Weihnacht. Dabei geht es doch um nichts anderes als die Hoffnung, die jeder von uns Menschen in sich trägt, dass das Leben es gut mit uns meint. Es geht um die Zuversicht, dass es auch in der Dunkelheit Licht, Wärme, Schönheit, Verbindung und Liebe gibt. Wir dürfen in den natürlichen Lebenszyklus vertrauen, dass nach Phasen der Dunkelheit und Entbehrung, wieder Phasen des Lichts, der Leichtigkeit und Fülle kommen.

Es ist eine wunderbare Gelegenheit, dass wir uns für das ganze Leben öffnen, für alles was da ist. Vielleicht ist da auch Einsamkeit, Traurigkeit, dass man geliebte Menschen nicht sehen kann oder dass es soviel Leid auf der Welt gibt. Und wir können versuchen Gelassenheit zu entwickeln, ein kleines bißchen Frieden damit, dass Erwartungen vielleicht enttäuscht werden. Dabei sollten wir behutsam umgehen und uns nicht wieder mit überhöhten Erwartungen überfordern. Denn das kann an Weihnachten mit all der emotionalen Aufgeladenheit, alten Mustern und Erinnerungen besonders herausfordernd sein. Und wir dürfen uns unbedingt öffnen und aufladen mit all den Momenten der Freude, der Verbundenheit und des inneren und äußeren Friedens. Für diese heiligen Momente.

Peace comes when our hearts are open like the sky, vast as the ocean. 

Jack Kornfield

Möget ihr voll leuchtender Freude und innerem Frieden mit euch und der Welt sein!

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